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Elfriede Jelinek / Jossi Wieler
Rechnitz (Der Würgeengel)

Ein Schauspiel / München / ÖSTERREICH-PREMIERE
Von Elfriede Jelinek

Rechnitz – der Ort im Burgenland steht für ein lang verschwiegenes Massaker im März 1945 an 180 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern, die während eines Gefolgschaftsfestes durch die Partygäste (SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Nazis) ermordet wurden. Elfriede Jelinek lässt in ihrem Stück, das sie für Österreich verboten hat und nur für die Festwochen eine Ausnahme macht, die namenlosen Opfer sprechen – aus verschiedenen Schichten eines heutigen und damaligen Bewusstseins.

31. Mai, 22.30 Uhr, ORF 2: kultur.montag Spezial zum Thema Rechnitz
Der kultur.montag wird in Berichten und Reportagen die historischen Hintergründe beleuchten und zeigen, wie die Menschen in Rechnitz heute mit ihrer Geschichte umgehen. Darüber hinaus erzählen die beteiligten Künstler über die theatralische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Danach wird das preisgekrönte Theaterstück "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Elfriede Jelinek in einer Aufzeichnung von den Wiener Festwochen 2010 ausgestrahlt. Mehr

In der Nacht vom 25. März 1945 feierten auf dem an der österreichisch-ungarischen Grenze gelegenen Schloss Rechnitz SS -Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Nazis ein „Gefolgschaftsfest“. Gastgeberin war die Gräfin Margit von Batthyány. Während dieses Festes wurden 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter von den Partygästen ermordet, aus Laune. Gegen Mitternacht teilte Franz Podezin, NSDAP-Ortsgruppenleiter und Geliebter der Gastgeberin, Schusswaffen an zwölf Gäste aus. Drei Stunden lang wurden 180 Menschen zu Tode geprügelt oder erschossen. Die Gräfin wurde strafrechtlich nie belangt, die NS –Offiziere tauchten unter. Über das Massaker von Rechnitz wurde lange geschwiegen. Elfriede Jelinek lässt Boten aus der Geschichte von den Ereignissen sprechen. Sie sprechen aus verschiedenen Schichten eines heutigen und damaligen Bewusstseins. Sie sind die sprachliche Verfasstheit der „Banalität des Bösen“, die damals wie heute in Opfern das Minderwertige sehen. Sie führen uns unangenehm den Mangel jeder Aufarbeitung vor, in der die Opfer namenlos sind. In Jossi Wielers Inszenierung werden diese Boten zuweilen mit fünf Personen der Party identifiziert: der Gräfin Batthyány, ihrem Mädchen und drei der NS-Offiziere, die in einer Vorhölle und einem Schlossvorzimmer alles noch einmal tun.

Elfriede Jelinek hatte die Aufführung dieses Stücks für Österreich verboten und nun für die Festwochen eine Ausnahme gemacht.
Jossi Wieler inszeniert für Schauspiel und Oper und wird 2011 Intendant der Stuttgarter Staatsoper.


Literaturhinweis:
Janke, Pia / Kovacs, Teresa / Schenkermayr, Christian (Hg.): „Die endlose Unschuldigkeit“. Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“. Wien:
Praesens Verlag 2010.

In Bezug auf die bei den Wiener Festwochen gastierende Uraufführungsinszenierung von „Rechnitz (Der Würgeengel)“ enthält der Band neben zahlreichen Aufsätzen und einem Interview mit Elfriede Jelinek über den Text auch Gespräche mit dem Regisseur Jossi Wieler über seine Regiearbeit und dem Schauspieler André Jung sowie einen Aufsatz von Julia Lochte, der Chefdramaturgin der Münchner Kammerspiele, über die Inszenierung (Titel des Aufsatzes: "Totschweigen oder die Kunst des Berichtens. Zu Jossi Wielers Uraufführungsinszenierung von Elfriede Jelineks 'Rechnitz (Der Würgeengel)' an den Münchner Kammerspielen").

