Statements

August, 2020

Mir liegt noch immer die Idee am Herzen, gemeinsam eine auf der Theaterbühne entstehende Welt anzuschauen, und ich bin überzeugt davon, dass manche Dinge dort und nur dort passieren können. Und es liegt mir immer am Herzen, mich 100%ig auf das einzulassen, was mir Sound, Licht, Stimme, Bewegung und Musik von der Bühne aus erzählen können. Diese Erfahrung möchte ich so weit wie möglich mit anderen Zuschauer*innen teilen, an ihre Zukunft glaube ich.

Am 26. August geht es los und wir freuen uns ganz besonders, dass es uns gelungen ist, rund zehn neue internationale Produktionen in Wien auf die Bühne zu bringen.

Sie möglich zu machen, war mit einer Menge Anstrengungen verbunden. Diese Ausgabe der Festwochen 2020 reframed hat nicht mehr die ursprüngliche Form eines „Festivals“ und muss deshalb anders gesehen werden. Sie besteht aus einem starken – aber eher reduzierten – Programm von Werken, die einzeln nacheinander gezeigt werden, und ist nicht so sehr ein großer, lebendiger Raum, in dem künstlerische Arbeiten, Menschen und Gedanken aufeinandertreffen und intensiv miteinander in Beziehung treten. Doch mehr als je zuvor glauben wir, dass es das ist, was wir jetzt tun müssen.

In einer langsameren Gangart werden wir die Möglichkeit haben, außerordentliche Musik zu hören und eindringliche, für die Bühne konzipierte Stücke zu sehen. Mag es auch kein Festival sein, so ist es doch eine Liebeserklärung und gleichzeitig ein Akt des Widerstands. Es geht um das Einhalten unserer Verpflichtungen gegenüber jenen Künstler*innen, die wir heuer im Frühjahr in Wien präsentieren wollten. Die Arbeiten, die sie mit der Unterstützung des Festivals machen wollten, müssen aufgeführt und dem Publikum gezeigt werden, selbst unter heiklen und ganz speziellen Umständen. Es geht darum, der Theaterbühne, dem einzigartigen Erlebnis, das sie zu liefern vermag, den ganzen Wert zurückzugeben.

Am 26. August geht es los mit der Uraufführung von Anne Teresa De Keersmaekers Goldberg Variationen und das ist eine (sehr) gute Art, neu durchzustarten und wieder gemeinsam auf eine Bühne zu schauen.

Christophe Slagmuylder und das Team der Wiener Festwochen, August 2020

Juni, 2020

Im März 2020 wurde uns der physische Raum, in dem wir arbeiten, uns treffen und austauschen, entzogen. Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung des Programms der Wiener Festwochen für Mai und Juni 2020 mussten wir schmerzlich akzeptieren, dass das Festival so, wie wir es uns vorgestellt hatten, nicht stattfinden würde, zumindest nicht in der ursprünglich konzipierten Form. Unser Programm live und gemeinsam zu erleben, war unmöglich geworden.

Wir begannen damit zu experimentieren, es über unterschiedliche Wege umzusetzen. Gemeinsam mit Der Standard veröffentlichten wir eine gedruckte Beilage zu Inhalten des Festivals und ließen darin einige Künstler*innen zu Wort kommen, die wir nach Wien eingeladen hätten. Die digitalen Medien boten eine weitere Plattform. Ab dem 15. Mai präsentierten wir im Internet eine Sammlung an „Gesten“, die jeweils mit den künstlerischen Projekten unseres Programms in Zusammenhang standen. Mal Spur, mal Versprechen, waren sie Auszüge aus existierendem Material oder gaben Einblick in ein neues Werk, dessen Realisierung noch aussteht. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte, Formate wie Gespräche, Workshops, Videoclips. In ihrer Gesamtheit bilden sie gewissermaßen ein faszinierendes digitales Archiv eines Festivals, das nicht stattgefunden hat …

Heute sind wir glücklich, Ihnen ankündigen zu können, dass am Ende des Sommers eine komprimierte Liveversion unseres ursprünglichen Programms stattfinden wird!

