Rückeroberung einer
unsichtbaren Geschichte
Zum Anlass der Einladung des Chineke! Orchestra im Rahmen der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien reflektiert Leonora Scheib (Dramaturgin des Festivals) über die Tradition und Gestaltung von Europas musikalischem Erbe
Als Chi-chi Nwanoku im Rahmen der Wiener Festwochen das Gipfeltreffen der Akademie Zweite Moderne mit einer Keynote eröffnete, wurde spürbar, welche Kraft in ihrer Person und den von ihr initiierten Projekten liegt. Die Atmosphäre unter den Zuhörenden war gebannt. Im Zentrum stand eine Frage, deren Impuls über die Rede hinaus nachwirkt und zu diesem Text inspirierte: Wie entsteht kulturelle Erinnerung und wer bleibt darin sichtbar?
Wien ist ein symbolischer Ort für diese Überlegungen. 1803 wurde hier jene Violinsonate uraufgeführt, die wir heute als »Kreutzer-Sonate« kennen. Tatsächlich entstand sie für den afro-europäischen Geiger George Bridgetower, der sie gemeinsam mit Ludwig van Beethoven zur Premiere brachte. Ursprünglich war das Werk Bridgetower gewidmet. Erst später wurde sein Name durch jenen von Rodolphe Kreutzer ersetzt – einem Geiger, der die Sonate nie öffentlich spielte.
Dieser Vorgang verweist auf ein strukturelles Problem der europäischen Musikgeschichtsschreibung: Schwarze Musiker:innen und Komponist:innen waren über Jahrhunderte Teil des Musiklebens, wurden jedoch häufig aus der kanonisierten Erzählung verdrängt. Was bleibt ist ein Traditionsbild, das sich als selbstverständlich ausgibt, obwohl es das Ergebnis bewusster Auswahlprozesse ist.