Una imagen interior

El Conde de Torrefiel über Una imagen interior

Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away.
- Philip K. Dick

Das Wort Realität, ein Begriff mit einem gewissen Prestige, der aber immer schwieriger zu fassen ist, taucht in der menschlichen Sprache erst vor relativ kurzer Zeit auf, vor etwas mehr als 1000 Jahren. Die Griechen hatten für diesen Zustand kein Wort, und das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft wurden über die fantastische Logik der Mythen gelenkt: Geschichten, entstanden in einem Prozess, der die Kräfte, die aus dem Inneren kamen, miteinander verknüpfte und deren außergewöhnliches Bild sich konkret auf das Bewusstsein auswirkte, um im materiellen Leben Orientierung zu geben.

Der Ursprung des Wortes Realität liegt im alten Römischen Reich, wo die unterschiedlichsten Formen von Dingen und Handlungen, die wirklich existieren, definiert wurden. Das Bedürfnis, die Idee des Seins durchzusetzen, entstand also in der Logik eines Volkes, das sich zum Herrschen berufen fühlte. Trotz der Kolonisierung des Bereichs von Materie und Objekten ist der Realitätsbegriff als dehnbare und sich ständig in Bewegung befindliche Konstruktion bei der menschlichen Aufgabe der Emanzipation von der Natur im Kern problematisch. Das gemeinsame Leben, die Umweltbedingungen und die Entwicklung der Sprache ermöglichen es, jeden Tag eine vermeintlich kontrollierte Welt zu erschaffen, in der wir auf die beste Art und Weise leben können, gemäß unseren Wünschen und Bedürfnissen: Die Welt bin ich, da ich Teil der Welt bin.

Diese Arbeit will das Bild einer parallelen, unterschwelligen Geschichte auf die Bühne bringen, in der die Auswirkungen davon, was sich zwischen den Falten des materiellen Lebens und zwischen all den Leerräumen und Bereichen befindet, die das Dasein des Einzelnen gespenstisch durchsetzen, verwoben sind und die jenes seltsame Substrat bilden, das von uns sowohl als Individuen als auch als Kollektiv erzählt.

Weder Bilder noch Worte haben es geschafft, den Eindruck von Realität, der das Leben begleitet, darzustellen. Angesichts dieses offensichtlichen Scheiterns ist Una imagen interior eine poetische Übung, die die Prinzipien auslotet, auf denen das Konzept der Fiktion in seiner ständigen Auseinandersetzung mit dem unbestreitbaren Gravitationsgesetz, dem die Körper unterworfen sind, gründet.

Dieses Mal schlägt El Conde de Torrefiel die Erotik der Fantasie als radikale Alternative zu den Fiktionen und Bildern vor, die uns regieren.

In diesem Werk bearbeiten die Körper auf der Bühne den Stoff und das Wort, um vor den Augen der Zuschauer potenzielle Landschaften zu konstruieren, auf halbem Weg zwischen dem Fantastischen und dem Konkreten, um den Raum und die Geschichten, die Auswirkungen der Zeit auf den Körper, poetisch aufzuzeigen, um einen Dialog zwischen der durch das Potenzial des Begehrens gegebenen Möglichkeit und der Tyrannei der Sprache, jenem Werkzeug, das Gesetze und gemeinsame Werte festlegt, in Gang zu setzen.

Das im theatralen Raum, dem ursprünglichen Ort der Fiktion, gezeigte Artefakt sucht, eine unmögliche Auflösung darzustellen, um auf der Bühne die mächtige und im Grunde konfliktreiche Energie des Daseins zu beschwören.

Übersetzung Monika Kalitzke

El Conde de TorrefielEin Portrait

„Was ist die Rolle von Theater in einer Welt, die durch und durch fiktionalisiert ist“, lautet eine der zentralen Fragen, die sich El Conde de Torrefiel während der Erarbeitung ihres neuen Stücks Una imagen interior gestellt haben. Nicht zum ersten Mal beäugen sie dafür kritisch die westeuropäische Gegenwart und die Gesellschaft, die sie bevölkert. Mehr als treffsicher legen sie inzwischen den Finger in die wunden Punkte des Spannungsfeldes zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, zwischen dem Privaten und dem Politischen. Im Verlauf der letzten zehn Jahre haben sich die Regisseurin Tanya Beyeler und der Autor Pablo Gisbert mit ihrer minimalistischen Ästhetik und ihrer eigenwilligen dramaturgischen Setzung von Text, Bild und Ton in der europäischen Theaterlandschaft etabliert. Lange hatten sie ihren Lebensmittelpunkt in Barcelona; nun leben sie in Ontinyent, nahe Valencia, und entwickeln dort die notwendigen Produktionsstrukturen für ihre künstlerische Arbeit.

