Die unaufhaltsame Kraft
der Veränderung

Interview mit Tiago Rodrigues

Warum sollte Anton Tschechows letztes Drama Der Kirschgarten, das 1904 am Moskauer Kunsttheater uraufgeführt wurde, inszeniert werden? Was hat dieses Stück, das verschiedene Genres und Zeitebenen vermischt, mit unserer heutigen Zeit zu tun?

Alle meine Projekte entstehen aus Begegnungen mit Menschen heraus. Selbst wenn ich mit einem Text arbeiten oder ein Thema behandeln möchte, beginnt das Inszenieren immer mit dem Wunsch, mit jemandem zusammenzuarbeiten. Beim Stück Der Kirschgarten begann alles in Lissabon durch ein Gespräch mit Isabelle Huppert. Wir kannten uns damals noch nicht lange, aber wir hatten sehr schnell den Wunsch, miteinander zu arbeiten. Ich wollte einen bestehenden Text inszenieren, was ungewöhnlich für mich ist, da ich meine Stücke meistens selbst schreibe. Ich erzählte ihr von Tschechow, den sie zu meiner großen Überraschung noch nie gespielt hatte. Dann sprachen wir weiter über diesen russischen Dramatiker. Der Kirschgarten erschien uns als das passendste Werk, um über unsere heutige Zeit zu sprechen, und die Komplexität der Figur der Gutsbesitzerin Ranewskaja passte perfekt zu Isabelle Huppert. Ljubow Andrejewna Ranewskaja ist eine tragische Heldin in einem komischen Drama. Wie die großen tragischen Figuren hat sie „keine Hoffnung mehr, auf die sie hoffen könnte“, während die anderen Figuren sehr wohl noch Hoffnung verspüren. Noch wissen nicht alle, was passieren wird, aber sie verstehen, dass die kommenden Jahre ganz anders sein werden als die, die sie bisher kannten. Sie glauben, dass sie noch gerettet werden können. Bei der Ranewskaja ist das nicht der Fall. Sie gibt sich zur Gänze ihrer Sehnsucht nach der Vergangenheit hin, ihrer Melancholie, und diese Position behält sie während des gesamten Stücks bei. Sie verabschiedet sich von ihrer Kindheit, ihrer Zeit und der Welt. Dabei handelt es sich jedoch um eine Maske, die direkt aus dem Repertoire von Tschechows Kunstgriffen stammt. Diese Aristokratin, die sich taub gegenüber den unübersehbaren Zeichen des Untergangs stellt und die tragische Gefangene einer vergangenen Welt ist, ist sowohl eine Ursache für die Veränderung derselben als auch deren Opfer. Ich glaube sogar, dass sie mit ihrer Art, sich nur oberflächlich mit den Ereignissen zu beschäftigen, mit dieser Entfremdung, die tragischen Heldinnen zu eigen ist, bereits alles über das Stück weiß. Die Ranewskaja weiß, dass das Ende unausweichlich ist, als hätte sie Tschechow beim Schreiben über die Schulter geschaut. Ihre Geschichte und ihr Untergang müssen stattfinden, damit die großen Ereignisse der Weltgeschichte Platz greifen können. Die anderen Protagonist:innen hingegen sind noch voller Widersprüche und Zweifel. Sie haben Wünsche und Sehnsüchte, während die Ranewskaja bereits über diese Verwirrung hinweg ist, die sich zu Beginn des im Umbruch befindlichen 20. Jahrhunderts breitmachte. Diese Figuren leben tatsächlich in verschiedenen Zeitlichkeiten, in einer Art poetischer Verwirrung vermischter Zeitphasen. Manche, wie Ranewskajas Bruder Gajew, ein dekadenter Aristokrat, erleben das Ende ihrer Geschichte völlig gebannt von der Schönheit der Vergangenheit. Andere, wie Lopachin mit seinem Plan, das Gut zu ersteigern, schmieden Pläne für die Zukunft und wünschen sich eine blühende Wirtschaft. Sie träumen, so wie Jascha, Ranewskajas junger Diener, der den Ehrgeiz hat, sich für sich selbst und durch sich selbst zu verwirklichen. Sie leben in einer verwirrenden Zeit, die sich im Umbruch befindet und die alte feudale Welt in die moderne Gesellschaft stürzt, welche zwangsläufig kapitalistisch und eines Tages vielleicht auch demokratisch sein wird. 2018 hätte ich das Stück höchstwahrscheinlich anders interpretiert. Jetzt sehe ich darin vor allem die Verwirrung der Gemüter angesichts einer ungewissen Zukunft, angesichts dieser Mischung aus Grausamkeit und Gewalt, Hoffnung und Schönheit, die großen historischen Veränderungen innewohnen, welche die Figuren durchleben – und das ist meiner Meinung nach das Hauptthema dieses Dramas. Wenn man das Stück Der Kirschgarten aufführt, bedeutet das, von Frauen und Männern zu sprechen, die davon überzeugt sind, etwas zu erleben, was nie jemand zuvor erlebt hat. Es ist die Arbeit an einem noch nie dagewesenen historischen Moment. Es geht um den Schmerz und die Hoffnungen im Zusammenhang mit einer neuen Welt, die noch niemand versteht. Es bedeutet, dass wir uns selbst ansehen.

Jede Ihrer Inszenierungen ist ein Anstoß für uns, unsere Gewohnheiten dem Theater gegenüber neu zu überdenken. Hier schlagen Sie uns vor, unseren Blick auf ein anderes Thema zu lenken und die vierte Wand zu durchbrechen. So gesehen sind Sie nicht an Realismus interessiert.

Realismus ist nicht meine Religion, sondern gibt nur den Rahmen vor! Manchmal interessiert er mich im Spiel der Schauspieler:innen, die über zahlreiche realistische Werkzeuge, wie die Psychologie oder die Illusion, verfügen. Aber für mich ist das Problem eines Schauspielers oder einer Schauspielerin, die mit der Komplexität und den Widersprüchen ihrer Figur und den Worten, die Tschechow für diese geschrieben hat, umgehen müssen, ein realeres und präsenteres Problem. Als Regisseur bin ich nicht besonders an Realismus interessiert, weil meine Liebe zum Text auf dessen Poesie und der Lyrik basiert. Die Konventionen des Realismus aufzugeben, wenn man Tschechow inszeniert, ist ein Weg, direkt zur Vitalität des Textes vorzudringen. Wie diese Ablehnung der vierten Wand ist das eine ästhetische und politische Entscheidung. Manchmal töten die Konventionen, welchen die Texte oder Genres in der Geschichte des Theaters unterworfen wurden, diese mehr, als sie zum Leben zu bringen. Aus diesem Grund vermeide ich zum Beispiel allzu spektakuläres Licht, das Schauspieler:innen in gewisser Weise festlegt und diese in einer bestimmten Haltung erstarren ließe. Ich wehre mich gegen ästhetische Zwänge und habe daher keine Regeln für die Inszenierung. Viel lieber erfinde ich diese gemeinsam mit meinen Teams je nach dem Thema und schaffe möglichst freie Bedingungen für das Spiel. Ich arbeite hauptsächlich auf der Grundlage von Vorschlägen der Schauspieler:innen, gehe auf sie ein und versuche, eine Diskussion in Gang zu bringen, aus der schnelle Entscheidungen hervorgehen, welche die künstlerischen Interpretationen aller auf einen gemeinsamen Nenner bringen können. Diese Suche nach Freiheit spiegelt sich auch im Bühnenbild wider. Die Gestaltung der Bühne zielt eher darauf ab, Assoziationen hervorzurufen als etwas zu illustrieren. Wir haben die von Tschechow beschriebenen Räume nicht physisch übersetzt. Das ermöglicht es den Schauspieler:innen, den Text in einer Weise darzustellen, dass etwas heraufbeschworen wird, was zuvor nicht da war – und damit dem Autor eine stärkere Geltung zu verleihen, ohne ihm unbedingt gehorchen zu müssen. Und schließlich wandte ich dieses Prinzip auch auf die Chronologie der Ereignisse, die Regieanweisungen und die Konventionen im Bereich der Inszenierung an, die mit dem Stück Der Kirschgarten verbunden sind. Das Ziel war, immer eine kollektive Stimme auf der Grundlage der Einheit eines Textes heraus zu suchen.

Der Kirschgarten wurde im Original auf Russisch geschrieben. Mit welcher Übersetzung haben Sie als portugiesischer Regisseur, der sehr gut Französisch spricht, gearbeitet? In welchem Tempo werden Sie das Stück aufführen?

Wir haben mit der Übersetzung von Françoise Morvan und André Markowicz gearbeitet, die eine Bühnenfassung ist. Sie ist ein Traum für ein Spiel, eine wirkliche Verkörperung von Tschechows Worten. Ich bin fasziniert von der Intimität, die sie mit der Stimme und dem Körper der Schauspieler:innen bildet. Sie bietet diesen mehr formale Freiheit als eine Übersetzung, die der Vorstellung des Schauspiels weniger nahe kommt. Sie interessiert mich umso mehr, als ich während des gesamten Entstehungsprozesses gemeinsam mit den Darsteller:innen und dem Team versucht habe, das Thema des Stücks mit einer gewissen erzählerischen Freiheit zu entwickeln. Ich habe nicht versucht, das Stück Der Kirschgarten gut zu inszenieren, obwohl ich weiß, dass allein diese Aussage fast schon eine Blasphemie ist. Der Kirschgarten ist eine komplexe und ausgefeilte Polyphonie. Es wird zum Beispiel oft gesagt, dass dieses Stück wie ein Chor angelegt ist. Tschechow baute jedoch eine ganz besondere und subtile Chorstruktur auf, die aus Soli besteht. Es ist, als ob jeder Sänger und jede Sängerin im Chor ein eigenes Solo sänge und diese Soli zusammen den Chor erzeugten. Ich bin übrigens der Meinung, dass jedes Solo mit voller Kraft dargestellt werden muss, damit der Chor funktioniert. Die Besetzung spiegelt diese Vorstellung von der Lebendigkeit und Vielfalt der Stimmen wider. Sie schwingt in der kulturellen Vielfalt der Schauspieler- und Musiker:innen mit, die um Isabelle Huppert geschart sind. Es sind Darsteller:innen unterschiedlichen Alters, die aus verschiedenen Ländern und Traditionen kommen. Formal ist das Stück in Akte aufgeteilt, mit Regieanweisungen davor und danach, dies aber ohne Szenen. Jeder Akt besteht aus einer verworrenen Abfolge von Ereignissen, die ungefähr zur gleichen Zeit stattfinden könnten. Ich habe versucht, diese strukturelle Verwirrung, die sowohl den Ablauf der Ereignisse als auch die Figuren und die jeweilige Zeitlichkeit betrifft, zu betonen, anstatt mich an eine Struktur zu halten, die von den Einschränkungen geprägt ist, welche den Texten durch die Arbeitsweise des Moskauer Kunsttheaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts auferlegt wurden. Bei der Inszenierung des Stücks Der Kirschgarten legte ich ganz besonderes Augenmerk auf die Freiheit, die diesem Text innewohnt. Dies gab mir die Möglichkeit, manchmal von der strikten Chronologie des Textes abzuweichen, um die Geschwindigkeit besser darstellen zu können, mit der sich die Welt in diesem Stück verändert. Es ist eine Welt, die sich schneller verändert als die Körper der Figuren, da die Ereignisse sich so überstürzen, dass diese fast keine Kontrolle darüber haben. Wir arbeiteten also auf der Grundlage einer Instabilität, die mit einer ständigen Bewegung einhergeht, ausgehend von der Vorstellung einer Zeit, die sich entzieht, die es unmöglich macht, eine Lösung zu finden. Ich war immer der Meinung, dass Der Kirschgarten vom Ende handelt. Zunächst als Leser, als Theaterstudent und später als Künstler hielt ich Tschechows letztes Stück immer für ein Werk über das Ende der Dinge, den Tod, das Abschiednehmen. Ich irrte mich. Der Kirschgarten ist ein Stück über das Ende einer Welt, aber das Ende impliziert einen neuen Anfang. So, wie ich das Stück Der Kirschgarten heute sehe, bin ich mir sicher, dass es von der mächtigen und unaufhaltsamen Kraft der Veränderung handelt. In dieser Hinsicht ist das Tempo des Stücks eher allegro vivace!


Das Interview führte Francis Cossu, Februar 2021, für die 75. Ausgabe des Festival d’Avignon.

Deutsche Übersetzung Isolde Schmitt

© Christophe Raynaud de Lage Tiago Rodrigues
Tiago
Rodrigues
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