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Prolog zur Rede an Europa

von Milo Rau

Liebe Anne Applebaum
liebe Anwesende

Die Rede an Europa hat sich in den letzten drei Jahren als eine Art heimliche Eröffnung der Wiener Festwochen etabliert. Erinnern Sie sich, als Omri Boehm vor genau zwei Jahren hier an dieser Stelle stand? Erinnern Sie sich an die Debatte, den Skandal, der schon lange, bevor Omri nach Wien kam, begann? Ein Satz von Omri ist mir in Erinnerung geblieben. Er sagte ihn zu den Demonstrierenden, die damals hier vor ihm standen: „I hear you. Do you hear me?“ Und Omris Appell an uns alle lautete: „Besteht auf der Realität eurer Ideale.“

Er meinte damit das Ideal der Debatte anstelle der Zerstörung des Anderen, des Völkerrechts anstelle des souveränen Nationalstaats, der diversen Demokratie anstelle der Volksgemeinschaft, der Logik des Föderalen anstelle der Logik des Imperiums, der Logik des Menschlichen anstelle der Herrschaft der Algorythmen, der gemeinschatlichen Kontrolle anstelle des privaten Monopolismus: kurz, die demokratischen und wirtschaftlichen Ideale Europas, die aus den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, als Antwort auf Holocaust und Diktatur entstanden sind.

Im Rückblick wirkt es verrückt: Schon vor zwei Jahren hätte die zutiefst humanistische und idealistische Rede Omri Boehms kaum stattfinden können. Und wirkten Omris Worte schon damals fast halsstarrig in ihrem Idealismus, so scheint es, dass sie heute endgültig von der Wirklichkeit überholt worden sind – im Nahen Osten, im Iran, aber auch in den Zentren des sogenannten Westens selbst: in Washington, in Berlin, in Wien. Gehört wird heute nur noch der Lauteste, der Aggressivste, gemäss der Logik der Algorythmen, gesteuert aus dem Silicon Valley. Aber auch gemäss der hybriden Kriegsführung Russlands, das natürlich nichts lieber will als Uneinigkeit, Streit, Desinformation, kurz: das Ende allen Zuhörens in Europa. Divide et impera, teile und herrsche. Wir alle sind in den letzten Jahren Spezialist:innen darin geworden, uns zu zerstreiten, zu überschreien, misszuverstehen, zu hassen.

Doch blicken wir noch weiter zurück, zum Ursprung dieser idealistischen Veranstaltung hier. Als es mit der Rede an Europa vor sieben Jahren losging, 2019, da sagte Timothy Snyder zu uns, den Europäerinnen und Europäern: „Ihr seid mehr als eure Mythen“. Er appellierte an ein Europa, das nicht mehr zur Idee der Nationalstaaten, zur Idee der Herrschaft zurückkehren würde. Er appellierte an die Gründungsidee der Europäischen Union, die Trump, Vance und Putin, aber auch so viele europäische Politiker:innen so verachten: Snyder nannte diese europäische Idee mit den Worten der grossen Simone Weil eine „warme Stille“, rational, tolerant, friedlich, menschlich.

Nun: Die Idee eines friedlichen, säkularen Westens ist in den vergangenen sieben Jahren so komplett durch die Idee neuer imperialer Herrschaft ersetzt worden, dass Snyders Worte wie ein Echo aus einer anderen Zeit anmuten. Für uns heute gilt, ob es uns gefällt oder nicht, der Satz aus den „Bakchen“ des Euripides, den der Gott Dionysos ausspricht, bevor er in Athen die Theokratie durchsetzt: „Was ist Weisheit? Was ist das Schönste, das Götter den Sterblichen schenken? Siegreich die Faust auf des Feindes Nacken zu drücken! Und was schön ist, bringt Freude!“ Oder wie Trump sagt: „It’s not about being the first one. It’s about being the only one.“ Das ist die Realität, in die uns Führer wie Trump und Putin, die mit ihnen verbündeten Tech-Eliten und der globale Populismus geführt haben: eine Welt, in der die europäischen Ideale schwach und kindisch anmuten, wo das transatlantische Bündnis eine melancholische Erinnerung ist und Demokratie ein anderes Wort für Schwäche. Keine warme, sondern für die Allermeisten eine sehr kalte Welt. Eine Welt, in der Reden wie diese wie ein sentimentales Hobby anmuten. „Ich glaube nicht mehr, dass Demokratie und Freiheit vereinbar sind“, sagte vor ein paar Jahren Peter Thiel. Das ist der Leitspruch dieser neuen Zeit.

Wir aber wollen hier und heute eine andere Freiheit feiern. Wir wollen andere Gött:innen anrufen als Trump, Thiel und Dionysos – andere, kompliziertere Ideale, jenseits von Nation und Abstammung, jenseits von Dominanz, jenseits von Lautstärke. Wir wollen, gemeinsam mit Anne Applebaum, über ein Europa nachdenken, das an die Ideale der Aufklärung Lessings glaubt, dessen Statue hier vor mir steht, und an die Lehren aus dem Holocaust, die durch das Mahnmal hinter mir verkörpert sind. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Europa, das bedeutet auch – und für die allermeisten Menschen in dieser Welt – genau das, was wir bekämpfen.

Europa bedeutet, über Jahrhunderte hinweg: Nationalstaat, Kolonisation, Dominanz, Fortschritt um jeden Preis. Kurz: der Sieg des Stärkeren, die Faust auf dem Nacken des Feindes. Wenn wir Europa meinen, dann bedeutet das vor allem, zu diesem Europa nicht zurückzukehren. Genau das war es, woran Snyder uns zu Beginn unserer Reihe hier erinnerte: „Ihr seid mehr als eure Mythen“. Oder mit dem Slogan der diesjährigen Festwochen: „Wir brauchen neue Göttinnen, neue Götter.“ Denn wir alle wissen, dass gerade hier, auf dem Alten Kontinent, der Wunsch nach der alten Macht, nach alter Einigkeit, nach alter Reinheit, nach alten Mythen stärker ist als irgendwo sonst. Denn wir haben das, was hinter mir liegt – den Holocaust – genauso erfunden und realisiert wie das, was vor mir steht: Lessing, die Aufklärung.

Eine Frage zum Schluss. Wir, die wir hier versammelt sind: Sind wir viele? Oder sind wir eher ein zerstreutes Häufchen von Idealist:innen, die berühmte Kapelle auf der sinkenden Titanic? Vielleicht. Ich bin deshalb sehr glücklich, dass Anne Applebaum bei uns ist. Denn sie ist nicht nur eine Apokalyptikerin. Sie kennt nicht nur die blutige Vergangenheit Europas. Sie weiss nicht nur, wie eng Europas Schicksal verknüpft ist mit Russland, aber auch den USA. Sondern sie ist vor allem auch eine Praktikerin. Um in der Metapher zu bleiben: Ich denke, dass Anne uns verraten wird, welche Musik unsere Kapelle – Europa – spielen kann, um aus dem aktuellen Niedergang der europäischen Idee eine Wiedergeburt zu machen.

Liebe Anne Applebaum, vielen Dank, dass du zu uns gekommen bist. Und vielen, vielen Dank an die Erste Bank und ans Institut der Wissenschaften vom Menschen, die diese Veranstaltung gemeinsam mit uns durchführen. Und danke vor allem Ihnen allen, dass Sie hier sind.

Anne, the stage is yours.

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