Über Éléphant

Bouchra Oizguen im Gespräch

Wie ist nach Corbeaux, Ottof und Jerada dieses neue Projekt Éléphant entstanden?
Ich mache nicht regelmäßig neue Stücke, sondern funktioniere eher in Zyklen. Bei Éléphant war es sowohl eine Frage der Zeit – es war der richtige Moment – als auch die Lust, mit einem Team zu arbeiten, das ich mag. Ich treffe bei diesem Projekt zwei meiner ältesten Wegbegleiterinnen wieder, mit denen ich seit zehn Jahren zusammenarbeite, und eine Tänzerin, wo das nicht so lange der Fall ist. Sie haben alle sehr unterschiedliche Hintergründe und jeweils nicht nur ein einzelnes Fachwissen – es gibt Sängerinnen, Musikerinnen ... Ich hatte Lust, sie zusammenzubringen und mit ihnen eine neue Lebens- und Schaffensphase zu teilen.

Warum dieser Titel?
Ich finde, dass der Elefant ein sehr schönes Tier ist. Er könnte in diesem Stück eine Metapher für das sein, was uns lieb und teuer ist, aber immer mehr verschwindet. Das kann sowohl ein:e Angehörige:r sein, eine geliebte Person, aber auch der Wald, unsere natürliche Umgebung. Ich möchte aber weder nostalgisch noch alarmistisch sein. Inmitten dieses Verlustes versuche ich, etwas wie Freude zu finden, wie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Aufführung will ein Horizont sein, um durch Geste, Bewegung und Musik zu einer neuen Zeitlichkeit zu gelangen. In meiner Arbeit suche ich jedoch nie nach Techniken oder Konzepten, daher will ich meine Vorgehensweise nicht intellektualisieren: Das Einzige, was mich interessiert, ist, dass es Leben gibt.

Inwiefern bedeutet Éléphant eine künstlerische Kontinuität in der Arbeit Ihrer Kompanie?
Die Performance vertieft die Forschungen, die ich mit meiner Kompanie seit zehn Jahren verfolge. Unser gegenseitiges Vertrauensverhältnis ist für unsere Arbeit von entscheidender Bedeutung. Wir können Dinge verstehen, ohne dass wir sie uns sagen, und dank dieser menschlichen Beziehung können wir in den Proben neue Formen ausprobieren und müssen uns nie einem System unterordnen. Die Menschen, die ich zusammenbringe, sind also jene marokkanischen Künstlerinnen, die mich seit einiger Zeit begleiten: Halima Sahmoud und Milouda El Maataou. Zusammen suchen wir eine gemeinsame choreografische Sprache und in Éléphant werden wir sie weiterentwickeln. Der Klang ist zum Beispiel ein grundlegendes Element dieser Sprache. Hier möchte ich verschiedene Register einsetzen: Gesang, Instrumente, das gesprochene Wort. Ich möchte, dass dieses Klanggeflecht eines der Felder des Stücks ist.

Die Arbeit Ihrer Kompanie ist von einer marokkanischen Volkstradition inspiriert. Woher kommt sie genau und wie durchdringt sie Ihre choreografische Arbeit?
Die Praxis der Künstler:innen, denen ich im Laufe meines Werdegangs begegnet bin, beruht nicht nur auf einem einzigen Einfluss, sondern speist sich aus mehreren musikalischen Strömungen. In Marokko ist der Tanz keine akademische Disziplin: Wir wiegen uns in ihm seit der Zeit im Bauch unserer Mütter, dann bei unseren Zusammenkünften und Festen, sei es bei einem einfachen Tee zu Hause oder einer Hochzeit. Es gibt keine Grenzen zwischen den Künstlerinnen, die wir im Theater sehen werden, und dem Leben zu Hause. Es sind also Momente, die wir miteinander teilen. Außerdem haben die Tänzerinnen keine Schule besucht, wie ich übrigens auch nicht. Einige haben jahrelang das Weben gelernt: Das ist eine handwerkliche Arbeit, die Raum, Farben, eine echte künstlerische Partitur und musikalische Techniken umfasst, die sie bei Meistern erlernt haben. Beim Weben hören sie dem Gesang zu und lernen selbst zu singen. All diese Stoffe bilden ihr Universum und damit auch das meiner Aufführungen.

Kann man sagen, dass Sie mit Ihrem künstlerischen Ansatz versuchen, die Grenzen zwischen zeitgenössischem Tanz und Volkswissen aufzuheben?
Ich stelle keine Forderungen. Was mir wichtig ist, ist die Freude zusammen zu sein, zu proben und ein Stück zu entwickeln. Den zeitgenössischen Tanz habe ich eher zufällig in der Schule entdeckt: Ich habe kleine Tanzaufführungen gemacht und man sagte mir, dass das wie zeitgenössischer Tanz aussähe. Ich begann, mir Videos anzuschauen und an Workshops teilzunehmen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine reiche Geschichte aufgesogen, und zwar die meiner Kindheit.

Das Interview wurde von Agathe Le Taillandier für das Festival d’Automne à Paris 2021 geführt.
Übersetzung Monika Kalitzke

Über das musikalische Repertoire von Éléphant


In Marokko spiegelt der Musikstil Laabate den Einfluss der subsaharischen und der alten Musik Nordafrikas wider: Polyrhythmen, die Verwendung von Ruf- und Antwortmustern, verschönerte pentatonische Skalen und die typisch zyklische Struktur der marokkanischen Musik. Bei näherer Betrachtung zeigt sich ein kompositorischer Aufbau, der auf ständig variierenden Permutationen einer relativ begrenzten Menge rhythmischer Muster beruht, die auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sind und an afrikanische Muster der Textilweberei erinnern. Die musikalische Form wird durch Dynamik und Temposchwankungen, die auf eine organische Expansion hinweisen, verstärkt und hervorgehoben.

Die musikalische Kultur der Laabate-Frauen ist mit der wirtschaftlichen und sozialen Rolle verbunden, die Frauen in Marokko spielen. Die Textilindustrie bietet ein für die Ausübung von Musik günstiges Arbeitsumfeld. In den Pausen, die die Webarbeit unterbrechen, finden sich die Frauen traditionell in einem Kreis zusammen, um zu singen und sich dabei mit Hand- und Schlaginstrumenten zu begleiten.

In der Aufführung Éléphant sind verschiedene Lieder aus der mündlichen Überlieferung des Laabate-Repertoires zu hören, weltliche Lieder, die die Natur oder die Liebe feiern ...

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