Das Archiv als Labor des Neuen

Wo Erinnern und Vergessen aufeinandertreffen

Der Begriff Archiv hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht. Lange Zeit führten Archive eine Schattenexistenz; sie galten als öffentlichkeitsscheu und verstaubt; unter einem Archivar stellte man sich einen blassen Spezialisten mit Ärmelschonern vor. Das änderte sich schlagartig, als berühmte Philosophen und Historiker wie Derrida und Foucault sich dieses Begriffs annahmen. Seither zirkuliert das Wort mit vielen neuen Bedeutungen. Deshalb empfiehlt es sich, zunächst genauer festzulegen, in welchem Sinne im Folgenden von Archiv die Rede sein soll.

Zwei Formen von Archiven

Archive verstehe ich als Orte, an denen Erinnern und Vergessen aufeinandertreffen. Um das genauer zu beschreiben, unterscheide ich zwischen Funktions-Archiven und Speicher-Archiven. In den Funktionsarchiven wird gespeichert, was für das Handeln in der Gegenwart gebraucht wird. In jedes Funktionsarchiv sind Verfallsdaten eingeschrieben. In einer Arztpraxis zum Beispiel werden Akten verstorbener Patient*innen entsorgt, dasselbe gilt für die Aktenordner nach der Räumung eines Büros für der*die Nachfolger*in. Funktionsarchive sind Steuerungsinstrumente, die das Handeln in der Gegenwart leiten und abstützen. Weder die Bürokratie noch die politische Macht kann ohne sie auskommen. Wenn diese Gegenwart der Macht endet, verfällt der Gebrauchswert dieser Informationen mit einem Schlage.

Speicherarchive folgen einer ganz anderen Logik. Sie entstehen, wenn das, was weder für die Gegenwart noch für die Zukunft mehr von Interesse und Relevanz ist, zwar aussortiert, aber noch nicht gleich weggeworfen wird. Eine solche Haltung hat sich in der Geschichte zum ersten Mal nach der Französischen Revolution durchgesetzt, nachdem Institutionen wie Monarchie, Klerus und Adel gewaltsam abgeschafft worden waren. Ihre Spuren wurden dabei aber nicht getilgt, sondern eigens in neuen Institutionen gesichert. Damals entstand ein neues Bewusstsein für das, was vergangen ist und wovon auch keine normative Kraft mehr ausgeht, was aber trotzdem noch von Interesse ist: die Historie.

Der Gründungsheilige des Speicherarchivs in diesem neuen Sinne wurde Abbé Grégoire, der in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts den Begriff Vandalismus prägte. Nur „Barbaren und Sklaven”, schrieb er, „hassen die Wissenschaften und zerstören die Monumente der Kultur. Freie Menschen lieben und bewahren sie“. Damit entstand ein neuer Kulturbegriff, der sich vom Politischen trennte, und mit ihm neue bürgerliche Werte, die in neuartigen Museen, Archiven und Bibliotheken ihre sakrosankten Schutzräume erhielten. Die Französische Revolution hat eine enorme Beschleunigung der Modernisierung freigesetzt. Was dabei immer schneller aus der Gegenwart ausgeschieden wurde, verschwand nicht einfach, sondern wurde nun historisch und gewann damit eine ganz neue Bedeutung als Kultur. Dieser neue Umgang mit der Vergangenheit in der westlichen Moderne ist die Grundlage für wichtige kulturelle Ressourcen, von denen ich hier nur drei nennen möchte.

Erstens: die Anerkennung der Alterität der Vergangenheit

Der erste Punkt betrifft eine neue Form der Selbstlosigkeit im Umgang mit der Vergangenheit. Es ist die Haltung, die die Vergangenheit gegenüber dem Zugriff und den Begehrlichkeiten der Gegenwart schützt. Historiker*innen zeichnen sich nach einem Satz von Arno Borst dadurch aus, dass sie „die Verschiedenheit der Zeiten anerkennen“. Nur wenn Quellen aufgehoben und gesichert werden, wird es möglich, die Alterität der Zeiten anzuerkennen. Um einen Anachronismus zu erkennen, muss man die Differenz zwischen der Gegenwart und einer vergangenen Zeitepoche kennen. Das geht nicht ohne Archive, die die Voraussetzung für diese unschätzbare kognitive Errungenschaft und die Grundlage historischer Bildung sind. Erst diese Bildung ermöglicht es, das Wissen über das eigene Gewordensein zu erweitern, kritisch über die Verengung eines einseitigen Selbstbildes hinauszudenken und auch das Fremde im Eigenen zu erkennen.

