Guten Abend.
Mein Name ist Milo Rau. Dies ist die zweite Rede, die ich in Belgrad beim BITEF halte.
Die erste hielt ich 2024 zur Eröffnung des 58. Bitef-Festivals. Wenige Tage später wurde der damalige Festival-Direktor, Nikita Milivojević, entlassen. Sein Verbrechen bestand darin, meine Rede nicht widerrufen zu haben. Mein Verbrechen bestand darin, in der Rede an ein Verbrechen zu erinnern: den von der EU unterstützten Lithiumabbau in Serbien.
Das Lithium sollte die Verwandlung von Volkswagen in ein Imperium der Elektromobilität ermöglichen, dafür aber leider auch die fruchtbarste Region Serbiens zerstören.
Meine Rede war eine poetische, vermutlich sogar naive Rede. Sie endete mit den Worten: Lasst uns Nein sagen zur tödlichen Ideologie unserer Zeit. Lasst uns Schönheit, Zusammengehörigkeit und Respekt feiern. Hier in Belgrad und überall sonst.
Das Publikum applaudierte. Ich erinnere mich aber auch an den deutschen Botschafter, der während meiner Rede aufstand und den Saal verließ. Kurz darauf verlor Nikita seine Stelle.
Dann kamen Ana Vujanovic, Milos Lolić und Borisav Matić. Auch sie glaubten, das Bitef-Festival retten zu können. Ihr Fehler war derselbe: Sie luden mich, beziehungsweise eine meiner Arbeiten ein, Der Prozess Pelicot. Die Produktion wurde zensiert, ich zur Persona non grata erklärt.
Nun gut. In mehreren Ländern wurden meine Arbeiten verboten. In manchen darf ich nicht mehr einreisen. Russland gehört dazu – übrigens nachdem ich eine Show zusammen mit Pussy Riot veranstaltet habe, die heute auch hier sind. Man gewöhnt sich fast daran.
Das BITEF Team aber sagte NEIN.
Das BITEF Team trat zurück.
Sie hatten verstanden, dass man den Geist des BITEF nur retten kann, indem man ihn vor der Zensur schützt. Und dann geschah etwas Seltenes: Das offizielle BITEF fand nicht statt. Denn alle Künstler solidarisierten sich, auch sie sagten NEIN.
Aus diesem Nein entstand das NE:BITEF, das NEIN:Bitef, eine riesige, selbstorganisierte Initiative lokaler Kulturschaffender und Künstler.
Und deshalb stehe ich heute hier.
Denn das BITEF ist nicht einfach eines der bedeutendsten Festivals Europas. Es ist vielleicht das widerständigste.
Es entstand mitten im real existierenden Sozialismus. Nicht gerade die ideale Umgebung für ein Avantgarde-Festival, wie selbst ich als utopischer Sozialist zugeben muss. Das Bitef war von Anfang an ein lebendiges Nein gegen Dogma, Unterdrückung und Angst. Und deshalb vielleicht das grösste JA, das man sich vorstellen kann: zur Kunst, zum Leben, zur Gemeinschaft.
Diese Kraft schien unbesiegbar. Das BITEF überlebte den Sozialismus und dessen Zusammenbruch. Es überlebte den Zerfall Jugoslawiens, die Kriege, Milošević, den Neoliberalismus.
Um seinen Geist tatsächlich zu zerstören, brauchte es etwas viel Banaleres: eine Mischung aus Feigheit, Karrierismus, Dummheit und Gehorsam. Es brauchte ein Board wie das aktuelle, eine Regierung wie die aktuelle.
Weil alles mit meiner Rede begann, fühle ich mich manchmal ein wenig wie Gavrilo Princip und die Organisation „Junges Bosnien“, die bekanntlich durch Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslösten.
Nicht wegen ihrer Tat, ich werde auf niemanden schiessen. Sondern weil auch die Tat einer kleinen Gruppe Folgen haben kann, die niemand kontrollieren kann.
Glauben Sie mir: Ich wollte nie mithelfen, das BITEF zu zerstören. Doch vielleicht musste das alte BITEF sterben, damit sein Geist überleben konnte.
Denn das offizielle BITEF, das gerade zu Ende gegangen ist, hat mit dem historischen BITEF ungefähr so viel zu tun wie ein Polizeistaat mit Demokratie. Es ist eine Hülle. Ein Zombie. Die untote Verwaltung einer einst lebendigen Idee.
Das wahre BITEF ist heute hier.
Das wahre BITEF heißt Ne:BITEF.
Denn das wahre BITEF ist keine Institution. Es ist eine Geste. Eine geballte Faust, deren Finger wir alle sind.
Es ist ein NEIN zur Zensur. Ein NEIN zur Lüge. Ein NEIN zur Einschüchterung.
Es ist das Festival gewordene NEIN von Rosa Parks.
Erinnern wir uns: Als Rosa Parks, Mitglied der National Association for the Advancement of Colored People, aufgefordert wurde, in einem Bus ihren Platz für einen weissen Fahrgast zu räumen, sagte sie nur ein Wort:
NEIN.
Als man ihr mit Polizei drohte, antwortete sie:
You may do that.
Auch das Ne:BITEF sagt zu seinen Feinen: You may do that.
Ihr könnt uns entlassen. Ihr könnt uns verbieten. Ihr könnt das Bitef zerstören.
Aber ihr werdet seinen Geist nicht los.
Und Volkswagen?
Die Firma, deren Kritik diese Geschichte vor zwei Jahren auslöste?
Kurz vor meiner Reise nach Belgrad kündigte Volkswagen den Abbau von über hunderttausend Stellen an.
Man könnte sagen: Die Geschichte hat gesprochen.
Doch Volkswagen wäre nicht Volkswagen, wenn es nicht noch schlimmer ginge. Während Arbeitsplätze verschwinden, soll eines der grössten VW-Werke nun zum Produktionsort für israelische Rüstungsgüter werden.
Vom ökologischen Skandal zur Kriegswirtschaft: Auch das ist eine Form von Fortschritt. Der grüne Kapitalismus endet in der Logik der Aufrüstung – dies ist die Kunst der Vernichtung und des Todes im Stil von Volkswagen.
Unsere Arbeit ist also nicht beendet.
Sie beginnt erst.
Wir werden das Ne:BITEF noch viele Jahre brauchen. Vielleicht sechzig weitere.
Danke, dass ihr hier seid.
Danke, dass ihr Nein sagt.
Und ich hoffe, dass diese Rede nicht dazu führt, dass wir uns nächstes Jahr beim NE:NE:BITEF treffen müssen.
Obwohl eine doppelte Verneinung natürlich genau das ergibt, wonach wir suchen:
Ein Ja.
Ein Ja zur Kunst.
Ein Ja zur Gemeinschaft.
Ein Ja zum Leben.
Ein Ja zu diesem Festival.
Und eines ist sicher: Ich werde diesen Geist mitnehmen in mein eigenes Festival. Die Wiener Festwochen werden sich nächstes Jahr ebenfalls in eine Republik der Zivilgesellschaft verwandeln: eine Peoples‘ Republic.
Danke für euren Mut. Eure Kraft. Eure Freundschaft.
Lang lebe die Freiheit der Kunst!
Milo Rau
Künstlerischer Leiter der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien