souffle continu

Tarek Atoui im Gespräch


Der Titel deiner neuen Arbeit für die Wiener Festwochen ist Souffle Continu. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das so viel wie „kontinuierlicher Atem“. Es geht also um Luft in Bewegung, was sich metaphorisch, aber auch ganz praktisch auf deine Instrumente bezieht. Was kannst du mir über die Bewegung von Luft im Zusammenhang mit deinem neuen Projekt sagen?

Während der Erarbeitung von Souffle Continu habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was es bedeuten könnte, mit Luft als Ressource des Musizierens zu arbeiten. Bei dem Instrument Organ Within gibt es zum Beispiel nur eine Energiequelle, einen Luftkompressor, der Luft zur Erzeugung der Töne in Bewegung setzt. Dies bedeutet, je mehr Musiker:innen mit dem Instrument spielen, desto weniger Kraft haben die einzelnen Klänge. Die Luft verteilt sich über das gesamte Instrument. Oder anders gesagt, falls eine Musiker:in einen besonders kraftvollen Ton erzeugt, können die anderen zur gleichen Zeit nur einen sehr sanften spielen. Alles ist miteinander verbunden. Im gemeinsamen Spielen teilen wir uns die Ressourcen des Instruments und müssen aufmerksam aufeinander hören und auf die musikalischen Gesten des Gegenübers achten. Dies erzeugt ein geschärftes Bewusstsein für das gemeinsame Musizieren, aber auch für den eigenen Körper und seiner Beziehung zu dem Instrument.

Das „Continu“ im Titel deiner Arbeit könnte sich auch auf einen anderen Aspekt deiner künstlerischen Praxis beziehen, nämlich die kontinuierliche Beschäftigung mit Musikinstrumenten und deren Erforschung. Wie wichtig ist der Aspekt der Kontinuität für dich?

Diese kontinuierliche Auseinandersetzung ist für mich sehr wichtig. Durch sie gelange ich in meiner Arbeit manchmal an einen Punkt, an dem sich eine Türe öffnet und plötzlich ein Raum für sehr große Themen auftut. Es gibt Wissensschätze, mit denen man sich eigentlich ein ganzes Leben lang beschäftigen könnte. Das ist eine Erfahrung, die mich als Künstler auch sehr bescheiden macht. Manche Ideen sind einfach größer als ein einzelnes Projekt. Es ist für mich eine logische Konsequenz, mich mit manchen Themen und Fragestellungen über einen langen Zeitraum hinweg zu beschäftigen. Meine Arbeit ist auch ein Lernprozess, der sich weiterentwickelt und durch die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen wächst. Ob das gehörlose Personen sind, von denen ich einen neuen Umgang mit Musikinstrumenten lernen kann oder Expert:innen aus Archiven, die sich in jahrelanger Arbeit ein unglaubliches Wissen um Musikinstrumente angeeignet haben. Es gibt sehr viel zu entdecken!

Für Souffle Continu hast du zwei neue Instrumente entwickelt, kannst du diese beschreiben?

Für Souffle Continu wird es eine neue Version meiner Organ Within geben, sowie ein gänzlich neues Instrument, die Reed Box. Beide basieren auf Ideen, die ich in meiner Auseinandersetzung mit Instrumenten wie der Orgel und dem Harmonium gewonnen habe. Die Organ Within ist sehr groß und wird zentral im Mittelpunkt stehen. Die Reed Box ist wiederum handlich klein. Sie kann von einer einzelnen Person gespielt werden, die sich damit z. B. auch zwischen dem Publikum bewegen kann. Die Klangerzeugung bei der Reed Box funktioniert mittels eines Rohrblatts (engl.reed“) in Kombination mit Luft. Sie eignet sich perfekt für ein intuitives Experimentieren mit Klang. Die Reed Box ist gewissermaßen ein Derivat einer Orgel, ein Hack“. Unser Ziel war, ein Instrument zu entwerfen, das leicht zu transportieren und einfach in größerer Stückzahl herzustellen ist.

Ein wichtiger Moment in der Entstehung von Souffle Continu war ein Besuch im Instrumentenarchiv des Musikverein Wien. Was hast du aus dieser Begegnung für die Entwicklung deiner neuen Instrumente mitgenommen?

Der Besuch im Instrumentenarchiv des Musikverein Wien war sehr inspirierend für die Entstehung meiner Ideen zu Souffle Continu. Ich konnte Instrumente kennenlernen, die in dieser Form nur in Wien existieren, wie z. B. den Harmoniumflügel von Franz Liszt. Es gibt dort Instrumente, die ihren Platz sozusagen am Rande der Geschichte gefunden haben. Das ist eine Vorstellung, die mich sehr fasziniert. Eine Idee für die Reed Box habe ich beispielsweise von den Ventilen (für die Übersetzung, eng: pistons) einer bestimmten Trompete übernommen, wie sie nur hier in Wien gespielt und produziert wurde. Sehr wichtig ist mir allerdings auch der persönliche Austausch. Wenn es um Archive geht, sprechen wir sehr oft nur von den Objekten, die darin aufbewahrt sind. Dabei sind es gerade die Forscher:innen, Instrumentenbauer:innen und Restaurator:innen, die diese mit ihrem unglaublichen Erfahrungsschatz und Wissen am Leben erhalten.

