Sofia Jernberg -
Tausend Zungen, die nicht lügen

Sie als „Sängerin“ zu bezeichnen, ist eine grob fahrlässige Verkürzung. Sofia Jernberg schafft durch ihr gesamtes Dasein einen Möglichkeitsraum für das, was die menschliche Stimme sein kann. Seit ihrer Kindheit in Äthiopien und Vietnam ist sie auf der Suche nach dem Unerhörten.

Es gibt ein Foto von Sofia Jernberg, auf dem sie sich hinter einem Notizbuch versteckt. Man sieht nur die Augen und eine Hand von ihr. Auf der aufgeschlagenen Seite, die sie vor ihr Gesicht hält, steht eine Liste mit Anweisungen an sich selbst, eine Partitur in Worten, allesamt in Großbuchstaben, für ein „VOICE SOLO“, das Jernberg vor einigen Jahren beim Borderline Festival in Athen performt hat. Hier der Höhepunkt der Komposition:

VÖGEL FÜR VERZERRUNG UND ALTE MUNDSYNTHESIZER
EIN TON? UND LANG ANHALTENDE KEHLKOPFVERUNSTALTUNGEN
HALBBRUTALE KORMORANE / SKARV

Trotz der prominent auftauchenden Kormorane und Verzerrer-Vögel: Mit solchen, häufig gehörten Vergleichen kann Jernberg nichts anfangen. Auch wenn sie sehr genau weiß, dass sie nicht von ungefähr kommen. Die Klänge, die Jernberg allein mit ihrer Stimme und ganz ohne Effektprozessoren schafft, wirken oft unglaublich, fast übermenschlich. Ihr schweben dabei allerdings keine programmmusikalischen Imitationsspielchen vor. Sie will nie „so klingen wie“. Jernbergs Vision entsteht aus dem Möglichkeitsraum der Klänge selbst und aus sozialen Zusammenhängen. „Viele Leute sagen, ich sei wie ein Vogel. Aber meine ganze Inspiration kommt von Musiker:innen und Musik“, sagt sie.

Auch Begriffe wie „Vokalakrobatin“ mag Jernberg nicht. „Ich mag 'experimentelle Sängerin'. Das passt mehr zu mir. Denn es geht nicht darum, eine Virtuosin zu sein. Es geht mehr um die Mentalität. Ich will mit Tänzer:innen arbeiten. Ich möchte mit Künstler:innen arbeiten. Ich möchte mit Komponist:innen arbeiten. Ich bin sehr aufgeschlossen und bereit, hart zu arbeiten und meine Möglichkeiten so weit wie möglich auszuschöpfen.“ Und das kann sie, sehr weit sogar.

Gurren, Gurgeln, Gluckern, Glucksen, Knacken, Knistern, Sirren. Zwitschern, Pfeifen, Brummen, Meckern, Heulen, Kreischen, Krächzen. Das sind noch längst nicht alle Register in Jernbergs Repertoire. Sie möchte gerne mit zwei Stimmen zugleich sprechen, sagt sie. Das gelingt ihr in den unfassbarsten Momenten auch, wenn Kehlkopf, Mundhöhle, Atemtechnik und Obertonreihen im Zusammenspiel unbekanntes Terrain erforschen.

Barock-Choral meets diasporische Moderne der Sechziger meets eigene Biografie und künstliche Intelligenz

