Marcus Lindeen
im Gespräch

Welche Ausbildung haben Sie als Künstler durchlaufen?
Ich begann als Journalist für Presse und Rundfunk. Mehrere Jahre lang leitete ich meine eigene Sendung beim nationalen Rundfunk in Schweden. Ich lernte, Themen zu finden, Geschichten zu erzählen und mit einem Publikum zu kommunizieren. Doch ziemlich bald fühlte ich mich in dem, was ich tat, eingeschränkt. Ich wollte mehr Freiheit bei der Gestaltung der Themen haben. Also ging ich an die Nationale Hochschule für Darstellende Künste in Stockholm, um Film- und Theaterregisseur zu werden. Heute nutze ich den Journalismus als Recherchewerkzeug für meine Produktionen.

Arbeiten Sie immer auf der Grundlage von dokumentarischem Material? Was reizt sie an gewissen Geschichten?
Mein Ausgangspunkt liegt immer in der Realität. Ich recherchiere ständig. Ich ordne die Geschichten, die mich ansprechen und die durch ihre Einzigartigkeit aus der Masse herausstechen, nach Themen. Wenn ich ein Projekt beginne, ziehe ich mich in der Regel für eine Weile zurück, um mein Archiv durchzusehen, und frage mich dann, was sich miteinander kombinieren lässt, was ich interessant finde. Ich suche oft nach Geschichten, die etwas Sensationelles oder sogar Spektakuläres haben. Aber sie müssen auch eine poetische oder mythologische Dimension haben, etwas, das nicht nur mir als Theater- und Filmschaffendem, sondern auch dem Publikum zu einer Erfahrung verhilft; einer Erfahrung, die Zugang zu verschiedenen Gedankenschichten und Assoziationen eröffnet. Bis ich Geschichten finde, die dieses Potenzial haben, dauert es eine Weile, aber wenn das dann der Fall ist, ist es magisch.

Was hat Sie an den drei Erzählungen, aus denen L’Aventure invisible besteht, interessiert, und was verbindet sie Ihrer Meinung nach?
L’Aventure invisible entstand aus einem zweifachen Interesse – einerseits für Surrealist:in Claude Cahun. Cahuns künstlerische Fotografien finde ich faszinierend, sehr queer und geheimnisvoll. Der Titel L’Aventure invisible ist einer von Cahuns surrealistischen Schriften entlehnt. Er hat mir sofort gefallen. Er ist gleichzeitig naiv und tiefgründig, wie eine Saga oder eine Abenteuergeschichte für Kinder. Ich wusste, dass ich ein Stück mit diesem Titel machen wollte. Andererseits war ich von Gesichtstransplantationen fasziniert. Ich hatte Recherchen über Jérôme Hamon, einen Franzosen, gemacht, der als erster Mensch der Welt zwei vollständige Gesichtstransplantationen erhalten hatte. Der Ausgangspunkt zu L’Aventure invisible war eine Art Herausforderung an mich selbst, ein Stück zu machen, das den Begriff der Identität hinterfragt, indem es diese beiden Geschichten miteinander verbindet.

Zwei Jahre lang hatte ich recherchiert, dabei erweiterte sich das Projekt um die Geschichte von Jill Bolte Taylor, einer Hirnforscherin, die nach einem Schlaganfall ihr Gedächtnis verloren hatte und sich neu erfinden musste. Diese drei Geschichten stellen die Vorstellung einer stabilen Identität in Frage und weisen auf komplexere Interpretationen dessen hin, was „sein“ bedeutet. Claude Cahun sagte, dass wir nie ein, sondern dass wir vielfache Wesen sind: „Unter dieser Maske liegt eine andere Maske; ich werde immer noch ein Gesicht unter einem Gesicht finden.“ Gerne zitierte Cahun Arthur Rimbauds „Ich ist ein anderer“, und fügte „und immer ein Vielfacher“ hinzu.

Jérôme Hamon wiederum nennt sich selbst den „Mann mit den drei Gesichtern“: sein ursprüngliches Gesicht, jenes, das er bei seiner ersten Transplantation erhielt, und das dritte Gesicht nach der zweiten Transplantation. Zusammen mit Marianne Ségol-Samoy, der französisch-schwedischen Dramaturgin und künstlerischen Mitarbeiterin, mit der ich zusammenarbeite, interviewte ich ihn mehrfach in Paris. Er erzählte uns davon, dass er die Gesichter von zwei Spendern erhalten und wie sich das auf seine Selbstwahrnehmung ausgewirkt hatte. Eine wichtige Frage für mich war: Wenn man sein Gesicht verliert und das Gesicht einer:eines anderen erhält, ist man dann immer noch dieselbe Person oder wird man jemand anderer? Gibt es ein inneres Selbst oder sind wir de facto immer vielfach?

Wenn Sie reale Personen interviewen, wie konstruieren Sie dann eine Figur für die Bühne?
Bei den meisten meiner Stücke erstelle ich eine Art akustisches Drehbuch: Ich nehme Interviews mit realen Personen auf, schreibe Teile davon um und montiere sie zusammen, ähnlich wie bei der Arbeit im Radio. Auf der Bühne wird diese akustische Partitur über einen versteckten Empfänger im Ohr an die Schauspieler:innen übertragen, die dann zur Stimme der interviewten Personen werden. Diese Methode ermöglicht es, den Rhythmus und das Gefühl des mündlichen Sprechens beizubehalten. Ich versuche, nicht nur nah an dem zu bleiben, was die Interviewten gesagt haben, sondern auch an der Art und Weise, wie sie es gesagt haben. Diese Technik wirkt sich sowohl auf den Schreibprozess als auch auf die Interpretation der Schauspieler:innen aus. Auf der Bühne sprechen sie, während sie sich auf das konzentrieren, was ihnen über den Empfänger zugespielt wird. Daraus resultiert etwas Unbearbeitetes und Authentisches, das gleichzeitig fremd und distanziert ist.

Autobiografische Texte oder persönliche Zeugnisse stehen im Mittelpunkt mehrerer Ihrer Stücke. Die Geschichten in L’Aventure invisible stellen alle die Frage: Wie kann man sich als anderer Mensch selbst gegenübertreten? Warum faszinieren Sie diese reflexiven Stimmen so sehr?
Jérôme und Jill durchlaufen eine radikale Transformation. Jill hat einen Schlaganfall, Jérôme unterzieht sich zwei Mal einer Gesichtstransplantation. Es gibt ein „Vorher“ und ein „Nachher“, so wie in vielen Geschichten. Aber in diesem speziellen Fall habe ich die Möglichkeit, ganz genau zu untersuchen, was im Moment der Transformation wirklich passiert. Diese Menschen berichten von dem für sie intimsten Bereich ihrer Metamorphose. Die Themen Identität und Transformation tauchen in meiner Arbeit immer wieder auf. Hier werden sie auf etwas Wesentliches reduziert. Aber ich interessiere mich auch für die Kunst des Geschichtenerzählens und dafür, was die künstlerische Arbeit in existenzieller Hinsicht, beinahe als spirituelle Übung, schaffen kann.


Das Interview wurde von Barbara Turquier für das Festival d’Automne à Paris 2020 geführt.

Übersetzung
Isolde Schmitt

© Bea Borgers Marcus Lindeen
Marcus
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