Der Begriff „Performance“ bezeichnet sowohl künstlerischen Ausdruck als auch die messbare Ausführung von Aufgaben oder Rollen. Im zeitgenössischen Kontext kollabieren diese Bedeutungen zunehmend und Individuen werden als Darsteller:innen von Identität, Produktivität und Affekt positioniert – wobei Sichtbarkeit, Präsenz und Output miteinander verflochten sind und fortwährend bewertet werden.
On the Floor
Ida Mariboe Nielsen
In ihrem eigenen Alltag, – tagsüber lebt sie als Künstlerin, abends arbeitet sie als Reinigungskraft und in anderen Nebenjobs –, sind alle Arbeitsbedingungen äußerst praktisch und handwerklich geprägt: auf dem Boden geschieht etwas, der Boden wird gereinigt, auf dem Boden wird getanzt. In On the Floor wird der Akt des Reinigens zu einer Choreografie und einem Ritual von Achtsamkeit und Verwandlung. Der Boden wird Altar und Bühne, auf der Gesten der Arbeit neu interpretiert werden als Gesten der Hingabe, des Widerstands und der Erneuerung. Die Performerin trägt ein Kleid aus Reinigungsmaterialien, kombiniert mit Elementen eines Hochzeitskleides und verbindet damit alltägliche Arbeit mit Zeremonie und Feier. Mit dieser Arbeit möchte sie die Verflechtung von Pflege und Instandhaltung erkunden und gleichzeitig manuelle Arbeit als Ort poetischer, politischer und ästhetischer Aufmerksamkeit zurückerobern. Hervorgestrichen werden die alltäglichen Rituale der Pflege und Erneuerung.hermaphroditus
Kara Paul-Can Atlama
Eine Gottheit, die sich binäre Geschlechtlichkeit verweigert, zieht mit völliger Selbstverständlichkeit ihre Bahnen in dem Swimmingpool des Badeschiffs. Hat sie genug dem Wasser gefrönt, entsteigt sie dem kühlen Nass, um sich den Blicken ihrer Gäste hinzugeben. Über die nächste Stunde ist sie die lebendige Statue, die den tief schlummernden Fantasien ihrer Betrachter:innen eine Form verleiht. Dafür nimmt sie die Posen ein, in denen Menschen sie durch die Geschichte hinweg dargestellt haben. Sie ist den Blicken ausgeliefert und wird zur Projektionsfläche, während sich ihre Gäste mit der Physis der Gottheit konfrontieren müssen, die ihren rechtmäßigen Raum einfordert.Die Performance ist Teil einer Werkreihe, die in der Auseinandersetzung mit Ovids Metamorphosen und seiner Version des Mythos von Hermaphroditus, einer mehrgeschlechtlichen Gottheit, entstand. Seit der Antike wird diese Figur immer wieder mit den moralischen Werten ihrer Zeit neu aufgeladen und reinterpretiert.
Society of Doomers
Mahdi Bakhshi
„Ich fühle mich verloren, und dasselbe spüre ich in dir; wir sind alle unseren Bildschirmen zum Opfer gefallen. Also lass uns chillen und scrollen. Das bietet einen flüchtigen Trost, einen stillen Beweis dafür, dass ich zumindest versucht habe, nach einem besseren Leben zu suchen. Aber ich schlafe. Ich weiß nicht, wann ich eingeschlafen bin – vielleicht vor neun Jahren. Du musst durch meinen Albtraum doomscrollen, vielleicht reißt mich das aus ihm heraus. Sammle jeden Tropfen Dopamin, den du gewinnst, wenn du mir zusiehst, und nutze ihn, um den Kreislauf zu durchbrechen. Sei mein Wecker. Weck mich um 7:30 Uhr.“Diese Performance sieht Mikro-Dopamin-Kicks als unsere neuen Götter und Göttinnen und Social-Media-Algorithmen als deren Hohepriester:innen, die den Nutzer:innen einen ständigen Strom an Inhalten zuführen, um ihre endlose Hingabe sicherzustellen. In der Inszenierung eines experimentellen, kollektiven Doomscrolls mit dem Publikum navigiert das Stück durch das fragmentierte Storytelling in diesem Medium. Ziel der Erfahrung ist letztendlich, die Verhaltensroutinen des postdigitalen Menschen zu stören und unsere passive Beziehung zum Feed zu unterbrechen.
Der lange Sonnenuntergang
Reza Shirvan
„Der lange Sonnenuntergang“ ist eine 30-minütige Performance, in der eine Gruppe von Menschen versucht, den Moment des Sonnenuntergangs zu verlängern. Entlang eines Weges am Donaukanal, der gewöhnlich in drei Minuten zurückgelegt wird, bewegen sich die Teilnehmenden hintereinander in extrem verlangsamtem Tempo und dehnen den Weg auf 30 Minuten aus, sodass sich die Dauer des Sonnenuntergangs mit ihrem Rhythmus verschiebt. Die Arbeit versteht sich als kollektive Erfahrung. Jede Person kann teilnehmen und den Moment des Sonnenuntergangs in einem anderen, gemeinsamen Zeitmaß erleben. Durch die Verlangsamung entsteht ein temporärer Raum, in dem sich Wahrnehmung, Körper und Umgebung neu aufeinander abstimmen.Who’s Afraid of Eshu’s Phallus?
Ymo 09
Wer hat Angst vor Eschus Phallus? konfrontiert gegensätzliche Perspektiven durch eine Performance, die Sexualität, Männlichkeit und die sozialen Rollen untersucht, die Männern auferlegt und von ihnen zugleich reproduziert werden. Indem dominante patriarchale Narrative hinterfragt werden, eröffnet die Arbeit Raum für neue Gespräche über Geschlecht und Macht.Durch die Verbindung von Tanz, Gesang und rituellen Gesten greift das Stück auf afrobrasilianische religiöse Traditionen zurück, insbesondere auf jene des Candomblé, in denen Eschu als Gottheit der Fruchtbarkeit, Transformation und Ahnenenergie verehrt wird.
Das Zusammenspiel von sakraler und profaner Bewegung verkörpert ein dynamisches Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kräften und schafft eine visuelle sowie klangliche Umgebung, die das Publikum zu einer reflektierenden und sinnlichen Erfahrung einlädt. Auf diese Weise destabilisiert die Arbeit konventionelle Geschlechternormen und ermutigt die Betrachtenden, sich fluidere und gerechtere Möglichkeiten von Verkörperung und Gesellschaft vorzustellen.
GEMEINSAM
ODER EIN MYTHOS IM SINNE EINER ERZÄHLUNG ÜBER MÖGLICHKEITEN
Barbara OberhoferDie choreografierte Performance GEMEINSAM erlaubt das gemeinsame Begegnen mit je nach Teilnehmer:innen offenen, weil selbst gestaltetem Ergebnis.
Heute wird reichlich Individualismus gelebt. Dennoch suchen wir nach etwas Gemeinsamen. Diese künstlerische Arbeit basiert auf Handlungsanweisungen, die mit zunehmendem Freiraum erlauben, einen gemeinsamen Weg zu finden.
Aber im Grunde ist alles ein Experiment. Wie im Leben. Mit viel Spielfreude.
Autotomy
NICHT ZU VERWECHSELN MIT AUTONOMIE
Mehrta Shirzadian und Uroš Paunković
Live Kamera: Sebastian Samek\[…\] kämpft, indem es seinen Schwanz wie eine Peitsche gegen Artgenossen einsetzt. Es kann seinen Schwanz **AUTONOMISIEREN**, doch ist dies mit sozialen Kosten verbunden – der Verlust des Schwanzes mindert das soziale Ansehen und die Paarungsfähigkeit \[…\] verminderter sozialer Status nach der **AUTONOMIE** des Schwanzes \[…\] verzeichnet einen geringeren Paarungserfolg \[…\] nach dem Verlust des Schwanzes werden kleinere Eier oder gar keine Eier mehr produziert \[…\] nimmt eine neue, keulenartige Form an, die dem Männchen eine bessere Kampfwaffe bietet, sodass **AUTONOMIE** und Regeneration zusammenwirken, um die \[…\] Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeit zu steigern.
Ab wann führt Einwilligen zum Aufgeben von Autonomie? Die Weigerung, sich entweder einem natürlichen Raubtier oder den leidenschaftslosen individualistischen Tendenzen der heutigen Gesellschaft zu unterwerfen, hinterlässt eine Wunde, eine traumatische Lücke, die durch ein neues Beziehungsgeflecht überwunden werden muss. Verweise auf Peter Greenaways Film Ein Z und zwei Nullen sind in Form eines Dialogs mit dessen Figuren enthalten.
Mit Sebastian Samek / Ida Mariboe Nielsen / Kara Paul-Can Atlama / Mahdi Bakhshi / Reza Shirvan / Ymo 09 / Barbara Oberhofer / Mehrta Shirzadian, Uroš Paunković Kuratiert von Peter Kozek / APL – Angewandte Performance Lab