Wenn wir heute zum Beispiel einen Blick in das Archiv der Programmhefte der Wiener Festwochen werfen, fällt uns diese Alterität der Geschichte unweigerlich auf. Wir erfahren dabei, dass es bei diesem wichtigen Aufbruch in eine neue Zukunft und der Wiederbelebung Wiens als Kulturhauptstadt Europas noch um mehr ging, nämlich um die Verdrängung traumatischer Brüche durch eine lange und stolze Herkunftsgeschichte. Bereits zehn Jahre nach Kriegsende setzte man auf die unerschütterliche Kontinuität dieses „Genius loci, der an Gestalt und Seele Wiens seit einem Jahrtausend wirkt“. Die Stadt erscheint dabei als ein Treffpunkt, „deren Geist und Kultur, Landschaft und Bauten der Vergangenheit die Sprache aller Völker sprechen und von solcher harmonischen Vielfalt sind, dass aller guter Geist jeder Art in Ernst und Frohsinn sich hier zuhause fühlen kann“. Die besondere Betonung der Gastlichkeit Wiens übergeht für heutige Ohren stillschweigend, dass viele Wiener Künstler*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen aus rassischen Gründen verfolgt wurden und ins Exil fliehen mussten wie Stefan Zweig oder der Wiener Popstar und Geigenvirtuose der Dreißigerjahre Arnold Rosé und seine Tochter Alma, der inzwischen in der Neuen Burg das Plateau im 1. Stock als Erinnerungsort gewidmet ist.

Zweitens: die Aufarbeitung einer verleugneten Geschichte

Wenn sich der Wind der Geschichte dreht und ein politischer Systemwechsel ansteht, machen sich Unrechtsregime umgehend daran, ihre Archive zu vernichten. Auf diese Weise hat das Apartheidregime in Südafrika vor seinem Abtritt Tonnen von belastendem Material vernichtet und die Bürgerrechtler*innen in der DDR mussten erst in einen Hungerstreik treten, um den Bestand der Stasi-Akten zu sichern. In solchen Fällen kehrt sich der Informationswert der Akten nämlich um. Die Unterlagen, die zuvor der politischen Verfolgung dienten, werden im historischen Archiv zur Grundlage für eine Aufarbeitung der Geschichte, die Verurteilung der Täter*innen, die Anerkennung und Rehabilitierung der Opfer und die Aufklärung der Gesellschaft.

Quellensicherung bedeutet in diesem Zusammenhang noch mehr als die Erweiterung unseres historischen Selbstbildes; sie bedeutet, nicht nur eine vergessene, sondern eine verheimlichte und verleugnete Geschichte in die Gegenwart zu holen und zur Grundlage einer neuen Gegenwart und Zukunft zu machen. Diese verleugnete Geschichte anzuerkennen und anzunehmen kann verhindern, dass sich dieses Unrecht wiederholt. Mit Blick auf die aus dem weißen Archiv verdrängte Geschichte der Schwarzen in den USA hat der Bürger- und Menschenrechtler James Baldwin das auf eine prägnante Formel gebracht: „Nicht alles kann verändert werden, aber nichts kann verändert werden, bevor man sich nicht damit auseinandergesetzt hat.“

Drittens: die Archive der Kunst

Die materiellen Voraussetzungen für Erinnern und Vergessen sind im Rahmen der Gesellschaft, der Politik und der Künste unterschiedlich organisiert. Wenn wir als Beispiel die Musiker*innen nehmen, so bestand deren Archiv bis zum Zeitpunkt der technischen Möglichkeit von Tonaufnahmen ausschließlich aus zunächst handgeschriebenen und später in Kupferstichen reproduzierten Noten. Wie sahen frühe Notensammlungen aus? Wer hatte Zugang zu ihnen, was war ihre Reichweite? Bevor in der Geschichte der Musik-Archivierung bürgerliche Gesangs- und Musikvereine eine Rolle zu spielen beginnen, haben adlige Mäzene diese Aufgabe übernommen. Ihre Archive kamen immer nur einer kleinen Gruppe zugute.

