Tanzen jenseits des Todes

Mónica Calle, künstlerische Leiterin der Companhia Casa Conveniente und Begründerin eines neuen Verständnisses von Theater durch ihr erstes Stück Virgem Doida (Verrückte Jungfrau, 1992), ist eine produktive und kreative Kraft und blickt auf 30 Jahre Karriere zurück. Zuletzt hat sie sieben Solos aus ihrem Repertoire überarbeitet (2020). Dabei versetzt sie sich in einen Körperkampf, der die Dramatik, die Romantik, die Interaktion und das Verbotene anspricht, und in dem die Darstellerin im theatralen Solo den Gegensatz zwischen Objekt und Subjekt auflöst.

Als Kontrast zu den Solo-Produktionen entsteht nun Só Eu Tenho a Chave Desta Parada Selvagem (Ich allein halte den Schlüssel zu dieser wilden Parade), das gewissermaßen Teil einer Trilogie ist: Wenn Ensaio para uma Cartografia (Versuch einer Kartografie, entwickelt 2017 und bei den Wiener Festwochen 2019 zu Gast) das Überwinden im Weiblichen hinterfragt, so taucht O Escuro que te ilumina ou as Últimas Sete Palavras de Cristo (Die Dunkelheit, die dich erhellt oder die Sieben Letzten Worte Christi, 2021) in das Spannungsfeld zwischen der fleischlichen Materie und dem Geist des Evangeliums ein, wobei alle den Widerstand und den Konflikt zwischen dem Persönlichen und dem Gemeinsamen, eines umgewandelt im anderen, herausfordern.

Parada Selvagem ist eine Arbeit über die Ausschließungen und die Zuneigungen, und darüber, wie diese durchlässig werden können. Wen weisen wir mehr ab als die, die wir lieben und genauso sind wie wir? Mit einer Substanz, die den beiden früheren Aufführungen gemein ist, das heißt, mit der Kraft, die im Inneren der Verletzlichkeit vorhanden ist, und der prominenten Rolle der klassischen Musik, verwoben mit dem profanen Körperlichen, kleidet Parada Selvagem die Macht des Lebens in die Umwandlung durch den Tod.

Calles gesamtes Werk dreht sich um die Kontinuität. Daher rührt das Beharren auf dem Prozesshaften (von einem der Solos – vielleicht dem intimsten – ist mir noch Mónicas Frage „Wie fortsetzen?“ im Gedächtnis geblieben, die bis heute in mir nachwirkt): Für die aktuelle Uraufführung wurden zwei Workshops veranstaltet, einer in Setúbal, der andere in Wien, bei denen einige der Mitglieder für die Gruppe gewonnen wurden. Charakteristisch für Calles Einfühlungsvermögens ist auch, dass sie, wie ich es nennen würde, Abschlüssen und Endpunkte eine Finte schlagen will. Es gibt sie zwar, aber eher als nicht zwingend notwendige Möglichkeit denn als inhärente Eigenschaft. Der Beweis ist die Bewegung: Alles ist unvermeidbar in Gang.

Die Basis dieser Partitur der Körper bilden Sprünge, Perkussion, die Linien, das Fallen und das Rennen, die im Grunde als Vorwand dienen, die Erschöpfung bloßzulegen, diesen Ort der Transzendenz, an dem das eigene Verlassensein die klare Nacktheit des Ewigen in jedem Geist befeuert. Wenn das Menschliche (in Form des Sozialen, des Herzlichen und des Logos) verschwindet, bleibt die Härte des Lebendigseins übrig, die nur durch die Liebkosung der Gesellschaft auf der harten Wegstrecke gemildert wird.

Wir können annehmen, dass Cartografia eine Wende zum Performativen brachte, damit auch eine hin zum Körper, sowie ein scheinbares Zurücklassen des Texts. Scheinbar deswegen, weil in Parada Selvagem ein abwesender Text weiter existiert (Joseph Danan), sichtbar in der Geschichtlichkeit (was eine Form des Textualisierens der menschlichen Erfahrung ist), in der musikalischen Komposition Strawinskys, in der Choreografie von Nijinsky, in der Erzählung des Sacre du printemps und seinen im Laufe der letzten hundert Jahren verfassten Adaptionen. Die Sequenzen und Figuren des Sacre, Mythos und fixer Bestandteil unserer westlichen Vorstellungswelt, werden in diesem Stück neu zusammengestellt und wieder aufgegriffen, um die Wiederkehr des Frühlings zu feiern, die charakteristisch ist für eine vorindustrielle, heute zusammengebrochene Welt. Im Ganzen entspricht diese abwesende Dimension den Referenzen, die dieser Performance ihre Form geben.

Im Neuausrichten der Tradition des Sacre du printemps verwandelt sich eine Galerie von Figuren und Szenen (Vorfahren, Auserwählte, Weise, rivalisierende Stämme und auch Vorahnung, Ritual, Beschwörung, Opfer) in unförmiges Fleisch aus Körpern, Muskeln und Skeletten in permanenter Anspannung und Explosion, bevor jegliche Subjektivität aufkommt – die sich erst bilden wird, nachdem sie den Frühling überlebt hat. Die fünfzehn Darsteller repräsentieren zur gleichen Zeit die Zartheit des Einzelnen (man beachte die entwaffnende Eröffnungssequenz) und die kühne kollektive, nahezu militärische Brutalität. Das Vertikale des Individuums kämpft mit dem horizontalen Kollektiv, wodurch sie die Identität im Gemeinsamen manifestiert.