Welche Bedeutung hat Zusammenarbeit für deine künstlerische Praxis?

Das Wort Zusammenarbeit (eng. collaboration) hat bei jeder meiner Arbeiten eine neue Bedeutung für mich. Aber ich habe inzwischen zwei Dinge gelernt: Einerseits ist es für mich sehr wichtig, mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen Personen zu teilen. Andererseits möchte ich mit meiner Arbeit etwas ermöglichen, Menschen in Situationen bringen, die sie in ihrem normalen Leben nicht erleben würden. Indem ich z. B. gehörlose Menschen und Profimusiker:innen in einem Projekt zusammenführe, erschaffe ich eine besondere Situation. Das ist etwas Neues, auf das beide Seiten reagieren müssen. Selbstverständlich ist dies ein wechselseitiger Prozess. Die Zusammenarbeit mit gehörlosen Menschen hat auch mich sehr viel gelehrt. Auch ich begebe mich damit auf ein neues Terrain und dies ändert meine Art zu musizieren, zu improvisieren und über Begriffe wie elektroakustische Musik oder moderne Komposition nachzudenken.

Alan Affichard im Gespräch


Wie ist deine künstlerische Zusammenarbeit mit Tarek Atoui entstanden?

Wir haben uns das erste Mal 2018 getroffen, als ich einen Post-Graduate-Kurs von Tarek Atoui am Royal Institute of Art in Stockholm besucht habe. Tarek Atoui hat mich anschließend eingeladen, ihn bei seiner Installation The Ground bei der Biennale in Venedig 2019 zu unterstützen. Seither arbeiten wir gemeinsam an verschiedenen Projekten, Konzerten, Installationen.

Kannst du deine Rolle in dem Projekt beschreiben?

2021 hat Tarek Atoui gemeinsam mit mir den ersten Prototyp einer aktualisierten Version des Instruments Organ Within für Souffle Continu entworfen. Wir sind seitdem in einem ständigen Austausch und senden uns gegenseitig neue Entwürfe und Ideen. In meinem Atelier in Berlin experimentiere ich mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Klangerzeugung und baue schließlich das Instrument. Nach einer ersten Begegnung mit der Organ Within in der Sharjah Art Foundation 2020, habe ich mit Tarek Atoui eine neue Version für eine Ausstellung 2021 im Fridericianum in Kassel gebaut. Das Instrument wird also kontinuierlich aktualisiert. Es entstehen ständig neue Ideen, nicht zuletzt auch durch die Begegnungen mit anderen Musiker:innen und gehörlosen Menschen, die einen ganz anderen, "unverstellten" Blick darauf werfen.

Wie würdest du die Organ Within einer Person erklären, die diese bis jetzt noch nicht kennenlernen durften?

Die Organ Within ist ein Instrument, das auf Prinzipien der Klangerzeugung durch Luft, wie bei der Orgel und dem Harmonium beruht. Sie ist sehr komplex und besteht aus vielen verschiedenen Einzelteilen. Wir haben von der Orgel zum Beispiel ein Gebläse (für die Übersetzung: engl „blower“) und Flöten übernommen. Vom Harmonium wiederum Messingventile, die von den Musiker:innen in Kombination mit den Flöten gespielt werden können. Für Souffle Continu haben wir eine Version entwickelt, die möglichst intuitiv zu spielen ist und eine direkte manuelle Interaktion mit den Flöten und Ventilen erlaubt. Wir haben auch weitere Elemente entwickelt, wie eine Latex-Flöte, deren Vibration erlaubt, mit verschiedenen Klangobjekten zu interagieren, oder eine Sub-Flöte, deren Töne so tief sind, dass diese auch von gehörlosen Menschen wahrgenommen werden können. Die Organ Within soll zum spielerischen Experimentieren einladen, man muss keine ausgebildete Musiker:in sein, um sie zu verstehen.

Was bedeutet Zusammenarbeit für dich?

Ich bin sehr glücklich, ein Teil dieses Projekts zu sein. Für mich ist die Zusammenarbeit mit Tarek Atoui und meinen Kolleg:innen eine große Bereicherung und gleichzeitig eine Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Wir sind sehr frei in unserer Arbeit und überraschen uns auch gerne gegenseitig mit neuen Vorschlägen und Ideen. Ich beschäftige mich viel mit technischer Recherche, wie z.B. mit unterschiedlichen Frequenzen oder damit, wie der Luftstrom in einer Orgel funktioniert. Das Projekt ist ein sich ständig entwickelnder Prozess, an dem unterschiedliche Personen beteiligt sind. Oft entstehen die besten Ideen während einem unserer Workshops, wo wir mit Amateur:innen und gehörlosen Menschen musizieren. Diese haben Einfälle, die wir als "Profis" nie hätten.



Affichard ist Künstler, Musiker und Instrumentenbauer. Für Souffle Continu hat er gemeinsam mit Tarek Atoui eine neue Version des Instruments Organ Within entwickelt.

Die Gespräche führte Bernhard Staudinger (Programmdramaturgie Wiener Festwochen).

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