Ein Beispiel ist der Freiherr Gottfried van Swieten (1733 – 1803), der ein leidenschaftlicher Notensammler war. Er tat sich in London im Umkreis der Händel-Pflege sowie in Berlin im Umkreis der Bach-Söhne um und brachte seine Schätze nach Wien, wo er Direktor der königlichen Hofbibliothek wurde. Mit dieser privaten Notensammlung hat er Haydn, Mozart und Beethoven beglückt und dadurch bedeutende künstlerische Innovationen angestoßen. Die Musiker lernten Bachs Polyphonie kennen, was ihnen half, den in Wien beliebten galanten Stil zu überwinden. Dieses Musikarchiv ermöglichte auch Mozarts Bearbeitung von Händels großen Oratorien. Ohne diese wichtige Dienstleistung adliger Musikarchive hätte es keine Rückgriffe auf die Kompositionen älterer Meister gegeben und ohne diese Rückgriffe wären bestimmte Innovationen im Schaffen der jüngeren Meister nicht möglich gewesen. Vor diesem Hintergrund kann man ahnen, was der große Schatz gesammelter Noten in der Weimarer Bibliothek der Herzogin Anna Amalia für die zeitgenössischen Musiker*innen bedeutete, die sich hier ihre Inspirationen holen konnten. Da der größte Teil dieses Schatzes 2004 verbrannt ist, ist dieses Kapitel der Musikgeschichte für immer geschlossen.

Wie bedeutungsvoll solche Archive für das künstlerische Schaffen und die Innovation sind, hat Verdi gewusst und ausgesprochen: „Zum Alten zurückkehren heißt Fortschritt.“ Das Archiv ist eine passive Ressource, die gesichert, gepflegt, sortiert und vor allem befragt werden muss. Aber wie beim Orakel in Delphi kommt es gerade auch auf die Frage an, die dann die Antwort auslöst. Es sind immer die aktuellen Fragen und Suchbewegungen der Künstler*innen, die diesen kreativen Austausch in Gang setzen. Ihre Fragen sind wie ein Weckruf, der latent gebliebene Informationen noch einmal nutzt und aufleuchten lässt.

Der Begriff des Gedächtnisses umfasst immer schon beides: Erinnern und Vergessen. Die Unterscheidung des kulturellen Gedächtnisses in die Pole des Speicher- und Funktionsgedächtnisses bildet die komplementäre Struktur von Gedächtnis ab, in dem Erinnern und Vergessen stets nahe beieinanderliegen und sich auf vielfältige Weise verschränken. Denn vieles, was vergessen wurde, ist nicht für immer verloren, sondern uns nur zeitweise unzugänglich geworden. Was im persönlichen Gedächtnis auf den unsortierten Grund des Vergessenen zurückgesunken ist, kann unter bestimmten Umständen noch einmal an die Oberfläche steigen, wie die tief vergessene Empfindung, die Prousts Madeleine plötzlich wieder freisetzt. Was wir Vergessen nennen, ist in der Regel ein latentes Gedächtnis, zu dem wir das Kennwort verloren haben; wenn es zufällig getroffen wird, kehrt völlig unerwartet ein Stück sinnlich gelebter Vergangenheit zurück. Was Prousts mémoire involontaire fürs Individuum ist, so dürfen wir vielleicht folgern, ist das Archiv fürs kulturelle Gedächtnis: Fundus und Hintergrund für latente Erinnerungen, die ihre Stunde hinter sich oder noch vor sich haben.

  • Biografie Aleida Assmann

    Aleida Assmann war von 1993 – 2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. 2017 erhielt sie zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann den Balzan Preis 2017 für ihre Forschungen zum Kulturellen Gedächtnis und 2018 ebenfalls zusammen mit Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschienen: Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen (2020).

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