Statement September 2020

2020 mussten die Wiener Festwochen, wie so viele andere Initiativen und Institutionen auch, die Art, wie Programme produziert und mit dem Publikum geteilt werden, neu überdenken.

Ein paar Wochen nach der Programmpräsentation im Februar 2020 sahen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass es unmöglich war, ein großes internationales, vorrangig dem Entstehen neuer Werke gewidmetes Festival zu organisieren, ebenso wie es unmöglich war, zu proben und Theaterstücke zu zeigen, an denen viele Menschen aus der ganzen Welt beteiligt waren. Dennoch haben wir nicht aufgegeben und sind unseren Überzeugungen und Verpflichtungen gegenüber den Künstler*innen und dem Publikum treu geblieben.

Im Mai und Juni wurde das ursprüngliche Programm des Festivals in eine Reihe von digitalen Gesten übertragen, die man online erleben konnte. Dieser unerwartete Prozess führte zu interessanten, speziell für die digitalen Plattformen konzipierten Formaten, mit denen die Stimmen, Intentionen und Ideen der Künstler*innen von der Bühne für den Bildschirm verändert, verlagert und verlängert werden konnten. Diese Gesten bescherten uns regelmäßig exzellente Reaktionen vonseiten der „mit uns verbundenen“ Zuschauer*innen; das Online-Programm lief fünf Wochen lang und half mit, eine „Gemeinschaft“ rund um die Projekte und die Mission des Festivals aufzubauen.

Mit Ende August gelang es uns, ein zwar kleines, aber starkes Programm aus (Live-)Arbeiten zu präsentieren und damit in Wien eine (Wieder)Begegnung von Künstler*innen und Zuschauer*innen in real time und real spaces zu organisieren. In stets verlässlich sicherer Atmosphäre waren diese Begegnungen erfüllte Stunden. Sie sorgten für hochemotionale Reaktionen, für die (Wieder)Belebung von Engagement und Überzeugungen und bestätigten (aufs Neue) den Wert des einzigartigen Erlebnisses, das uns eine Theaterbühne schenken kann. Ausverkaufte Vorstellungen und langanhaltender, herzlicher Applaus sind klare Beweise für ein eindeutig gelungenes Unterfangen. Mit den Festwochen 2020 reframed wurden die Bedeutung und Notwendigkeit der Live-Künste, das kollektive Erlebnis, welches man ihnen verdankt, und das transformative Potenzial von Imagination und Kreativität gefeiert.

Der Kontext, in dem wir gerade leben, ist alarmierend. Wie wird unsere Gesellschaft mit der wachsenden Ungewissheit und der Verschärfung prekärer Lebensbedingungen umgehen? Wie werden sich unsere Strukturen, unsere Werkzeuge und Handlungen jeweils an die aktuellen Notwendigkeiten anpassen und entsprechend weiterentwickeln? Solche Fragen zwingen uns mehr und mehr dazu, gemeinsam mit Künstler*innen und Publikum ein Nachdenken über Flexibilität, Transformation und Reframing-Prozesse anzustoßen. Diese besondere Festivalausgabe ist ein ermutigender und erfolgreicher Schritt in diese Richtung gewesen.

Christophe Slagmuylder, September 2020

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