Prolog für einen Prolog

Der Titel And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die uns auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen. Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie unser Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war uns klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versammelt sechs Künstler*innen und -kollektive – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal –, die durch ihre Praxis zum Kampf um das kollektive Überleben und die Wiederherstellung durch Frauenfeindlichkeit, Kolonialismus und imperialistische Gewalt zerstörter gesellschaftlicher Bindungen beitragen. Jede*r von ihnen war eingeladen, Arbeiten für eine Plakatserie zu schaffen, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren. Die Plakate sollen Botschaften in die Öffentlichkeit tragen, denen wir sonst in den sozialen Medien, in Werbung und Presse so kaum begegnen. In jeder Arbeit kommt eine andere Sicht auf unsere gemeinsame Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft.

Im Geiste der ursprünglichen Ausstellung wollen die Interventionen in Plakatform eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung und gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Sie kritisieren die rasante Ausbeutung von Rohstoffvorkommen und die massiven Umweltschäden, die der Neoliberalismus anrichtet. Indigene Positionen sprengen das koloniale Erbe und erinnern uns daran, dass die Logiken der Ausbeutung auch im 21. Jahrhundert vorherrschen. Solidarische und antikoloniale Feminismen lenken die Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen patriarchalen Kapitalismus und staatliche Unterdrückung, während andere Arbeiten Geschichten von Remigration und Formen affektiver Zusammengehörigkeit erzählen. Insgesamt weisen die Werke in And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum auf die dringende Notwendigkeit hin, eine Gesellschaft zu entwickeln, die durch Gerechtigkeit und Gleichheit statt durch das Streben nach Wirtschaftswachstum zusammengehalten wird.

Miguel A. López, Kurator

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