Botho Strauß / Martin Crimp / Benedict Andrews
Groß und klein [Big and Small]
Schauspiel / Sydney / PREMIERE IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM
Von Botho Strauß
Englische Neuübersetzung von Martin Crimp
Botho Strauß’ modernes Meisterwerk widmet sich unserer Suche nach menschlichem Kontakt in der Welt von heute. Die gefeierte australische Film- und Theaterschauspielerin Cate Blanchett und die Sydney Theatre Company werfen einen frischen, internationalen Blick auf diesen europäischen Klassiker der Moderne, neu bearbeitet von Martin Crimp und inszeniert von Benedict Andrews. Mehr
Unlängst wurde in Sydney das Skelett einer Frau in ihrem Apartment gefunden, sie war seit 1988 tot. Ein Verwandter erinnerte sich ihrer als „schwierig“. Eine andere schwierige Person begab sich 1978 auf ihren Leidensweg durch Westdeutschland: Die Lotte-Kotte von Botho Strauß. In dem Stück Groß und klein wanderte sie bereits über die Bühnen der Welt. Von einer Station zur anderen kämpft sie sich durch die Höhen und Tiefen einer fragwürdigen Wohlstandsgesellschaft.
Nun lässt Cate Blanchett, gefeierte Film- und Theaterschauspielerin aus Australien, Lotte-Kotte in Sydney wiederauferstehen von den Toten. In der Probenarbeit erlebte das australische Ensemble das deutsche Stück vom anderen Ende der Welt als geradezu prophetisch: das vermeintliche „Ende der Ideologien“ vorwegnehmend und den Kollaps des Kapitalismus, die Befremdlichkeit der Fanatismen und die Vereinzelung des Menschen trotz seiner kompletten Vernetzung. Die Unschärfe der Wechsel zwischen Realität und Phantasie faszinierten Cate Blanchett, und ebenso die Erforschung eines Paradoxons: Je intensiver man sich in unserer postindustriellen Welt um echten menschlichen Kontakt bemüht, umso schlimmer wird’s. Gemeinsam mit der Sydney Theatre Company und Regisseur Benedict Andrews kommt Blanchett nach Wien, um Europa seine eigenen, in Vergessenheit geratenden Geschichten noch einmal zu erzählen.
Weniger
Künstlerische Leitung und BesetzungLOTTE / Cate Blanchett
OLD WOMAN / Lynette Curran
INGE/KARIN / Anita Hegh
WOMAN/MEGGY/TENT / Belinda McClory
GUITAR PLAYER/BOY / Josh McConville
PAUL/MAN WITH SHIRTS/DOCTOR / Robert Menzies
FAT WOMAN / Katrina Milosevic
TURKISH MAN / Yalin Ozucelik
WILHELM/OFFSTAGE LEAD GUITARIST / Richard Piper
ALF/JüRGEN / Richard Pyros
GIRL/JOSEFINA / Sophie Ross
YOUNG MAN/ALBERT/MAN IN PARKA / Chris Ryan
MAN/BERND / Christopher Stollery
OLD MAN / Martin Vaughan
Inszenierung / Benedict Andrews
Bühne / Johannes Schütz
Kostüme / Alice Babidge
Licht / Nick Schlieper
Musik UND SOUND DESIGN / Max Lyandvert
TOURleitung / Andrew Upton & Tom Wright
regieassistenz / Kip Williams
bühnenbildassistenz / Ben Clark
stimmen- und textraining / Charmian Gradwell
Production Manager / Annie Eves-Boland
Deputy Production Manager / Terri Richards
Stage Manager / Georgia Gilbert
Deputy Stage Manager / Minka Stevens
Assistant Stage Manager / Todd Eichorn
bühnentechnik / Richard Gosling
requisite / James McKay
lichttechnik / Adam Bowring
tontechnik / Paul Tilley
garderobe / Lauren A. Proietti
fotografin / Lisa Tomasetti
PRODUCER / Jo Dyer
ProduktionPRODUKTION Sydney Theatre Company
KOPRODUKTION Wiener Festwochen, Barbican London, London 2012 Festival mit Mitteln der National Lottery, Théâtre de la Ville, Paris,
Ruhrfestspiele Recklinghausen
DANK AN Young Vic, London
MIT UNTERSTÜTZUNG VON The Sydney Theatre Company Chairman’s Council
Pressestimmen
Diese „Lotte“ ist fantastisch
Cate Blanchett triumphiert in „Groß und klein“
[...] Diese Lotte ist ein aus der Welt gefallenes Wesen, eine Mittdreißigerin, die von ihrem Mann verlassen wurde, nun „in Scheidung lebt“ und auf der Suche ist. Wonach eigentlich? Nach einem abstrakten Du. Sie taumelt durch die von Strauß aufgezählten deutschen Orte, was durch die englische Sprache erstaunlicherweise mehr Realitätsgehalt mit ironischer Brechung erfährt.
Jene Lotte, die Weltstar und Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett hier entstehen lässt, ist kein einzelner Mensch, hier kommt unendlich viel zusammen: das Gehabe eines Girlies, die Verzagtheit einer Vereinsamten, die Sehnsüchte einer Arbeitslosen, die Projektionsfläche einer Introspektion, der Clown, der am Rande des Abgrunds ein flottes Tänzchen wagt.
Mit Blanchett allein ist ein derartiger Theatertriumph mit einem Ensemblestück nicht machbar. Ihre Mitakteure der Sydney Theatre Company sind ebenfalls fantastisch. Begeisterter, langer Premierenapplaus. [...]
O.Ö. Nachrichten, 14. Mai 2012
"Groß und Klein": Cate im Wunderland
Zeitstücke wie das von Botho Strauß sind von nur begrenzter theatralischer Haltbarkeit. Aber mitunter werden sie durch Schauspielkoryphäen wie Cate Blanchett zum Ereignis.
[...] Aber "Groß und Klein", der zeitgeistkritische Klassiker von gestern, taugt noch allemal zur Trägerrakete für die australische Oscar-Preisträgerin. Sie schafft es mühelos, der grotesken Tragik Raum und einer Außenseiterin Profil zu geben. "Amazing!" ist das in allen Variationen zerdehnte Keyword und der Running Gag in der Farce rund um die quirlige, exaltierte, kommunikationssüchtige Lotte.
Amazing ist auch die atemberaubende Performance der Blanchett. Sie zieht einen gleich zu Beginn in einem fulminanten Solo wie mit einem Jumbo-Jet hinein in die unergründbare Seele einer abgründigen Frau. Und lässt uns einen Blick ins Hirnhinterzimmer werfen, wo der Wahn wohnt. [...]
Delirante Daueroptimistin, verhuschte Neurotikerin an der Kippe zur Psychose, Einsame, weltentrückte Abenteurerin, labile Alice im Wunderland ... ?
Was von Lotte zu halten ist, liegt allein im Auge des Betrachters. Cate Blanchetts ebenso perfektes wie berührendes Spiel im sehr reduzierten Bühnenbild von Johannes Schütz ist eine Gratwanderung zwischen Normalität und Wahnsinn, lässt vieles in der Schwebe und alle Möglichkeiten der Interpretation offen. [...]
Kurier.at, 14. Mai 2012
Eine gefallene Zirkusprinzessin unterwegs
Ganz auf sich allein gestellt, und trotzdem nicht traurig: Lotte-Kotte (Cate Blanchett) in der Festwochen-Koproduktion von Botho Strauß' "Groß und klein" im Museumsquartier.
Witzig und leicht: Hollywood-Star Cate Blanchett gefiel in Botho Strauß' "Groß und klein" als Frau auf der Suche - mit Stimmakrobatik und Slapstick
Satter Applaus bei der Premiere der Wiener Festwochen.
