Teile der Geschichte

Ein Auszug aus dem Stücktext von Pablo Fidalgo


Ich kann nicht ruhig oder vernünftig bleiben, wenn ich erzähle, was ich in der Schule erlebt habe,
wenn du mir also zuhören willst, muss dir das bewusst sein.
Viele Jahre hindurch gab es Missbrauch an meiner Schule.
Viele Jahre hindurch waren die, die Missbrauch erlebt haben, gezwungen, ihn anonym zu erleiden.
Wie ich dir schon eingangs gesagt habe, erinnere ich mich an keinen Missbrauch an mir.
Aber der Umstand, dass ich mich nicht erinnere, soll nicht heißen, dass es ihn nicht gegeben hat.
Woran ich mich sehr wohl erinnere, ist,
dass sie uns wie Tiere behandelten und wie Hunde aufhetzten.
Von der ersten Morgenstunde an brachten sie uns gegeneinander auf.
Wir waren Schüler von Mönchen ohne Berufung,
denn wer waren diese Mönche?
Oft waren es mittellose Dorfbuben, für die das Seminar der sicherste Weg zum Wohlstand war.
Das weiß ich, weil sie es uns selbst erzählt haben.
Sie waren, heute sehe ich das, das lebendige Abbild des Spaniens jener Zeit.
Die reine Bitterkeit eines Landes, das sich zu ändern versuchte.
Und in diesen Schulen mit ihren hohen Mauern fanden sie den geeigneten Ort,
schweigsame Soldaten zu erziehen, zukünftige Süchtige, dem Abgrund geweiht.

Ich erzähle dir hier von etwas sehr Konkretem, von einer einzelnen Schule.
In diesem Brief geht es nur darum, was bei den Maristen von Vigo um 1990 geschehen ist.
Den Ersten, die mit den Missbrauchsfällen an die Öffentlichkeit traten, möchte ich sagen: Ihr seid Helden.
Weil ihr an die Öffentlichkeit getreten seid, haben viele von uns angefangen sich zu erinnern,
und es ist wohl zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Kette geworden.
Ich werde nie wissen, ob ich diesen Schmerz in mir der Umgebung meiner Kindheit wegen oder wegen mir selbst habe.
Ich werde nie wissen, ob er kam oder ob er schon da war.

Weißt du, wovon ich spreche?
Ich habe geglaubt, jener Umgang und jenes Leben in der Schule wären die Welt.
Ich habe allen Grund, verrückt zu sein.
Ich habe allen Grund, zu sprechen und zu schweigen.
Ich habe allen Grund, in dieser Sackgasse zu stecken.
Ich habe allen Grund, nicht wachsen zu wollen,
nicht erwachsen sein zu wollen.
Und weil ich glaubte, die Welt wäre so, gewöhnte ich mich an den Schmerz
baute Mauern und Verteidigungsanlagen.
Und selbst jetzt sagt man mir noch: Du musst dich nicht immer schützen, rächen, verteidigen.
Du solltest dich mehr entspannen im Leben.
Sagt man mir heute noch.
Ich weiß, dass du für mich etwas tun wirst, aber das wird dich nicht weniger fremd machen.
Selbst wenn wir zu einer Einigung gelangen, weiß ich nicht, ob ich dir vertrauen kann,
und du weißt nicht, ob du mir vertrauen kannst.
Das haben sie uns von klein auf gezeigt:
Vertraue den Fremden nicht,
komm den Fremden nicht zu nahe.
Die Ironie ist, wenn du entdeckst, dass die Verletzung
normalerweise von dem kommt, der dir am nächsten ist,
von dem, über den man dir sagte, du könntest ihm vertrauen, er würde sich um dich kümmern.
Wie findest du dich in so einer Welt zurecht?

Es ist schwierig, einen Platz zu finden in einer Geschichte, die verschwiegen wurde.
Weil immer Teile der Geschichte fehlen,
fehlen am Ende Teile von dir.

© Lucía Martínez Pablo Fidalgo
Pablo
Fidalgo
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