Über
t u m u l u s

Von Baudouin Woehl

t u m u l u s ist eine grenzenlose Prozession aus dreizehn Körpern, die in ein und demselben Prozess, in ein und demselben Gestus singen und tanzen. Das Projekt resultiert aus einer Zusammenarbeit des Choreografen François Chaignaud mit Geoffroy Jourdain, dem Leiter von Les Cris de Paris, und ist vom Traum getragen, diese beiden Künste gemeinsam zu empfinden, Tanz und Musik zusammen zu denken.

Die Tumuli waren einst Gräber, die von einem Hügel überragt wurden. Als ganz spezielle Bestattungsart enthalten diese „Werke“ sowohl die Körper der Verstorbenen als auch das Leben, das auf sie folgt und über ihnen wächst. In unserer Recherche für das Projekt geht es um den Kern dieses Paradoxons: Ein totes Wesen kann immer noch Leben enthalten.

In der Mitte der Bühne beherrscht ein Hügel den Raum. Er ist mit Grün bedeckt, zugleich Mausoleum und Landschaft. Er fungiert als Volumen, auf dem die singenden Tänzer:innen und tanzenden Sänger:innen klettern, sich verstecken und umhergehen. Der Tanz, ein unaufhörliches Vorbeiziehen mächtiger und armseliger, grotesker und anmutiger Figuren, durchdringt die Körper, als würde man die Bilder eines Basreliefs entrollen. Für uns ist es eine Ode an den Übergang, den Fluss und die Plastizität.

Ein wesentlicher Teil unserer Dramaturgie ist mit dem Atem verbunden, der Klänge, Melodien und Figuren trägt und formt. Gesänge und Gesten werden als Gebilde aus Luft erlebt, die das, was sich bewegt und was schwindet, was zu Stein wird und was bleibt, in Spannung versetzen. Muskeln, Stimmen und Zwerchfell bilden die Materie für ein greifbares Erleben des permanenten Übergangs. Im Ausströmen der Luft versuchen wir, eine Wahrnehmung dessen zu erarbeiten, was unsichtbar ist, und diese in Bewegung zu übersetzen.

Unser musikalisches Repertoire umfasst polyphone französisch-flämische, italienische, englische und deutsche A-cappella-Gesänge aus verschiedenen Epochen, von der Renaissance bis in die 1970er-Jahre. Ihr sakraler Charakter begründet sowohl Formen des Erlebens kollektiver Emotionen als auch Entwicklungen hin zu ihrer Transzendenz. Musik wird hier nicht als Monument erlebt, das die Körper in Ekstase oder Ehrfurcht erstarren lässt, sondern als eine Welle, die uns durchdringt und uns mit dem verbindet, was sich unentwegt verändert, verfällt und wiedergeboren wird. Sie ist ein Überrest, eine Spur, die zwischen den Darsteller:innen hin- und herwandert. Sie ist ein Nährboden für Empfindsamkeiten und Fantasieräume für unsere Stimmen, ein Vehikel, um neue Formen von Beziehung, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu erfinden.

Ausgestoßener Atem und kontinuierliches Vorbeiziehen sind Rhythmen, die Formen ergeben, mögen sie auch flüchtig, fragil und vergänglich sein. Diese machen t u m u l u s zum Traum von einer Gemeinschaft aus Künstler:innen, die vom Tod ausgehend die Freude am Altern und Nicht-Fortbestehen teilen. Gemeinsam gestalten sie ein musikalisches Gebäude, das durch die neuen Bewegungen, die sie unseren Körpern ermöglichen, die Abwesenden feiert.

Baudouin Woehl ist Dramaturg von t u m u l u s.
Übersetzung
Monika Kalitzke

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