AN DAS VERGANGENE ERINNERN,
DAS HEUTE THEMATISIEREN
UND WEGE ERFORSCHEN,
DIE ZUKUNFT ZU GESTALTEN

Wenn sich die Wiener Festwochen für fünf Wochen in der Stadt ausbreiten, entsteht ein Raum für neue künstlerische Arbeiten. Inspirierende Werke kommen zusammen, verschiedene Kunstformen begegnen einander. Gemeinsam erinnern sie an das Vergangene, thematisieren das Heute und erforschen Wege, die Zukunft zu gestalten.

Leben wir in den von Bertolt Brecht so benannten „finsteren Zeiten“? Diese Festivalausgabe widersetzt sich der Resignation, und wenn sie sich 2020 eines Endes bewusst ist, dann treibt sie auch die Notwendigkeit an, eine Zukunft zu ermöglichen. Das Heute hat ein Ende. Das Morgen ist neu. Die künstlerischen Projekte, die wir mit Ihnen teilen wollen, sind vorausblickend; sie initiieren Dialoge und ersinnen potenzielle Strategien, um eine Wechselbeziehung mit der – oft unerträglichen – Realität zu verhandeln.

Formen der Hegemonie und Normierung sind heutzutage allgemein akzeptiert. Als Reaktion darauf fordert Milo Rau zum Auftakt der Wiener Festwochen die indigene Aktivistin und Schauspielerin Kay Sara aus dem Amazonasgebiet auf, eine Brandrede des Widerstands gegen die „Integration“ in das kapitalistische System zu halten. Tania Bruguera, eine weitere wichtige Künstlerin-Aktivistin unserer Zeit, verwandelt ihrerseits einen Wiener Kunstraum in eine temporäre Schule für Integration, die das Konzept eines wechselseitigen Lern- und Austauschprozesses reflektiert. Außerdem wird Bruguera in Wien ihr neues Werk Galileo erarbeiten, mit dem sie fragt, wie der Kampf um die Wahrheit gegen jene zu führen sei, die ein Interesse an ihrer Verfälschung haben.

In unserer Gegenwart erscheinen Zerstörung, Auslöschung und Ausrottung als alltägliche Tatsachen. Wenn wir einen Blick auf die Titel der heuer präsentierten Arbeiten werfen, zeigt sich, dass viele von ihnen Bezug nehmen auf das Verschwinden und den Tod. Erneuerung und Nachhaltigkeit sind jedoch dabei zentrale Aspekte. Als Auftragsarbeit der Wiener Festwochen entwickelt Philippe Quesne Das Lied von der Erde, eine außergewöhnliche Inszenierung, zur Gänze der Landschaft gewidmet. Mahlers wunderbarer Liederzyklus dient Quesne als Begleiter, um die Möglichkeit eines nachhaltigen Planeten zu imaginieren. Und was wäre, wenn der letzte Satz in Mahlers Werk, Der Abschied, eine Zukunft ohne Menschen skizziert? Neben Quesnes erster großer musikalischer Inszenierung präsentieren die Festwochen eine bemerkenswerte Arbeit von Romeo Castellucci auf Grundlage von Mozarts geistlichen Gesängen. Das Sterben sucht das Requiem heim, obwohl die einzigartige Bühnenpräsenz der Sänger*innen und die konstante Neuerfindung, welche das Geschehen leitet, eine Wiedergeburt von Leben, Solidarität und Anteilnahme fordern.

Multidisziplinäre Arbeiten machen den Kern des Festivals aus. Auf keinen Fall verpassen sollten Sie Danse Macabre des renommierten bildenden Künstlers Markus Schinwald, eine Komposition aus Klängen, Körpern und Architektur. Ein großes Ensemble an Musiker*innen und Performer*innen führt darin einen unentrinnbaren letzten Tanz auf. Heiner Goebbels stellt sein neuestes Gesamtkunstwerk vor: Eine Abfolge künstlicher Landschaften und Ruinen befragt die Konzepte geschichtlicher Zyklen und menschlicher Zerstörungen. Geschichte steht auch im Mittelpunkt von Eszter Salamons HETEROCHRONIE, einem lebendigen Archiv italienischer Lieder aus mehreren Jahrhunderten. Bei zahlreichen Arbeiten der diesjährigen Festwochen spielt Livemusik eine wichtige Rolle. So finden Boris Nikitin und das Kukuruz Quartett, Encyclopédie de la parole und Ictus oder Tim Etchells und Aisha Orazbayeva zueinander. Außerdem wird Anne Teresa De Keersmaeker ihr neues Werk in Wien zur Weltpremiere bringen! In ihren Goldberg Variationen konfrontiert die Choreografin ihre außerordentliche künstlerische Fähigkeit mit Bachs unerschöpflichen Klangkombinationen.

The Wooster Group aus New York, die zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder bei den Wiener Festwochen zu sehen ist, zeigt ein Lehrstück von Bertolt Brecht, das lange als kommunistische Propaganda betrachtet wurde! Weitere Uraufführungen im Sprechtheater sind Tiago Rodrigues’ Catarina und Alice Birchs Zusammenarbeit mit Katie Mitchell für … Das Ende.

Die Wiener Festwochen setzen ihren Dialog mit der Stadt durch Workshops und partizipative Projekte sowie eine Reihe künstlerischer Interventionen im Bezirk Meidling fort. Und schlussendlich wird die Sehnsucht nach einem täglichen gemeinsamen Treffpunkt vor und nach den Festwochen Veranstaltungen in Form einer Bar erfüllt, die gleichzeitig auch künstlerischen Projekten Raum gibt. Besuchen Sie uns doch im Pavillon!

Das Morgen ist neu – gestalten wir gemeinsam ein visionäres Festival. Vielen Dank an alle Partner*innen, die dieses Projekt ermöglichen, und ein herzliches Willkommen an Sie alle!


Christophe Slagmuylder
und das Team der Wiener Festwochen

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Die Wiener Festwochen danken ihren Partnern