Spätestens seit La Plaza, ihrem letzten Werk für die große Bühne, das 2018 bei den Wiener Festwochen zu sehen war und auf zahlreichen Festivals und in Theaterhäusern weltweit präsentiert wurde, sind die Grundelemente ihre Bühnensprache ausdefiniert: Text wird in ihren Stücken entweder projiziert oder über Kopfhörer eingespielt. Die visuellen Bilder, oft bestehend aus Menschengruppen, Objekten und Licht im präzise ausgestatteten Bühnenraum, korrespondieren mit dem Narrativ des Textes nicht direkt. Ein starker Soundtrack stellt eine weitere eigenständige Spur dar. Jede:r Besucher:in wird aufgefordert mittels eigener Vorstellungskraft den Gedankenstrom des Textes und die Choreografie, die Musik und die meist in klar getrennten Szenen gebauten, visuellen Bilder in seiner:ihrer eigenen Logik zu verknüpfen. Genauso wie El Conde de Torrefiel in ihren Texten nicht davor zurückscheuen, Gedanken zu formulieren, die das Regelwerk und die moralischen Vereinbarungen unserer Gesellschaft durchbrechen, haben sie im Theaterraum keine Hemmungen davor, den Konventionen des Theaters eine Absage zu erteilen.

„Wenn ein Theaterstück beginnt, weiß das Publikum genau, dass alles, was geschehen wird, künstlich ist, eine Lüge, eine Fiktion.“ schreiben El Conde de Torrefiel in einem Stücktext. Nichts Geringeres als diese oberste Konvention des Theaters – die Fiktion – mit dem, was wir Realität nennen, zu durchbrechen, wollen sie in Una imagen interior unternehmen. Um sich dem Vorhaben zu nähern, entwickelte das spanische Duo vier sogenannte „Kapseln“, Ultraficciónes Nr. 1-4, die zwischen Juli 2021 und Februar 2022 an unterschiedlichen Orten und mit unterschiedlichen Menschen, in einem jeweils kurzen Zeitraum und ohne Erwartungsdruck erprobt und aufgeführt wurden. Freiräume des Experimentierens und Entdeckens auf dem Weg zur nächsten großen Theaterarbeit, die schon jetzt, vor ihrer Uraufführung, zu vielen großen Festivals in den kommenden Monaten eingeladen ist. Wohin der Weg sie führt, welcher Gedanke sich am Ende als zentral herauskristallisiert, in welcher Form, in welcher Kontrastsetzung, in welcher Geometrie zwischen Text, Bild, Ton, Körper und Vorstellungskraft er sich am Ende manifestiert, können Tanya Beyeler und Pablo Gisbert in ihren künstlerischen Prozessen lange nicht vorhersagen. Das Machen, das Tun, das Testen und Verwerfen sind ihre essenziellen Werkzeuge.

„Ultrafiktion“ hat sich im Laufe dieser vier Skizzen für Beyeler und Gisbert als Begriff für das, was uns ohnehin schon umgibt, etabliert: eine stark von Fiktion geprägte Realität. „Alles ist künstlich, und wurde erschaffen, damit wir vergessen, dass diese Welt, die uns hervorgebracht hat, auch jene ist, die uns konstant bedroht“, sagt Beyeler in einem Interview. Und so sind das Plastik und die LED-Beleuchtung als Grundausstattung der neuen Arbeit Ausdruck einer anpassungs- und wandlungsfähigen Welt, die erlaubt in hohem Tempo ihre Settings, Atmosphären, Farben, Inhalte zu verändern. Stellen wir uns bei dem Wort Realität etwas Solides und Unverwüstliches vor, lädt Una imagen interior genau dazu ein, das zu hinterfragen. Welche Aufgaben das Theater übernehmen kann in einer Umgebung, die von Fakeness, Filter und gesättigten Farben getränkt ist, und in einer technologisierten Gesellschaft, die möglicherweise schon bald keine Differenzierung mehr zwischen der Fiktion des Theaterraumes und jener des Außen vornimmt, wird noch viele Generationen an Künstler:innen beschäftigten. In Una imagen interior heißt es an einer Stelle: „Die Kinos, Theater, Museen sind große kubische Container, die das Auge führen und die Landschaft verkleinern.“

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