Neu-Erfindung

Wir sind nicht mehr, wo wir waren, aber auch noch nicht an einem neuen Ort. Wir müssen altbekannte Muster hinter uns lassen und neue erfinden. Dies bedeutet eine lange Zeit der Umstellung, der Veränderung. Aber was soll verändert werden und wie können wir eine Vorstellung von dem „Neuen“ gewinnen?

Theaterbühnen sind potenziell fruchtbarer Boden für das Entstehen dieses Neuen. Sie geben Zukunftsszenarien Form, laden Fiktion und Spekulation als prominente Gäste ein. In Wien eröffnen die Wiener Festwochen im Frühjahr 2022 einen Raum, in dem Künstler:innen unbekanntes Terrain erkunden. Auch dieses Jahr produziert und präsentiert das Festival neue künstlerische Werke. Die Unterstützung internationaler und zeitgenössischer Kreativität steht ebenso im Mittelpunkt wie das Bestreben, diese Arbeiten mit einem großen, neugierigen Publikum zu teilen. Das Festivalprogramm geht weder von einer speziellen Disziplin aus – vielmehr wird ein Verschränken künstlerischer Ausdrucksformen angestrebt – noch stellt es auf ein Thema ab, das bereits vorwegnimmt, was doch eben erst entsteht: Lassen wir uns vom Noch-Nicht-Formulierten überraschen. Die Wiener Festwochen sehen die Künste als eine Schnittstelle; dies ist eine der Besonderheiten dieses Festivals, das der Musik und den vielfältigen Formen ihrer Inszenierung einen essenziellen Platz einräumt.

Im Zentrum der diesjährigen Festwochen steht die menschliche Stimme. Mehrere Chöre werden zu hören sein. Im Kollektiv singen Menschen Lieder über Ende und Erneuerung, über Lebens- und Todeszyklen. Sie singen Requien oder Satiren. Sie stellen neue Formen der Gemeinschaft und des Miteinander dar. Das Aussterben sucht Romeo Castelluccis außerordentliche Inszenierung der letzten Komposition Mozarts heim. Aber das Ende kann einen neuen Anfang in sich bergen und die intensive Lebenskraft der Sänger:innen bringt unablässige (Neu-)Erfindung mit sich. In t u m u l u s erschaffen François Chaignaud und Geoffroy Jourdain die vielschichtige vokale Polyphonie eines tanzenden Chors, einen Raum der Solidarität, wie es die beiden Künstler nennen. Und in ihrer Kooperation mit dem Arnold Schoenberg Chor bittet die bildende Künstlerin Ulla von Brandenburg das Publikum zu einem synästhetischen Erlebnis, bei dem die Vokalstücke des genialen Wiener Komponisten Arnold Schönberg in der Architektur des Jugendstiltheaters Steinhof klanglichen Ausdruck finden.
Mit besonderer Freude blicken wir einer neuen Arbeit von Philippe Parreno – einer bedeutenden Figur der Kunstszene der letzten 20 Jahre – entgegen.
Phantasmagoria
, das in Wien uraufgeführt wird, setzt die menschliche Stimme als Medium und Hauptdarstellerin ein. Mit neuen Kompositionen von Marko Nikodijevic, interpretiert vom Ensemble intercontemporain, verspricht diese Arbeit eine spezielle Art von Séance zu werden, die die Kontinuität des Lebens spürbar macht … und zwar durch ein sprechendes Orchester.

Wenn die Welt dichtmacht und soziale Räume schrumpfen, brauchen wir visionäre Projekte. Mit ihrer Produktion von Philip Glass’ Einstein on the Beach stellt sich Susanne Kennedy einem Schlüsselwerk des musikalischen Repertoires des 20. Jahrhunderts, um ein von der Menschheit der Zukunft bewohntes Land zu imaginieren. Zu den wichtigsten Gästen dieses Festivals zählt auch das herausragende spanische Ensemble El Conde de Torrefiel. In den fantastischen Performances der Gruppe erzeugt scharfsichtiges Sezieren von Alltagseindrücken faszinierende Entwürfe zur Zukunft der Menschheit.
Weitere textbasierte Theaterformen entlarven zeitgenössische (Identitäts-)Politiken und soziale Ungleichgewichte.
Satoko Ichihara
, Buhle Ngaba, Christiane Jatahy und viele andere mehr präsentieren Bühnenarbeiten, die durch Vorherrschaftsdenken und Simplifizierung hervorgerufene Verletzungen aufdecken. Das Festival betrachtet ein facettenreiches Repertoire – und dabei nicht das augenfälligste – neu durch ein zeitgenössisches Prisma. Christopher Rüping ist ein vielbeachteter Protagonist des deutschen Theaters, dessen Arbeiten bisher noch nicht in Wien gezeigt wurden. Seine einzigartige Version vom Ring des Nibelungen stellt einen weiteren Höhepunkt der diesjährigen Festwochen dar.

Musik durchzieht das gesamte Programm der Wiener Festwochen 2022. Ein neues Museum (Österreichisches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music), das während der Laufzeit des Festivals eröffnet wird, wirft ein Schlaglicht auf Schwarze Entertainer:innen als Teil der Popmusikindustrie in Österreich und Deutschland. Wunderbare, vom libanesischen bildenden Künstler Tarek Atoui entworfene Instrumente werden von in Wien lebenden Musiker:innen gespielt und im Rahmen einer Konzertserie in der ganzen Stadt erklingen. Teil des Projekts sind außerdem mehrere offene Workshops, die den Akt des Spielens bzw. Hörens im Detail erforschen. Der musikalische Vordenker Iannis Xenakis, der heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, inspiriert uns noch immer: Emmanuelle Huynh inszeniert sein phänomenales Kraanerg (1968), interpretiert vom Klangforum Wien. Außerdem sollen die richtungsweisende Dimension der Musik Xenakis’, sein räumliches Klangkonzept, seine Exkursionen zu den Extremen des Lärms am letzten Tag des Festivals zelebriert werden.

Die künstlerischen Projekte der Wiener Festwochen führen zu Begegnungen. Sie finden in Theatern, Bars, Wäldern oder entlang der Donau statt. Vielleicht können sie einen gemeinsamen Raum wiederaufbauen, in dem künstlerische Arbeiten die zentrale Feuerstelle sind, die uns (wieder-)vereint. Gestalten wir gemeinsam ein außergewöhnliches und mutiges Festival. Ein Festival, das Risiken eingeht, das vorausschauend, großzügig und offen ist.

Herzlich willkommen!

Christophe Slagmuylder
und das Team der Wiener Festwochen

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