Friede auf Erden

Ein Nachklang des modernen Wiens

von Lisa Moravec

Das Jugendstiltheater der Psychiatrie an der Baumgartnerhöhe fungierte einst als Gesellschaftshaus. Erbaut wurde es nach den Plänen Otto Wagners von dem Architekten Carlo von Boog. Seit seiner Eröffnung 1907 wurde es als Versammlungsort für die Menschen mit psychologischen Störungen genutzt, die auf den Steinhofgründen lebten. Bis zum zweiten Weltkrieg fanden in dem Theater um die 600 Menschen, die als Geisteskranke abgestuft und als „Irre“ in Zellen gehalten wurden, einen Sitzplatz. Von 1940 bis 1945 wurden eben an diesem Ort um die 800 kranke, behinderte, und „undisziplinierbare“ Kinder und Jugendliche im Rahmen des Euthanasieprogramms Am Spiegelgrund ermordet.

Die Geschichte und Jugendstilarchitektur der Wiener Steinhofgründe sind eng mit der Kriegsgeschichte Österreichs verwoben. „Die neue Musik“ des Juden Arnold Schönbergs ging diesen zeitgeschichtlichen Bedingungen voraus. Bereits in der ersten Hälfte der 1910er Jahre, vor dem ersten Weltkrieg, kehrte sich Schönberg von der klassischen Dur-Moll Tonalität ab, und begann das technische System seiner atonalen Musik zu entwickeln. Der implizierte Freiheitsgedanke in seiner Musik verweist nicht nur auf die gesellschaftliche Krise dieser Zeit, sondern auch auf seinen Glauben an einen Paradigmenwechsel. Schönbergs Zugang zur Musik, zur künsterlischen Praxis des Komponierens, zeichnet die neue Wiener Musik aus.

Theodor Adorno, selbst kurze Zeit Schüler der atonalen Kompositionslehre von Alban Berg Mitte der 1920iger in Wien, merkt in seinem im Exil geschriebenen Buch Philosophie der neuen Musik (1949), dass man Schönbergs Zwölftontechnik nicht als eine „Kompositionstechnik“, etwa wie den des Impressionismus, verstehen darf. Solche Versuche würden, so schreibt Adorno, nur ins „Absurde“ führen. Stattdessen vergleicht er Schönbergs musikalische Struktur mit „einer Anordnung der Farben auf der Palette“. Für Adorno beginnt das Komponieren erst in dem Moment, wo das Zwölftonsystem bereits besteht.[1]

Ähnlich wie Adorno Schönbergs Musik auffasst, nicht als Technik sondern als Interpretationssache, befasst sich auch Ulla von Brandenburg mit seiner Musik. Ihre Kollaboration mit dem Arnold Schoenberg Chor im Rahmen der Wiener Festwochen spiegelt ihren freien Zugang zur Aufführung von Schönbergs Kunst mit Farben wieder. Für sie steht die Kompositionsfrage im Raum, wie Schönbergs mathematisches Musiksystem nicht nur als abstrakt hörbar, sondern auch materialistisch aufführt werden kann.

Von Brandenburgs dramaturgisch konzipierter Musikabend Friede auf Erden besteht aus sieben Musikstücken Schönbergs. Jedes ist in eine Farbe, durch im Raum installierte Stoffvorhänge, getaucht. Sie stimmt Farben und Klänge miteinander ab. Ihre Klang-, Farb-, und Lichtspiele laden den neoklassizistischen Theaterraum mit unterschiedlichen, mystischen Stimmungen auf. Die originalen Liedtexte, gesungen von dem Arnold Schoenberg Chor, dirigiert von Erwin Ortner, und begleitet durch Musiker*innen des Klangforum Wien, erzeugen ein synästhetisches Erlebnis.

Friede auf Erden ist ein Schauspiel ohne Leitbild. Es bricht mit der vorgegebenen Zentralperspektive des Jugendstiltheaters, indem es die kleine Bühne für die Zurschaustellung von unterschiedlichen Vorhängen, auf mobilen Halbmästen installiert, nützt. Stattdessen wird die Längsseite des Theaterraums zur Leinwand, und der sonst mit Sitzplätzen gefüllte Raumkorpus zur Bühne. Die Musiker:innen und Sänger:innen sind die Protagonisten. Sie werden in unterschiedlichen Konstellationen geometrisch im Raum angeordnet im Laufe des Abends. Ihre pastellfarbigen, barocken Kostüme geben dabei den Anschein, dass sie aus der Zeit, aus dem Raum, herausgefallene Schauspieler*innen sind, die ihr stimmliches Handwerk allegorisch darstellen.

Wenn die einfarbigen Vorhänge von Zeit zu Zeit erwartungsvoll bewegt werden, werden lediglich die gehörten Stimmen sichtbar. Musik und Gesang treffen auf Farben, Stimmlagen werden verkörpert. Sie sind nicht abstrakt, sondern werden materialistisch dargestellt, und bilden ein dekoratives Farbtontheater.

So wie das Ideal Friede nicht beständig sein kann, macht die Performance deutlich, dass das historische Erbe der „schönen Künste“ nicht ohne die Kulturindustrie existieren kann. Die sie umgebende Architektur leistet ihren spirituellen, unheimlichen Beitrag dazu. Von Brandenburgs dramaturgisches System, um Schönbergs Musik gebaut, erinnert daran, dass Krieg und Friede, sowie Farben und Musik, miteinander in Verbindung stehen, ihre Substanzen aber unterschiedlich sichtbar sind. In der Performance löst sich die ursprüngliche Freiheitsidee des Jugendstils synästhetisch auf. Was bleibt ist das Denken an den Krieg, den Russland jetzt gerade mit der Ukraine führt.

[1] Theodor Adorno, Philosophie der neuen Musik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1975, S. 53.

Lisa Moravec schreibt, forscht, und lehrt an der Schnittstelle von Performance und visueller Kunst, mit einem Fokus auf zeitgenössische Performance ab den 1960er-Jahren. Sie ist redaktionell für akademische Journals tätig und publiziert regelmäßig Kunst/Performancekritik für internationale Magazine.

  • Musikalische Werke

    Arnold Schönberg, Das Buch der hängenden Gärten op. 15 (1907–1909),
    Lieder 1, 2 und 11 Text: Stefan George
    Arnold Schönberg, Drei Volksliedsätze op. 49 (1948), Text: anonym überliefert
    Arnold Schönberg, Drei Satiren op. 28 (1925/26) Text: Arnold Schönberg Arnold Schönberg, Dreimal tausend Jahre op. 50A (1949) Text: Dagobert D. Runes (c) Arnold Schönberg Center
    Arnold Schönberg, Vier Stücke op. 27 (1925) Text: Arnold Schönberg (1, 2), Tschan-Jo-Su / Hans Bethge (3, 4)
    Arnold Schönberg, Psalm 130 op. 50B (1950) Text: anonym überliefert
    Arnold Schönberg, Friede auf Erden op. 13 (1907/11) Text: Conrad Ferdinand Meyer

Zum Seitenanfang
logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Hauptsponsoren