Genauere Informationen finden Sie unter www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/veranstaltungen/buchpraesentation-2010-1/

Weniger

Künstlerische Leitung und Besetzung

INSZENIERUNG / Jossi Wieler
BÜHNE UND KOSTÜME
/ Anja Rabes
LICHT
/ Max Keller
MUSIK
/ Wolfgang Siuda
DRAMATURGIE
/ Julia Lochte
MIT
Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl

Produktion
GASTSPIEL
PRODUKTION Münchner Kammerspiele
Pressestimmen
Wir sehen weder die Täter noch die Opfer von Rechnitz sondern anonyme und nirgendwo sozial geerdete „Boten“, die ihre eigenen, immerfort anzweifelbaren Geschichten spielen und erzählen. Jelineks Text ist ein zwar zäh lesbarer, in dieser Wiedergabe aber luzider, hoch intelligenter und in seinem Spiel mit der Dialektik auch vergnüglicher Essay über Sprache und Lüge, über die Wahrheit von Geschichten und Geschichte. Auf diesem intellektuellen Hochseil allerdings kann sich nur ein erstklassiger Regisseur mit einer ebensolchen Mannschaft halten - wie eben Jossi Wieler und sein bestechend brillantes Ensemble aus Hildegard Schmahl, Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer und Steven Scharf.
Der Jelinek erprobte Regisseur Jossi Wieler, der das Stück nun in stark kondensierter Form in den Münchner Kammerspielen zur Uraufführung brachte, macht es anders - intimer, konzentrierter: In einem mit dunklen Parketthölzern getäfelten Raum, in dem ein einzelnes Hirschgeweih den Jagdschlosscharakter markiert (Bühne und Kostüme: Anja Rabes), swingen, Zähne bleckend und huldvoll winkend, fünf Personen herein: zwei Frauen (Hildegard Schmahl und Katja Bürkle), drei Männer (André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf), fünf Schauspieler von betörender Brillanz.
Sie tragen Abendgarderobe und eine unerhört gute Laune zur Schau, und die Blicke, mit denen sie ihre Zuhörerschaft zur heiteren Wohlfühlmusik von Wolfgang Siuda ins Visier nehmen, sind so schamlos herausfordernd, lasziv und direkt, dass einem angst und bang werden könnte.
Der danse macabre, mit dem sie in den folgenden zwei Stunden zu musikalischen Motiven aus dem Freischütz die Greuel der Vergangenheit rhetorisch umtänzeln und sich dabei lüstern an die Unterwäsche gehen, ist auch ein Tanz der Vampire: Diese fünf "Boten", die als Gesellschaft von Eingeschlossenen Luis Buñuels Film Der Würgeengel zitieren, sind nicht nur widerliche, sich windende und widersprechende Augenzeugen, Berichterstatter, Mauerschauer, die immer wieder betonen, dass sie ja eigentlich gar nichts gesehen haben ("Sie wissen, wie weit man uns glauben kann!"), sondern sie sind auch die Täter, die Mörder, die ewigen Mitmacher oder eben deren böse Geister: Zombies der Geschichte – Untote, wie sie durch alle Jelinek-Stücke spuken. Wieler inszeniert nicht nur die Banalität, sondern auch die Obszönität des Bösen. So gewinnt dieser grinsende Gute-Laune-Abend etwas zutiefst Beklemmendes.“

Süddeutsche Zeitung, 1. Dezember 2008

Links

Spieltage

22.05.10 20:00
23.05.10 20:00
24.05.10 20:00

Preise

EUR 8,- / 15,- / 27,- / 36,- / 48,-

Sprache

Deutsch

Dauer

1 Std. 50 Min., keine Pause

EINFÜHRUNG

von Julia Lochte, Eintritt frei
22., 23., 24. Mai, 19 Uhr
Theater Akzent

PUBLIKUMSGESPRÄCH

23. Mai, im Anschluss an die Vorstellung, Theater Akzent