Umso erstaunlicher klingt im Vergleich Jernbergs Sprechstimme, wenn man ihr gegenüber sitzt. Klar und sanft, sehr konzentriert und offen erzählt sie über ihr Leben und ihre Kunst. Zum Beispiel von ihrem Auftritt beim MaerzMusik-Festival im Haus der Berliner Festspiele Ende März 2021. Jernberg performte allein, in einem Konzertsaal ohne Publikum, live im Stream. Eines der Werke, eine eigene Komposition, war erst wenige Tage zuvor entstanden, eine Collage, die gerade durch ihre lose, assoziative Struktur einen weiten Zeit- und Denkraum aufmacht. Während einer fünftägigen Quarantäne in ihrem Hotelzimmer in Berlin musste Jernberg an Johann Sebastian Bach denken, sagt sie. Sie fragte sich, was Bach wohl zur selben Zeit des Jahres komponieren würde. Wegen der Fastenzeit vor Ostern hätte er nur mit eingeschränkten Mitteln arbeiten können, die Orgel in der Kirche durfte nicht gespielt werden. Aber Choräle hätte er schreiben können, so wie den Choral BWV 387 („Nun freut euch, Gottes Kinder all“), dessen Melodie Jernberg bei MaerzMusik auf der Bühne fast schwärmerisch summte. Dazu spielte sie parallel von ihrem Smartphone Stücke des ägyptisch-amerikanischen Komponisten Halim El-Dabh ab, die dieser 1963 in Äthiopien aufgenommen hatte, Jernbergs Geburtsland. Schließlich blendete sie über zu Klangschnipseln, die von einem Algorithmus generiert wurden.

Barock-Choral meets diasporische Moderne der Sechziger meets eigene Biografie und künstliche Intelligenz, kanalisiert in einer unkonventionellen Performance, inszeniert als Suche nach einer gemeinsamen Sprache. Willkommen im Kosmos von Sofia Jernberg!

„Ich habe nach etwas anderem gesucht“

Jernberg wurde 1983 in Äthiopien geboren, wo sie ihre ersten vier Lebensjahre verbrachte. In Addis Abeba wurde sie von einer Schwedin adoptiert, die dort für die Botschaft tätig war. Die alleinerziehende Mutter, die Tochter und ein weiteres adoptiertes Mädchen zogen später weiter nach Vietnam, wo Jernberg die International School in Hanoi besuchte. „Ich betrachte mich als internationale Person, mehr als dass ich mich als Schwedin oder so sehe“, sagt sie. „Ich bin mit Kindern aufgewachsen, die von überall her kamen, wirklich von überall her. Wir durften nur Englisch sprechen, in der Schule waren keine Fremdsprachen erlaubt, damit alle miteinander kommunizieren konnten. Das war für mich normal: dass man anders aussah und die Leute aus verschiedenen Teilen der Welt stammten.“

Beim Gespräch zieht Jernberg kurz ihren Mund-Nasen-Schutz vom Gesicht, um sich eine Portion Snus unter die Lippe zu schieben. Kautabak ist als Zigarettenersatz ziemlich beliebt in Stockholm, wo sie heute, nach mehreren Jahren in Norwegens Hauptstadt Oslo, wieder lebt. Als sie mit zehn Jahren erstmals in das Heimatland ihrer Mutter zog, war Schweden ein einziger Schock gewesen. „Schweden war völlig anders, weil es eine sehr homogene Gesellschaft war. Alle sahen gleich aus, alle kleideten sich gleich, sehr Mainstream und normativ. Damals gab es eine Menge echter Nazis, die diese Tattoos und alles hatten. Das war in den 90er Jahren ein echter Boom in Schweden. Ich mochte das nicht. Die acht Jahre von 10 bis zu meinem 18. Geburtstag waren wirklich, wirklich hart für mich.“

Zuflucht fand Jernberg in diesem ungewohnt uniformen und konformen Umfeld in der Musik. Die speiste sich für sie immer schon aus verschiedensten Quellen und Traditionen. Aus dem Pulsschlag Äthiopiens, der Folklore in Südostasien, vermischt mit Pop und europäischer Klassik. „In Vietnam habe ich viel traditionelle Musik gehört. Wir gingen dort zu Live-Konzerten und hörten auch äthiopische Musik, die meine Mutter mitgebracht hatte. All das wollte ich in dem, was ich selbst mache, vereinen.“

