Niemand hat die ganze Wahrheit, alle einen Teil davon

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Teilnahme von Annie Ernaux am Rat der Republik der Wiener Festwochen | Freien Republik Wien. Und wie die dabei aufgeworfenen Fragen und Themen im Rahmen der Festwochen 2024 weiter differenziert und verhandelt werden.

Warum wurde Annie Ernaux zu den Wiener Festwochen eingeladen?

Die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux ist die weltweit führende Autorin einer neuen, kunstvollen und genauen, im eigentlich Wortsinn feministischen (also humanistischen) Form biographischer Literatur. Als Experte der Schweizer TV-Sendung Literaturclub habe ich, lange vor der Verleihung des Nobelpreises an Ernaux, u. a. ihren Roman Erinnerung eines Mädchens besprochen. Ernaux ist aber nicht nur Literatin, sondern auch politisch engagiert, u. a. als Kritikerin der französischen Sozialpolitik, struktureller Gewalt gegen Frauen im Iran, der Invasion der Ukraine durch russische Streitkräfte und eben auch der Besatzungspolitik der israelischen Regierung. Ich teile nicht alle von Ernaux‘ Ansichten, aber ihre symbolische Teilnahme an unserem Projekt der Freien Republik Wien steht für mich außer Frage. Ernaux aufgrund ihrer Kritik gewisser Aspekte der israelischen Politik als „Antisemitin“ zu bezeichnen, ist so falsch und absurd, als würde man sie aufgrund ihrer Kritik der iranischen Regierung als „Islamhasserin“ oder aufgrund der Kritik ihrer eigenen Regierung als „frankophob“ bezeichnen. Mit solchen Aktionen entleert man den Begriff des Antisemitismus, der ein reales Problem darstellt, das es gemeinsam zu bekämpfen gilt. Ernaux geht es bei all ihrer literarischen und politischen Arbeit um die Anklage von Gewalt und ein gewaltloses Zusammenleben.

Was ist Annie Ernaux‘ Rolle im Rahmen der Wiener Festwochen | Freien Republik?

Ernaux’ Teilnahme an der diesjährigen Ausgabe der Festwochen ist wie gesagt symbolisch. Sie wird nicht persönlich nach Wien kommen 2024, steht aber mit ihrem Namen, wie man an der aktuellen Debatte um sie sieht, für einen der grossen Streitpunkte unserer Zeit: Welche Position nimmt Europa im Nahostkonflikt ein? Welche Rolle spielen die verschiedenen nationalen Prägungen der Mitgliedstaaten der EU - und was entgeht uns vielleicht, als deutschsprachig geprägte Europäer:innen, an der Haltung der Französin Annie Ernaux? Oder wie der jüdische Intellektuelle Omri Boehm, der am 7. Mai kurz vor dem Start der Festwochen unsere gemeinsam mit der ERSTE Stiftung und dem IWM durchgeführte, traditionelle Rede an Europa auf dem Judenplatz halten wird, es in der Vorankündigung derselben formuliert: „Während der deutsche Verfassungspatriotismus als Versuch gedeutet werden kann, Verantwortung für den Holocaust zu übernehmen, ist das Selbstverständnis von Ländern wie Frankreich von ihrem kolonialen Erbe geprägt. Dieses schon lange bestehende Spannungsverhältnis zwischen zwei historisch gewachsenen Positionen wird im Zuge der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten zunehmend explosiv. Die ansonsten einende Geschichte droht die Europäische Union zu zerreißen.“ Diese Zerreißprobe wollen wir an den Festwochen aushalten und so vielleicht zu einem europäischen Selbstverständnis kommen, das unterschiedliche historische Verantwortungen und Prägungen nicht in Konkurrenz setzt, sondern produktiv in Austausch bringt.

Gibt es in den Festwochen 2024 eine Aufführung mit ihr?

Nein. Es sei denn, die aktuelle mediale Debatte um Ernaux ist eine Aufführung. Und falls ja, dann ist es sicher eine der nötigsten und interessantesten, die wir im Rahmen der Festwochen in alle Richtungen weiterführen werden. Etwa im Format der Wiener Prozesse, in denen es auch um die moralischen Untiefen „engagierter Kunst“ und um den sogenannten „Linken Antisemitismus“ gehen wird, aber auch um die gefährliche Instrumentalisierung des Holocaust und des Begriffs „Antisemitismus“ für tagespolitische Fragen, wie es leider aktuell in der Debatte um Ernaux der Fall ist. Als Kunstfestival versuchen wir dieser sehr erhitzten Debatte differenziertere Analysen entgegen zu setzen: Etwa in dem über mehrere Generationen angelegten Stück PARALLAX des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó zu jüdischer Identitätssuche in Europa nach dem Holocaust. Oder dem autobiographischen Stück Angabe der Person von Elfriede Jelinek, in dem sie die Geschichte des jüdischen Teils ihrer Familie verarbeitet. Oder eben in der Rede an Europa von Omri Boehm, die sicher für viele interessante Diskussionen sorgen wird.

Welche Funktion hat der Rat der Republik?

Der Rat der Republik, der aus 100 Menschen besteht, wird in einer Reihe von Debatten, sogenannten Hearings, die zukünftigen Kurationsleitlinien der Festwochen entwerfen. Zwei Drittel der Ratsmitglieder sind aus Wien und bilden demographisch die lokalen politischen und sozialen Verhältnisse ab - wenn es z. B. 10 Prozent Wähleranteil FPÖ gibt in Wien, dann ist das auch im Rat so. Ein Drittel sind internationale Intellektuelle und Künstler:innen (wie eben Ernaux), die ihre jeweilige Expertise einbringen. Alle zusammen entscheiden am Ende über eine Reihe von zentralen Fragen, die sogenannte Wiener Erklärung, die die zukünftige Kuration des Festivals bestimmen: Wollen wir Quoten? Welche? Was sind die Werte der Freien Republik? Wieviele Projekte kommen aus Wien, Österreich, Europa, woanders her? Wie sichern wir ökologische Nachhaltigkeit? Zentral dabei ist das demokratische Prinzip des Pluralismus: Der Rat setzt sich aus 100 Menschen mit komplett unterschiedlichen Meinungen und Hintergründen zusammen, die sich nur darin einig sind und gleichen, dass sie alle Menschen sind, Bürger:innen dieses Kontinents und mit beiden Füßen auf dem Boden der Verfassung stehen - und sich sonst (hoffentlich) über alles produktiv streiten. Denn wie es in unserem Programmbuch heißt: Niemand hat die ganze Wahrheit, alle einen Teil davon.

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Milo Rau

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