Marlene Monteiro Freitas
Gedanken über
idiota

idiota ist ein Solo in einer Glasvitrine, du nennst sie die Büchse der Pandora. In der Mythologie war diese mit allen Schrecken und Übeln gefüllt, die später in die Welt entlassen wurden. Was genau ist Pandoras Büchse für dich in der Performance?
Die Büchse von idiota ist gleichzeitig eine Vitrine, ein Haus, ein Raum, eine Plantage, ein imaginierter Innen- oder Außenraum, eine dreidimensionale Leinwand … Im Pandora-Mythos bleibt Elpís, abwartend, in dem Gefäß zurück, als eine Figur, die einerseits Angst und Befürchtung, andererseits Hoffnung in sich vereint. Idiota betritt die Vitrine, mit der Absicht Elpís nachzuspionieren. Doch genauso wie die freigelassenen Übel ist Elpís für die Menschen nicht sicht- und hörbar. Wir wissen, dass sie existieren, aber es ist unmöglich vorherzusagen, wann sie, unsichtbar und unhörbar, unsere Wege kreuzen. Im Mythos der Pandora begegnet die Menschheit ihrer eigenen doppel- und mehrdeutigen, widersprüchlichen Bedingung, wie z. B. zwischen der Welt des Animalischen und jener der Götter zu leben. Idiotas Versuch, dem nachzuspionieren, was nur den Göttern und Göttinnen zu sehen erlaubt ist, ist ein Verrat an seiner:ihrer eigenen Bedingung. Der einzige Weg, diese Box zu verlassen, ist durch sein:ihr eigenes Scheitern.

Du hast die Glasvitrine und das Solo an einen Ausstellungort gesetzt, sie sind also umgeben von Kunstwerken und Sammlungen. Warum und wie verändert sich dadurch die Performance und die Wahrnehmung des Publikums?
Das Stück ist möglicherweise von Kunstwerken, vom Publikum, verschiedenen architektonischen Stilen und anderen Elementen umgeben. Das ist gleichzeitig eine Herausforderung und ein Aspekt, der mir willkommen ist: Damit wird die Performance in eine ähnliche Position wie ein Gemälde versetzt, das unvorhersehbar in Galerien und Museen mit Kunstwerken anderer Künstler:innen in Dialog tritt. Nichtsdestotrotz findet das Solo in einer Box statt, genauso wie das Gemälde in seinem Rahmen verbleibt, egal, wo es ausgestellt wird. Und das wiederum verdeutlicht die Geduld und Beständigkeit dieser Performance. Sie macht sich unabhängig von dem sie umgebenden Kontext, als würden wir unser eigenes mobiles Theater herumtragen. Am Ende definiert die Balance zwischen den kontrollierten und unkontrollierten Aspekten im Aufführungsmoment die Performance selbst und wie sie vom Publikum wahrgenommen wird.

Der Charakter in der Büchse erlebt Metamorphosen, von Mensch zu Tier zu Marionette. Dazu recherchierst du seit Langem. Kannst du deine jüngsten Entdeckungen im Rahmen der Entwicklung von idiota mit uns teilen?
In idiota setze ich meine choreografische Recherche fort, ich gehe tiefer und begegne dem Neuen, dem Fremden, dem Unvorhersehbaren. Der Umstand, dass es nicht im Theater vor einem Publikum stattfindet, das im Dunkeln sitzt und daher leicht in eine Fiktion eintauchen kann, ist ein neuer und herausfordernder Punkt für das Stück und mich als Performerin. Aber es gibt auch noch einen anderen Aspekt, der mich während der Entwicklung und Aufführung des Solos begleitet hat. Das ist die Wahrnehmung von Zeit, die sich fundamental unterscheidet, ob du vor einem Gemälde oder vor einer Performance stehst: die Wahrnehmung des Gesamten, einzelner Teile und der Details. Mein Bestreben war, mich in meiner Vorstellung – so weit wie möglich – gleichzeitig als Malerin und als Gemälde zu sehen, ohne ein Vorher oder Nachher …

Wer oder was ist Idiota?
Idiota ist eine hybride Figur, die sich unter dem Einfluss von Elpís durch sein:ihr eigenes Scheitern befreit.

© Peter Hönnemann - Kampnagel Marlene Monteiro Freitas
Marlene
Monteiro Freitas
Zum Seitenanfang
logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Hauptsponsoren