Jernberg sang im Chor, besuchte Musikkurse an der Volkshochschule und lernte später auch Komposition. Aber sie legt Wert darauf, dass sie keine konventionelle Ausbildung an einer Hochschule absolviert hat. Ihre wahre Schule waren die Plattenläden, die sie als Teenagerin nach besonderen Klängen durchstöberte, und daneben vor allem learning by doing. Mit 19 gründete sie ihre erste Band, Paavo, die mit sieben und zeitweise noch mehr Mitgliedern ihre eigene Spielart von Jazz entwickelte. „Die Ausbildung zur Opernsängerin war mir da nicht so wichtig. Ich wollte flexibler sein“, erklärt sie. „Mit der westlichen klassischen Musik konnte ich mich nicht wirklich identifizieren. Ich fühlte mich unwohl wegen der Leute, mit denen ich sang – wie soll ich es sagen? Ich passte einfach nicht dazu.“ Also begann Jernberg mit dem, was sie heute noch macht: „Ich war auf der Suche. Ich habe nach etwas anderem gesucht.“ Auf Sprache – also Sprache im Sinne von: identifizierbare, schlüssig aneinandergereihte Wörter und Sätze – verzichtet sie dabei lieber. „Ich möchte Musik auf hohem Niveau mit Instrumentalist:innen machen, ohne 'die Sängerin' zu sein. Darauf konzentriere ich mich schon seit 15 oder 17 Jahren“, erklärt sie. „Ich möchte Musik machen, die mehr ist als Worte, die reine Musik ist.“

Ausweitung der Singzone

Durch Bach, Halim El-Dabh und ein Telefon sucht und findet Jernberg also auch bei einem Solo-Auftritt den Weg zurück zu ihrem zentralen künstlerischen Mittel: zur Kommunikation. Der direkte Austausch mit anderen Musikerinnen und Musikern ist das, woran Jernberg stetig weiter wächst. Sie stand mit Hailu Mergia auf der Bühne, dem Grandseigneur des äthiopischen Jazz; mit der Saxofon-Berserkerin Mette Rasmussen; in Opernhäusern als Arnold-Schönberg-Interpretin; war Protagonistin von Kunstprojekten wie „Union of the North“ von Matthew Barney, Erna Ómarsdóttir und Valdimar Jóhannsson; gastierte gemeinsam mit Camille Norment bei der Kunstbiennale in Venedig. Die Liste ist ausufernd.

Die Projekte, an denen Jernberg beteiligt ist oder war, werden langsam so unüberschaubar, wie ihr Stimmumfang vielfältig ist. Die Kompilation „Voices Of The World“ (Stimmen der Welt) war ein früher und wichtiger Einfluss für sie. Untertitel: „An Anthology of Vocal Expression“ (eine Anthologie des stimmlichen Ausdrucks) – der passt inzwischen auch auf Jernbergs bisheriges Gesamtwerk. Die Vielzahl an Genres und Feldern, die aufzuzählen wären – Neue Musik, Jazz, Oper, Noise, bildende Kunst, Film, Theater, vom Blatt singen, improvisieren – macht nur klar, dass Jernberg in solchen Kategorien nicht zu fassen ist und selbst gar nicht in ihnen denkt.

Vielleicht sollte sie lieber erklären, warum sie bestimmte Dinge eben nicht mache, meint sie, befragt nach der Vielfalt ihrer Kollaborationen und den Kriterien ihrer Auswahl. Sie sagt das nur halb im Scherz, wird schnell wieder ernst: „Mit Musik kann ich nicht wirklich lügen. An alles, was ich tue, muss ich glauben.“ Und sie fährt fort: „Es macht mir Spaß, in der Musik immer wieder die Identitäten zu wechseln. Als Person wird meine Identität immer in Frage gestellt. Die Leute fragen mich immer wieder, woher kommst du denn wirklich? Identitäten und Musikstile wechseln zu können, ist eine bessere Repräsentation dessen, wer ich bin.“