[...] Die Unüberbrückbarkeit zwischen den Menschen macht hier - ähnlich wie bei Robert Lepage - die Technik deutlich (Diktafon, Telefonzelle etc.). Und nicht nur das weist diese kurzweilige, aber schlussendlich auch auf Distanz bleibende Inszenierung als außereuropäisches Produkt aus: Hier wird nicht nur mit exquisiter Technik, sondern insbesondere mit Körper- und Stimm-Slapstick gearbeitet. Beides beherrscht Cate Blanchett auf bestechende Weise.
Kraftvoll schiebt sie so den dreistündigen Abend an, versucht zum Beispiel neckisch, den unabsehbaren Manövern eines wandernden Campingzelts zu entrinnen, oder kullert beschützend auf dem dicken Körper eines zurückgelassenen Teenagers herum. Das alles ist der Rätselhaftigkeit von Lotte-Kottes Dasein zuträglich. Und zugleich steckt in dieser scheinbar leichthändigen Darstellung Blanchetts auch Tragik. [...]
Der Standard, 14. Mai 2012
The good news, for fans of genuine deserve-it A-list celebrities or (more importantly) simply good acting, is that Cate Blanchett is beyond terrific. Whimperingly, blisteringly terrific. She is a revelation, and those cynics who at times sniff at Hollywood stars bringing themselves into London's theatreland to hone their "real acting" kudos should sit down in front of this show, for the full three hours; and they would then stand and applaud. […]
It's not just the pitch-perfect range of Blanchett's emotions that captivates; her balletic athleticism mesmerises throughout. She skips, she sprawls, she teeters and pirouettes and manages to imbue a simple walk across the stage with, depending on mood, exuberant gaucheness or filigreed elegance.
At the very end, even her slouching exhaustion by life has an energy to it. There were four ovations from the audience, which I think we can safely wager is the first time for a while that London audience has felt that way about lengthy German surrealist drama. And they weren't, trust me, applauding a Hollywood star. They were applauding the realisation that sometimes, just sometimes, a person truly deserves to be a star.
The Observer, 15. April 2012
[…] It is, however, Blanchett who will long be remembered for her moving passage from a figure of bounding, irrepressible energy to one shrouded in silence like a Samuel Beckett character staring into the abyss.
The Guardian, 15. April 2012
An absorbing performance of utter isolation
Cate Blanchett delivers the bravest and most surprising performance I have seen from her as Lotte, the central figure in Botho Strauss's episodic study of one woman's estrangement from husband, family and the world. […]
Elegantly choreographing the diagrammatic elements of Johannes Schutz's set, Benedict Andrews's production creates lingering images of Lotte's predicament - Lotte camped outside a building which Schutz has re-scaled to amplify her out-of-placeness. Characters emerge from and retreat into darkness. [...]
A large supporting cast all have a moment to shine: Anita Hegh as Inge, Paul's prickly new girlfriend; Josh McConville as a disdainful nano-technician; Belinda McClory as a small town couture-lover; Yalin Ozucelik as a drunken Turk barking words foreign to him. Alice Babidge's eye for telling details in commonplace costume is crucial.
Lotte's last moments are haunting. It takes a few moments before the audience can breathe again. It feels like a kind of apotheosis. [...]
The Sydney Morning Herald, 21.11.2011
Cate Blanchett shows versatility in Sydney Theatre Company's final 2011 production Gross und Klein
[…] But with Blanchett's exquisite comic timing, director Benedict Andrews' brilliant vision and a strong ensemble cast, this is a ripper.
The Daily Telegraph, 21.11.2011
[…] It’s an interesting production – full of ideas and moments of tender reckoning. The cast is good, but it is Blanchett you’re there to see. And she is stunning. Dancing with wild abandon, scratching and shifting her clothes. Damaged and lost and funny and sweet. We love Lotte for her honest yearnings and her bumbling articulation. We admire her for continuing, hopefully and honestly into the great unknown. We laugh at her and with her. We find her joy. We enjoy her simplicity. Yet…
It’s a big performance.
It’s a big show.
A big show full of small moments of the ordinary and the everyday, warped and whittled into a pointy sharp stick poking at the wound of disconnectedness.
www.australianstage.com, 20.11.2011