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„Macht eure Scheiße alleine“

Eine Erinnerung an Christoph Schlingesief zur Eröffnung der Ausstellung
Es ist nicht mehr mein Problem!

Von Milo Rau

Als Christoph Schlingensief 2010 starb, sagte Elfriede Jelinek: „Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“ Er verkörperte keinen Stil, sondern eine rauschhafte Energie, ein magnetisches Feld aus Sympathie, Energie, Schönheit und Skandal, Bildern und Worten. Noch einmal Elfriede Jelinek: „Wie von einer umgekehrten Fliehkraft sind die Menschen buchstäblich an ihn herangerissen worden.“ Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich, als ich mit dem Bruder von Aino Laberenz, Schlingensiefs Bühnen- und Kostümbildnerin und Witwe, dem Dokumentarfilmer Lennart Laberenz, an „Hate Radio“ arbeitete. Das Stück tourt bis heute, und jedes Mal, wenn ich es sehe, denke ich an Schlingensief – ich habe darin ein kleines Zitat von ihm versteckt.

Christoph Schlingesief selbst war mir vor seinem Tod nur ein paar wenige Male über den Weg gelaufen. Wir waren beide ständig unterwegs, zudem war er fast 20 Jahre älter als ich, was sich damals für mich wie eine ganze Generation anfühlte. Als Schlingensief den „Hamlet“ in Zürich inszenierte, war ich dort Student, und als er mit seiner Partei „Chance 2000“ durch Deutschland tingelte, war ich in Berlin, sah ihn im Mauerpark. Ich arbeitete damals, um mein Studium zu bezahlen, als Kultur-Korrespondent der NZZ und erinnere mich, wie meine Kollegen ihn verachteten: einen oberflächlichen Provokateur, einen deutschen Zeigefinger-Moralisten, der keine Ahnung von Kunst hatte – so nannten sie ihn.

Ich glaube: Es war der moralische und existenzielle Extremismus, mit dem Schlingensief sich seiner Zeit aussetzte, der sie gegen ihn aufbrachte. Sie missverstanden seine Bezogenheit aufs Jetzt als Oberflächlichkeit. Denn Schlingensiefs Künstlerethos war, wie in einem alten Märchen, beispielhaft: zugleich unendlich konkret und absolut unfertig, voller größenwahnsinniger Energie und total persönlich. Vom Kettensäger-Massaker bis zum Parsifal, wer sonst hat eine solche Spannweite bespielt? Wer sonst war so unerbittlich und doch so offen, so klug und doch so naiv? Schlingensief mutete an wie eine Manga-Figur, wie eine Art postmoderner Volks-Heiliger – und für diese Kombi wurde er von den Gatekeepern der Kunst- und Theaterwelt gehasst.

Aber dann wurde er krank, und plötzlich mochten ihn alle. Es ist so in Deutschland und Österreich, dass man Oper inszenieren oder besser gleich ganz tot sein muss, um als Künstler ernst genommen zu werden. Bekanntlich hat Schlingensief damals, als er in Bayreuth war, vorausgesagt, dass er Krebs kriegen würde in der toxischen Stimmung des Grünen Hügels. So war es auch. In den vergangenen Wochen habe ich sein Krebstagebuch wieder gelesen, seine Interviews. Denn für das „Beste Stück aller Zeiten“ basteln wir mit heißer Nadel eine Festwochen-Revue aus den Erinnerungen jener Menschen, die dabei, aber eben unsichtbar waren – als Zuschauer, Statisten, Techniker. Und natürlich geht es darin auch um die Container-Aktion „Bitte liebt Österreich“, in Wien sicher Schlingensiefs berühmteste und meist erinnerte Arbeit. Als ich 2023 nach Wien zu den Festwochen kam, machte ich bei meinem Team eine Umfrage. Was waren die wichtigsten, was die unvergesslichsten Inszenierungen gewesen? Die meistgenannte Inszenierung war „Bitte liebt Österreich“.

Erstaunlich ist, wie sich alle an ihn erinnern wie an ein Familienmitglied. Wie kein anderer Künstler gab er den Menschen das Gefühl, sie ganz persönlich anzusprechen. Während der Proben zum „Besten Stück“ haben wir einen Versuch gemacht: eine KI-Variante von Schlingensiefs Stimme herzustellen. Doch diese seltsame Energie seines Denkens, immer ein bisschen ungeduldig, fast aggressiv, vom politischen Statement in die ironische Übertreibung springend, vom Wagner-Zitat in den Gruß an seine Mutter, vom Eindeutigen ins Uneindeutige – diese Stimme, diese Denkbewegung ist nicht zu imitieren. Schlingensiefs Geist widersetzt sich der künstlichen Intelligenz, so wie seine Arbeit dem Museum.

Womit eine Frage bleibt: Warum ist Schlingensief, der Zeitgenossenschaft zum künstlerischen Prinzip erhoben und kein Werk im klassischen Sinn geschaffen hat, warum ist dieser panische Arbeiter am Heute, am Vergänglichen – warum ist Schlingensief immer noch da? Warum ist er so aktuell? Ich denke, weil er tatsächlich ein Prophet war. Oder simpler: Weil zu seiner Zeit als Katastrophe begann, was heute Alltag ist. Die aggressive Bigbrother-Atmosphäre von Schlingensiefs Containers ist zur allgemeinen politischen Doktrin geworden – inklusive globaler Überwachung und rechtliche legitimierter Abschiebungen von Dänemark bis in die USA. Wagner-Figuren wie Thiel, die sich den Gottesstaat wünschen, Präsidenten-Clowns, die sich mit Jesus vergleichen und dem Papst drohen, ein ESC, der zum ideologischen Kampffeld wird: die Welt insgesamt ist surreal geworden, der Alltag hat sich mit dunkler mythischer Energie aufgeladen.

Wollen wir seinem Werk wirklich gerecht werden, so bleibt uns nur eins: uns der Welt auszusetzen. Mit Schlingensiefs moralischer Rigorosität, seiner Sanftmut, seinem unbezwingbaren Humor. Er ist dann mal weg – und wir müssen unsere Scheiße alleine machen.

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