Für die Wiener Festwochen 2022 verwandelt Jernberg sich weiter und präsentiert unter dem Titel Hymns and Laments One eine Zusammenarbeit mit einem zehnköpfigen Streich-Ensemble, zusammengestellt von Claire Nyqvist von den Wiener Symphonikern, unter der musikalischen Leitung von Christian Karlsen. Gemeinsam mit der Cellistin Okkyung Lee und dem Pianisten Cory Smythe wird Jernberg Musik aus Äthopien, der Mongolei und aus Korea interpretieren. Sie verrät einige Details: „Das musikalische Material sind Hymnen und Klagelieder aus aller Welt. Sie werden von verschiedenen Leuten arrangiert werden.“ Nämlich von den Solistinnen Lee und Smythe, von Lars Petter Hagen sowie von Jernberg selbst. Ein weiterer Teil des Abends widmet sich der Musik von Jean-Philippe Rameau.

Der Gedanke, sich intensiv mit Hymnen und Klagen zu beschäftigen, ist ein genuines Ergebnis der jüngeren Zeit. Während Jernberg und Dirigent Christian Karlsen monatelang wegen Lockdowns in Stockholm feststeckten, statt wie sonst von Engagement zu Engagement zu reisen, ergab sich ein intensiver Austausch über Musik. Erst allmählich stellten die beiden fest, dass sie dabei unbewusst auf eine ganz besondere Stimmung fokussiert hatten. „Alle Stücke hatten zufällig diese Art von trauriger Stimmung. Da merkten wir: Oh, das ist eigentlich schönes Material! Vielleicht können wir etwas mit diesen Hymnen und Klageliedern machen. Es war sehr intuitiv.“

Keine Sicherheit, jede Möglichkeit

Jernbergs Hauptantrieb für ihre vielgestaltigen Projekte ist immer die Begegnung mit etwas, das sie noch nicht kennt. „Ich muss keine neuen Dinge machen, es muss nicht etwas noch nie Gehörtes sein“, erklärt sie. „Aber ich mag es, an meine Grenzen zu gehen, mich immer weiterzuentwickeln und nicht an derselben Stelle steckenzubleiben.“ Ihr künstlerisches Kredo ist radikal simpel, unverfälscht, unbeirrbar: Sie will Musik machen, solange sie dabei selbst Neues entdecken kann – nicht mehr, nicht weniger. Falls sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen kann, umso besser. Falls nicht, würde sie eben wieder in ihren Brotjob als Pflegerin zurückkehren, den sie fast bis zu ihrem 30. Lebensjahr ausgeübt hat.

Diesem Ansatz folgt sie immer noch. Er ist so kompromisslos, dass auch eine Pandemie daran kaum rütteln kann. Jernbergs Selbstverständnis als Künstlerin, ihr Fokus und ihre Vision haben sich seit dem Frühjahr 2020 nicht geändert. Höchstens ein paar Routinen, aber die vermeidet sie ohnehin. „Ich habe keine Wahl. Ich bin die Art von Sängerin: Ich muss Musik machen“, sagt sie. „Die Pandemie hat also meinen Glauben an das, was ich tun will, nicht beeinträchtigt, und die Schwierigkeiten sind immer da, wenn man freiberufliche Musikerin ist. Ich habe sowieso keine Sicherheit, also macht mir das nicht so viel Angst. Und ich weiß, dass ich, wenn ich mich nicht selbst durchbringen kann, einfach wieder mit alten Leuten arbeiten werde. Ich mochte diese Arbeit, ich würde das wertschätzen. Also nein, es hat sich nichts geändert. Nichts.“

Fragen nach dem Warum, Wie, Wozu haben Sofia Jernberg ohnehin nie wirklich beschäftigt. „Ich muss Musik machen“, betont sie noch einmal. „Also mache ich das auch weiter.“

Arno Raffeiner

Der Text wurde von Arno Raffeiner ursprünglich für die Monheim Papers der Monheim Triennale 2022 verfasst und von dem Autor für die Wiener Festwochen adaptiert: https://www.monheim-triennale.de

© Saga Sigurdardottir Sofia Jernberg
Sofia
Jernberg
© Nadja Sjoestroem Christian Karlsen
Christian
Karlsen
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