Während die meisten der für die Festwochen 2020 geplanten Uraufführungen auf das nächste Jahr verschoben werden, freuen wir uns sehr, Ihnen noch heuer einige der vom Festival koproduzierten und eingeladenen Stücke zeigen zu können. Musikalische, choreografische und theatrale Formen alternieren auf den Bühnen. Große Namen der internationalen Szene werden neben Newcomern präsentiert. Sorgfältig zusammengestellt, bekommt diese kleine, aber beeindruckende Auswahl an Werken im transformativen Kontext, den wir gerade erleben, eine besondere Resonanz. Stellen sie doch wiederum einige jener Fragen und Ungewissheiten in den Raum, die von der aktuellen globalen Krise aufgeworfen werden.

Nach Monaten der Restriktionen soll dieses Programm die Bedeutung der Livekünste feiern, ihre Fähigkeit, soziale Interaktion zu stärken, ihr ureigenes Potenzial, unsere physischen und mentalen Räume zu erweitern … und mögliche Zukunftsentwürfe vorstellbar zu machen.

Christophe Slagmuylder, Juni 2020

Mai, 2020

Liebes Publikum!

einer der vielen schönen Aspekte eines Festivals ist, dass ein temporärer„Ausnahmeraum“ geschaffen wird. Festivals existieren üblicherweise für eine gewisse Zeitspanne. Dann verschwinden sie bis zu ihrer nächsten Ausgabe.
Seit 1951 finden alljährlich die Wiener Festwochen statt. 2020 werden sie das nicht tun. Und wir alle wissen warum.

Das einmalige Zusammenspiel zwischen einem künstlerischen Programm, einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Ort kann nicht ersetzt oder neu erfunden werden. Nichts kann diesen Ausfall kompensieren. So freuen wir uns auf die Zukunft und arbeiten bereits daran, dass wir uns bei den Wiener Festwochen, bei Theater- oder Musikaufführungen, Bewegung, Sprache und Sounds, die gemeinsam erlebt werden, wieder begegnen. Für heuer versuchen wir jedoch, andere Wege zu finden, um unser künstlerisches Programm mit Ihnen zu teilen.

Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die sie im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online und in den Medien erscheinen. Damit wird das Festival „starten“. Am gleichen Tag werden wir gemeinsam mit Der Standard eine gedruckte Beilage veröffentlichen, mit Beiträgen zum Programm des Festivals 2020 und als Forum für die Stimmen einiger jener Künstler*innen, die wir heuer im Mai/Juni nach Wien einladen wollten. Fernab von jeglichem Werbezweck soll sie Zeugnis eines Festivals sein, das nicht stattfindet …

Eine andere Plattform, unser Programm mit Ihnen zu teilen, sind die digitalen Medien. Seit ein paar Wochen haben sie ihren „großen Auftritt“: Eine unglaubliche Menge künstlerischer Projekte passiert seit Verhängung der Ausgangsbeschränkungen im Netz. Wir werden vom 15. Mai bis 20. Juni Internet und Social Media nutzen, allerdings in Maßen. Tag für Tag wird jedes Stück aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet. So wird eine Sammlung kleiner „Gesten“ entstehen. Sie beziehen sich auf jedes Werk, das nicht gezeigt werden kann. Mal werden sie aus existierendem Material genommen, mal geben sie Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wollen wir jedoch auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens No Man II die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird der Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, auf 250 Plakatflächen in der ganzen Stadt übersiedeln.

Und schließlich wird, abhängig davon, was realisiert werden darf und kann, zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. Nach Monaten des Lockdowns und der Beschränkungen soll damit die Bedeutung der Live-Künste gefeiert werden mit ihrem Potenzial, den physischen öffentlichen Raum zu erweitern und den direkten sozialen Austausch zu stärken.

Christophe Slagmuylder, Intendant
Mai, 2020


März, 2020

„Vor ein paar Wochen, am 27. Februar, gaben die Wiener Festwochen unter dem Motto Last Time, This Time, Next Time ihr Programm für 2020 bekannt. Auf der ersten Seite unseres Programmbuchs steht eine Frage, ein Zitat Bertolt Brechts: „In den finsteren Zeiten / Wird da auch gesungen werden?“ Die Plakatkampagne zur Sichtbarmachung des Festivals in der Stadt zeigt das Bild eines verlassenen Kinos, leere Sitze inmitten einer ausgestorbenen Landschaft, in der keine Menschen mehr zu sehen sind.

In der Vielfalt der für das Festival konzipierten künstlerischen Projekte finden sich viele, die die dringende Notwendigkeit einer Transformation unserer Lebensweise in den Fokus stellen: Damit Zukunft möglich ist, braucht es Veränderung.

Heute müssen wir akzeptieren, dass jenes Festival, das wir realisieren wollten, nicht stattfinden wird, zumindest nicht in seiner ursprünglich konzipierten Form.

Aus gesundheitlichen Gründen ist der Zugang zum öffentlichen Raum extrem eingeschränkt, die Bevölkerung ist aufgerufen, sich zu isolieren und überall auf der Welt werden Grenzen hochgefahren. Theater und Opernhäuser, Konzerthäuser und Museen sind geschlossen. Die Menschen dürfen nicht mehr reisen. Jegliche Form des öffentlichen Lebens ist ausgesetzt. Da wir nicht wissen, wann wir zur Normalität zurückkehren werden, sehr wohl aber, dass diese Normalität nicht mehr die sein wird, die wir vor ein paar Wochen gekannt haben, bleibt uns keine andere Wahl als das Festival, das wir realisieren wollten, in Frage zu stellen und neu zu erfinden.

Werke zu beauftragen und zur Uraufführung zu bringen, steht im Zentrum der Wiener Festwochen 2020 (am heutigen Tag, an dem dieses Statement geschrieben wird, steht von 21 der 28, vom Festival koproduzierten künstlerischen Arbeiten, die Premiere noch aus). Derzeit können diese Stücke nicht geprobt werden und es ist unmöglich, all die Vorarbeit zu leisten, die dafür notwendig ist, damit sie im Mai/Juni 2020 stattfinden können. Wir sind ein internationales Festival, doch die meisten in unser Programm involvierten Künstler*innen können in den kommenden Wochen oder Monaten womöglich nicht reisen.

Ausgangssperren sollten uns jenseits des Zelebrierens beschaulicher Häuslichkeit daran erinnern, dass die Welt nicht an unseren Hausmauern endet. Das sollte uns die Bedeutung von sozialer Interaktion und internationalen Verbindungen bewusst machen, nicht nur als virtuelles Erlebnis, und hervorheben, wie bereichernd es ist, verschiedene Sprachen sowie Geschichten aus anderen Teilen der Welt zu hören. Social Distancing sollte uns die essenzielle Notwendigkeit von Orten, die der Kunst gewidmet sind, in Erinnerung rufen. Festivals, Theater, Opernhäuser und Kinosäle sind soziale Räume, die Leute zusammenbringen und das Aufeinandertreffen von Menschen sowie das Zirkulieren von Ideen ermöglichen.

Bis heute wurde bereits viel Arbeit in die Vorbereitung der diesjährigen Festivalausgabe gesteckt. Zahlreiche Künstler*innen, Technikteams und viele andere Teammitarbeiter*innen sollten gemeinsam ein breites und diverses Programm in der ganzen Stadt umsetzen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei ihnen allen bedanken. Die Wiener Festwochen 2020 werden ein Festival bleiben, das man sich vorstellen kann, aber keines, das erlebbar sein wird. Ihr Programm wurde als Ganzes konzipiert, als Gesamtpartitur, die in dieser Form leider nicht stattfinden kann. Daher überlegen wir uns Möglichkeiten, mit dem Publikum kleinere oder größere „Gesten“ zu teilen, Auszüge aus der Partitur, die für die aktuelle Situation von spezieller Relevanz sein könnten. Aber das liegt nicht allein in unserer Hand.

Auf die Lockerung des Social Distancing sollte eine breite Bewegung der Solidarität mit unseren Kolleg*innen, Partner*innen und Künstler*innen folgen, damit die Nachhaltigkeit unseres Tuns sichergestellt ist.“

Christophe Slagmuylder, März 2020

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