Im dritten Jahr ihres Bestehens erklärt sich die Freie Republik Wien zur Republic of Gods. Welche alten Mythen von der Ilias bis zur Nibelungensage, vom arabischen Banū Hilāl Epos bis zu Wagners Parsifal sprechen noch zu uns? Sind Allah, Jahwe, Thor und co. überhaupt noch relevant? Welche neuen Gött:innen müssen wir gemeinsam erfinden? Die Republic of Gods ruft 2026 – zum 75. Jubiläum der Wiener Festwochen! – einen „Heiligen Frühling“ aus: eine mythische Feier der Gotteskritik und Gottessehnsucht.
Time for New Gods!
„Gott ist tot“, verkündete der Philosoph Nietzsche bereits vor 140 Jahren. Aber sind wir tatsächlich so gottlos? Sind wir nicht tiefer denn je geprägt von Glauben und Aberglauben, von der Angst vor dem Weltende und der Hoffnung auf Erlösung? Ist ein Leben ohne Mythen und Spiritualität überhaupt (menschen)möglich? Gemeinsam mit Künstler:innen und Aktivist:innen aus 20 Ländern macht sich die Freie Republik Wien dieses Frühjahr auf die Suche nach alten und neuen Gött:innen und Mythen: in Österreich und der Welt, vom Amazonas bis in den Nahen Osten, von New York bis Tokio, vom Heldenplatz bis zur Arena und von mythischer Vorzeit bis ins Übermorgen. Geister treffen auf Lebende, Atheist:innen auf Priester:innen und die Mythen und Ikonen aus 75 Jahren Wiener Festwochen auf die Epen von heute. Denn ob tot oder lebendig, neugeboren oder in alter Gestalt: It's Time for New Gods!
Natürlich ist die Republic of Gods vor allem eines: radikale Kunst! Um neue und alte Glaubenssysteme, kirchliche, kunstgeschichtliche und populärkulturelle Götter und Göttinnen, um Bilder und Sagen, die unser Empfinden, unser Leben und unsere Gesellschaft bestimmen, dreht sich das diesjährige Programm. Es scheint geradezu gotteslästerlich, alle Events, Künstler:innen und Debatten der Republic of Gods zu nennen, but let’s try: Von der amerikanischen Performance-Ikone Narcissister bis zu Thorsten Lensings Schauspieler:innen-Fest Tanzende Idioten, von der rebellischen Sci-Fi-Religion von Rébecca Chaillon bis zu den leisen, spirituelle Arbeiten von Cris Moreira und Kurō Tanino und schließlich zum weltweit gefeierten Chineke! Orchestra – von allen Kontinenten strömen die Künstler:innen in die Republic of Gods! Wien-Liebling Susanne Kennedy unterzieht Wagners Parsifal einer spirituellen Neuinterpretation, der Mythomane Christoph Schlingensief bekommt eine Einzelausstellung, das Wiener enfant terrible Florentina Holzinger inszeniert ein Pfingstspiel und Romeo Castellucci hinterfragt unser Gott-Spielen über den Tod. Während die „Godmother of Punk“ Patti Smith zu gleich drei Events lädt, kommt Festwochen Mythos Robert Wilson posthum mit einer seiner letzten Inszenierungen The Tempest in die Republic of Gods – und Inna Shevchenko der ukrainischen Aktivismus-Gruppe FEMEN hält eine feministische Performance-Predigt!
Ja, die Liste der großen Namen des Welttheaters ist im Jubiläumsjahr schier endlos: Gob Squad kreiert ihre neue Show Doppelgänger/Doppelganger, Marta Górnicka bereitet den Seherinnen von Heute mit KASSANDRA eine chorische Bühne, Angélica Liddell inszeniert mit SEPPUKU. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben ein radikales Performance-Ritual und die Venedig- und Berlinale-Siegerin Alice Diop präsentiert mit Le Voyage de la VénusNoire eine postkoloniale Neuerzählung des Venus-Mythos. Trajal Harrell erschafft aus den Songs seines Lebens eine völlig neue „Geschichte des Theaters“ (Music Music) und die beiden libanesischen Künstler:innen Lina Majdalanie und Rabih Mroué steuern mit der Performance Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2 das diesjährige Volksstück bei, das durch (fast) alle Bezirke tourt. In DORA or Who’s Going To Stitch the Vests springt die junge serbische Künstlerin Andreja Kargačin mitten in die aktuellen politischen Kämpfe in Serbien; über persönliche und kollektive Verantwortung in der angespannten Weltlage reflektieren die Choreograf:innen Agnietė Lisičkinaitė und Igor Shugaleev aus Litauen und Belarus (CLAP & SLAP); eine Reihe von Autor:innen beleuchten in unserer Kooperation mit dem Schauspielhaus Wien die Folgen von 9/11.