Die Natur, an der das animalische Menschliche teilhat, verursacht Verblüffung und Furcht. So bietet es uns die instrumentale Komposition an: Während die Musik sich mal ausdehnt, mal subtil verästelt, wird uns durch die Blasinstrumente Hoffnung eingehaucht und der Schrecken hebt sich in der Apotheose des festlichen Spiels aus allen Instrumentengruppen zusammen auf. In der (Zweifel ausdrückenden) Originalchoreografie müssen alle Charaktere der einen Figur zusehen, die sich umbringt, im Tanz bis zum Tode, für die Zukunft und das Wohl der Gruppe. Dieses Mal jedoch nimmt Calle uns Zuschauer:innen durch unsere Zeugenschaft in die Verantwortung, freiwillig dazu unsere Zustimmung zu geben. Und deswegen gehen wir blutleer, erschöpft aus dem Saal. Körper und Musik im Disput miteinander – wer wird gewinnen? Es ist zwecklos, nach Siegern oder Besiegten, ja gar nach einer Antwort auf diese Frage zu suchen.

In Form einer Spirale entspricht die Kreisförmigkeit der Inszenierung dem Kreislauf der Naturphänomene. Und zwar derart, dass der Tod die Auferstehung rechtfertigt und nicht umgekehrt. Wir tanzen bis zum Tod, weil der Mensch nicht einzigartig ist, und diese Nicht-Einzigartigkeit – in der wir alle und jeder:jede von uns in einer Wesenseinheit andauert – ist vielleicht die wichtigste Lehre des ökologischen Gewissens (in seiner Urbedeutung), das heißt, ist Natur, die daraus erwachen wird. Kann der Mensch dieses Gesetz verkehren? Kann der Mensch dieses Gesetz wiederherstellen? Der Kreislauf verlangt nach dem Tod des Lebens.

In der Gegenströmung zu einer Ermüdungsgesellschaft werden wir durch Energiearbeit und Kraft (und diese wird beim ersten Hinsehen zu Gewalt), auf die wir unsere Sehnsüchte projizieren, unterbrochen. Sie schwitzen bis zur Erschöpfung, wir sehen das Antlitz dieser Männer sich verklären; eine Sinnlichkeit, die dieser Ort des Gegenwärtigseins und der Zugehörigkeit ausströmt. Deswegen ist es wichtig, über die Brüderlichkeit nachzudenken (Cartografia tat dies vorher über die Schwesterlichkeit), über die Geste des Achtgebens, darüber, wie Männlichkeit rund sein kann, Umarmung und Sensibilität als Kontrapunkt zum Patriarchat, zur Misogynie und zur Anmaßung. Wie bei Angélica Liddell (Scarlet Letter, 2018) haben wir es hier mit einem Theater des Schmerzes zu tun, das das Fleisch geißelt. Wo jedoch die katalanische Regisseurin das kritisiert, was sie den neuen Puritanismus nennt, und Geschlecht und Perversion als konstitutiv verteidigt, lässt Calles Vision, indem sie nicht urteilt, eine Nuance des Männlichen erblicken, der die Rhythmen der Natur eingehaucht sind, des Teilens, wie ein Fragment eines Ganzen, der Essenz des Kosmos.

Diese nackten männlichen Körper, die sich suchen, Schutz geben und wegstoßen, sind wie ein Renaissancegemälde in Bewegung, in dem die Nacktheit als doppeltes Kostüm funktioniert. Da erwartet wird, dass wir uns kleiden, dass wir insbesondere das Geschlecht bedecken, ist die unbedeckte Haut nicht wie irgendeine Kleidung, sie geht darüber hinaus. Auf diese Weise kleiden sich die Darsteller über die vollständige Nacktheit in die Gewänder des Tabus. Trotzdem ist die Nacktheit jetzt ein Accessoire, sie ist nicht mehr als das Skizzieren der Zerbrechlichkeit, die conditio humana ist, die Bedingung des Geborenwerdens, wenn der Frühling wiedererwacht, die Jahreszeit der Anfänge. So ist nicht die Nacktheit vollständig, vollständig ist die Seele-Körper-Aktion, ganz, unverfälscht und ohne Entrinnen vor dem Todestanz.



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Hinterzimmer, am 9. Juni 2022


Liebe Mónica,

morgen schreibe ich dir einen Brief, ja? Ich werde nicht nochmals eine Übung bezüglich vorgetäuschter Vergänglichkeit veranstalten. Denn die Zeit scheint jenseits (diesseits) des Menschlichen zu sein.


Herzlichst,

António





António Figueiredo Marques ist Performer und Forscher in den Performing Arts sowie Mitherausgeber der Seite Cratera | Performance & Cognição.

Übersetzung Martin Zuccato

© Laycos Mónica Calle
Mónica
Calle
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