Am 17. Mai 2024 erklärten sich die Wiener Festwochen, das größte Crossover-Festival Europas, vor 36.000 Menschen zur Freien Republik Wien. Ein Rat der Republik wurde gegründet, um Richtlinien für ein „Festival der Zukunft“ auszuarbeiten. Heute, am 23. Juni 2024, endet das konstituierende erste Jahr mit der Veröffentlichung der Wiener Erklärung als Verfassung der Freien Republik Wien.

Warum braucht ein Kunstfestival eine Verfassung? Die Werte, Gedanken und Regeln, die im Folgenden präsentiert werden, sind seit Jahren Teil von kuratorischen Debatten. Wir veröffentlichen heute die Wiener Erklärung, um aus impliziten explizite Regeln zu machen, aus ideologischen Debatten konkrete Entscheidungen. Nur eine transparente Grundlage ermöglicht das gleichberechtigte Zusammenarbeiten. Die Wiener Erklärung ist ein entschiedener Schritt in Richtung der Ausarbeitung des „Festivals der Zukunft“ auf Grundlage des kulturpolitischen Auftrags der Wiener Festwochen als spartenübergreifendes, produzierendes und internationales Festival.

Zwei Überlegungen haben die Debatten innerhalb des Rats der Republik begleitet: Eine Institution, die sich öffnen und ändern will, muss zuerst erkennen, dass sie Teil des Problems ist. Strukturelle Ausschlüsse werden laufend reproduziert. Ein Stadtfestival muss auf die Menschen einer Stadt zugehen, sie einbeziehen und auf sie hören. Zugleich muss ein internationales Festival auf die Globalität der Kunst antworten und sich den künstlerischen und sozialen Praktiken der Welt öffnen. Und dafür messbare Parameter entwickeln, die jährlich überprüft und angepasst werden.

Erarbeitet wurde die Wiener Erklärung vom Rat der Republik, einem Gremium aus 80 Wiener:innen. Menschen aus allen Bezirken der Stadt, Schüler:innen, Auszubildende und Student:innen, Angestellte und Selbstständige; Menschen ohne Arbeit und Menschen im Ruhestand; Menschen, die hier aufgewachsen sind oder die aktuell Asyl suchen; Menschen aller Gender und Geschlechter; Menschen mit und ohne Behinderung; Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien, Migrationsgeschichten und Lebenswegen, als Feuerwehrmann und Lehrerin, als Künstler:in, Kinderpsychiater und Wirtin, Sozialbegleiter und Ärztin, Verhaltensbiologe und Juristin, Aktivist:in und Freizeitpädagoge.

Fünf Wochen lang haben 60 Expert:innen aus Kunst, Kultur, Politik, Wissenschaft, Aktivismus und Zivilgesellschaft vor dem Rat ihre Positionen rund um die Transformation der Wiener Festwochen dargelegt. In 10 Sitzungen sind dabei fast 1000 Statements und Anregungen ausgetauscht worden: Welche Kunst braucht unsere Zeit? Und wie kann ein Festival seine gesellschaftspolitischen Ziele radikal umsetzen?

Die folgende Erklärung gibt eine Richtung vor. Die konkrete Ausarbeitung der Maßnahmen, die in den kommenden Jahren Stück für Stück in das Festival implementiert werden, erfolgt ab Herbst 2024 in verschiedenen Rats-Ausschüssen. Auch in Zukunft werden dafür Expert:innen und Partner:innenorganisationen aus der Stadt Wien, aus Europa und der ganzen Welt eingeladen, angehört und an der Umsetzung beteiligt.

Erstens
: Nur vielfältige Perspektiven ermöglichen ein vielfältiges Programm. Kuratierung darf nicht das Privileg einer kleinen Gruppe von Kurator:innen sein. Die Freie Republik Wien führt daher einen wechselnden Programm-Beirat aus lokalen und internationalen Expert:innen ein.

Zweitens: Umfassender struktureller Wandel statt Lippenbekenntnisse. Die Freie Republik Wien definiert verbindliche Quoten für Einladungen, Koproduktionen und Neuproduktionen. Die globale Komponistinnen* Plattform Akademie Zweite Moderne ist ein Beispiel dafür.

Drittens: Das Festival gehört dem Publikum – auch jenem, das noch nicht da ist. Durch die radikale Verschränkung von Programmierung, Öffentlichkeitsarbeit und Preispolitik wird die Gesellschaft in ihrer Breite angesprochen. Das Volksstück, das in Kooperation mit 23 Partner:innen durch die ganze Stadt tourt, ist ein erster Schritt.

Viertens: Der politische Handabdruck ist so wichtig wie der ökologische Fußabdruck. Die Freie Republik Wien entwickelt gemeinsam mit Partner:innen aus der ganzen Welt ein nachhaltiges Produktions-, Präsentations- und Touring-Modell und gibt der sozial-ökologischen Transformation eine Bühne.

Fünftens: Veränderung beginnt in der Institution. Nur ein Team, das die Vielfalt der Gesellschaft repräsentiert, kann ein Festival veranstalten, das für die Stadt und die Welt relevant ist. Die Freie Republik Wien setzt sich zum Ziel, die Vielfalt der Stadtgesellschaften in ihrer Personalstruktur abzubilden.

Sechstens: Auseinandersetzung statt Hinterzimmerdiplomatie. Die Freie Republik Wien entwickelt klare Abläufe und öffentliche Formate, die im Fall von Kontroversen und dem Ruf nach der Ausladung von Gäst:innen oder dem Canceln von künstlerischen Projekten zum Einsatz kommen.

Siebtens: Die Bühnen dieser Stadt den Menschen, die in ihr leben. Wir entwickeln jährlich künstlerische Projekte mit lokalen Communities. Im Sinne einer entgrenzten Moderne gilt: Globaler Austausch befördert die städtische Vielfalt.

Achtens: Die Freie Republik Wien macht das Theater zu einem Raum der Auseinandersetzung. Um gesellschaftliche Realitäten zu verhandeln, braucht es Formate, die rasch und nachhaltig auf aktuelle Ereignisse reagieren. Die Debatten, die Die Wiener Prozesse auslösten, sind dafür ein erstes Beispiel.

Neuntens: Wir bekennen uns zu einem respektvollen Arbeitsumfeld und gegen jede Form von Diskriminierung und Gewalt untereinander – vor, auf und hinter der Bühne. Gemeinsam mit Expert:innen werden Verhaltensregeln entwickelt und umgesetzt.

Zehntens: Wer finanziert die Wiener Festwochen, wer profitiert von ihnen? Die Freie Republik Wien verstärkt Maßnahmen zur kritischen Auseinandersetzung mit der vergangenen und gegenwärtigen Einkommens- und Fundraising-Struktur der Wiener Festwochen GesmbH im Hinblick auf soziale und Klimagerechtigkeit.

Hearings Protokolle

Hearings Woche 1

Dienstag 21. Mai Kuration: Zum Protokoll
Mittwoch 22. Mai
Quoten: Zum Protokoll

Ausschussleitung
Elisabeth Großschädl, Fariba Mosleh
Expert:innen
Ivana Pilic, Iketina Danso, Laura Camacho, Necîbe Qeredaxî und Sarah Marcha, Prof. Dr. Maria do Mar Castro Varela, Alev Korun, Cornelia Scheuer, Bettina, Masuch, Sara Ostertag, Marita Haas, Susanne Hochreiter

Hearings Woche 2

Dienstag, 28. Mai Ticketing und Verteilung der Produktionskosten: Zum Protokoll
Mittwoch, 29. Mai Produktion, Management, Nachhaltigkeit: Zum Protokoll

Ausschussleitung Monika Mokre, Yosi Wanunu
Expert:innen Ruth Goubran, Marina Grzinik, Joachim Kapuy, Katta Spiel, Monika Wagner, Jens Badura, Petja Dimitrova, Ulrike Kuner, Martin Piber, Artemis Vakianis, Bernhard Günther

Hearings Woche 3

Dienstag, 4. Juni False Actions: Zum Protokoll
Mittwoch, 5. Juni
True Change: Das Protokoll wird demnächst veröffentlicht

Ausschussleitung Noomi Anyanwu, Dunia Khalil, Alexander Martos
Expert:innen Andrea Lumplecker, Heinz Sichrovsky, Dusty Whistles, Günther Friesinger, Nada Taha Ali Mohammend, Birgit Englert, Noomi Anyanwu, Vera Rosner, Martin Wagner, Arne Forke, Andreas Mailath-Pokorny

Hearings Woche 4

Dienstag, 11. Juni Bühne: Zum Protokoll
Mittwoch, 12. Juni
Publikum: Das Protokoll wird demnächst veröffentlicht

Ausschussleitung Meinhard Rauchensteiner, Kid Pex (Pero Rosandic)
Expert:innen Luana Oliveira / Devanir Oliveira de Araújo - MST, Andreas Rotheneder, Walburga Fröhlich, Lukas Crepaz, Anahita Naghabat, Alexander Götz, Aslı Kışlal, Johanna Doderer, Ahmad Mitaev, Michael Scheidl, Fabian Reicher

Hearings Woche 5

Dienstag 18. Juni Ökologischer Fußabdruck vs. politischer Handabdruck: Zum Protokoll
Mittwoch 19. Juni Klimagerechtigkeit und nachhaltige Produktionsstrukturen: Zum Protokoll

Ausschussleitung:
Jerry Catal, Lucia Steinwender
Expert:innen Florian Wagner, Julian Schütter, Melinda Weidenmüller, Verena Ehold, Killian Jörg, Roishetta Ozane, Mira Kapfinger, Claudia Isep, Mona Rieken, Wiebke Leithner, ZAD

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