Doch das ist erst der Anfang: Vom unsterblichen Mythos des Vampirs – reanimiert vom französischen Starregisseur Philippe Quesne in Vampire’s Mountain – bis zu brasilianischen Widerstandsstrategien und -mythen (Repertório N.1), von der Legende des Wilden Westens (Dark Noon) über das arabische Banū Hilāl Epos bis zur Ilias, die mit The Day Before von der Komponistin Brigitta Muntendorf und der Regisseurin Christiane Jatahy völlig neu erzählt wird, bleibt kein Mythos, keine Gottheit, keine Sagengestalt unberührt. Und der Thailänder Wichaya Artamat dekonstruiert mit Juggle & Hide den wohl wirkkräftigsten Kunst-Mythos: den des allmächtigen Regisseurs. Aber was kommt nach der Götterdämmerung? Mit Wallden erschafft die Wiener Gruppe Nesterval eine komplette postapokalyptische Kommune. Mit Songs of Winter War stellt sich das Kyjiwer Kollektiv Opera Aperta in der Form einer mythologischen Reise vom usbekischen Aralsee über die ukrainischen Karpaten bis zum kantabrischen Winterkarneval die Frage: Wie Oper und Musiktheater machen in den Zeiten eines Vernichtungskrieges? Und der schwedische Theatermacher Mattias Andersson schenkt mit Mythen des Alltags den Festwochen ein völlig diesseitiges Epos: einen Abend, gestaltet aus den spirituellen Erleuchtungen und Götterdämmerungen der Wiener:innen selbst!
Im Zentrum der Republic of Gods steht 2026 jedoch ein ganz spezieller Mythos: der der Festwochen selbst! Fünfeinhalb Wochen lang folgen wir den verschlungene Wegen des größten Crossover-Festivals Europas – von der Gründung 1951 über die Erneuerungsbewegungen der 60er und 80er bis in die Freie Republik Wien. Die Jubiläumsproduktion Das beste Stück aller Zeiten holt unvergessliche Momente genauso zurück wie nie erzählte Geschichten um Liebe und Tod, Skandal und Schönheit, Kunst und Revolte – angerichtet als irre Publikums-Revue! Wir geben Zugang zu einem umfassenden Online-Archiv, eröffnen ein Kino der Republik mit Filmen und Aufzeichnungen aus 75 Jahren Festwochen und feiern am 22. Mai unsere Kunstrepublik mit einer gewaltigen Eröffnungsparty auf dem Heldenplatz mit Gäst:innen von der Ukraine bis Afghanistan und von Wien bis New York.
Das Ganze wird komplettiert von einer Plakatausstellung und einem ganz neu hergestellten Dokumentarfilm zu den Festwochen – und noch etwas kehrt zurück: das mythische Festwochen W, global und synkretistisch upgedatet für die Republic of Gods! Doch damit längst nicht genug, denn auch 2026 werden die Festwochen wieder zum diskursiven Hotspot der Saison! Sei es bei den Diskurs- (Holy Spring) und Performance-Reihen (Mythical Ark) auf dem Badeschiff (Haus und Club der Republik), wo sich Glaubens-Extremist:innen und rechte wie linke Prophet:innen, Endzeit-Prediger:innen und Gottessucher:innen das Mikrofon in die Hand geben – und die Festwochenband Gods Republic gleich fünf Konzerte veranstaltet, von Death Metal bis Spiritual Folk.
Der Rat der Republik setzt derweil, unterstützt von Expert:innen, seine Implementierung der Wiener Erklärung fort – denn nicht nur spirituell, sondern auch ganz praktisch wollen wir eine wahre Republic of Gods, ein genauso respektvolles wie gerechtes Kunstfestival werden! 2026 geht es um die Punkte Quoten und Finanzierung – also um die Frage nach Repräsentation und Kapital, die zwei heimlichen Göttinnen (oder Heiligen Kühe) unserer Zeit. Auch die rein weibliche Komponistinnen*-Akademie – die Akademie Zweite Moderne – lädt wieder zehn weltweit führende Komponistinnen* nach Wien ein und diskutiert beim Gipfeltreffen Fragen rund um Aneignung in der Musik. Und in einem Glaubenstribunal fordern schließlich Gläubige dieser Welt ihr Recht: Was haben Kreuze und heilige Gesänge auf der Bühne zu suchen, warum küssen sich auf den Plakaten der Festwochen ein Rabbi und eine Muslima, warum schmücken sich Rechtsradikale mit Zitaten aus der Bibel und europäische Museen mit Kultgegenständen aus den Kolonien? Sind unsere Geschichten und Traditionen vielleicht vor allem eines: profan und gotteslästerlich, rücksichtslos und übergriffig?
So lädt sich die Freie Republik die ganze Welt nach Wien ein – kämpferisch und (selbst)kritisch. Denn auch im 75. Jubiläumsjahr gilt in der Freien Republik der republikanisch-anarchische Grundsatz: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers! It’s Time for New Gods – von allen für alle!
Milo Rau &
das künstlerische Team
der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien