Swan Song

Buhle Ngaba im Gespräch


Kannst du uns sagen, woher der Titel Swan Song kommt? Ein Swan Song ist ein Abschied. Ein Moment transzendenter Kreativität vor dem Tod oder der letzte Auftritt eines:r Künstlers:Künstlerin. Paradoxerweise ist Swan Song meine erste Produktion, und ich habe das Stück zu schreiben begonnen, weil ich ein starkes Bedürfnis hatte, mich auszudrücken, und fürchtete, dass mich kein Publikum je als Ganzes wahrnehmen würde. Dass ich nie als Ganzes fähig wäre zu „fliegen“.

Die Figur in diesem Solostück ist eine junge Schwarze Frau aus dem Nordwesten Südafrikas. Welchen Bezug hast du zu den Begriffen „Autobiografie“ oder „Autofiktion“ in deinem Werk und in Swan Song? Als Autorin ist mein Ausgangspunkt zunächst, Aspekte des Autobiografischen zu erkunden. Ich glaube, dass meine Arbeit umso zugänglicher wird, je mehr ich meine eigene Interpretation, meine Gefühle und meine Erinnerungen rund um universelle Geschehnisse wie Liebe, Verlust, Trauer, Leidenschaft usw. einfließen lasse. Eine Geschichte bekommt einen roten Faden, der uns durch gemeinsame Lebenserfahrungen miteinander verbindet. Bei Swan Song ist das nicht anders: Die Figur ist wie ich eine junge Schwarze Frau aus der Provinz Nordwest (Südafrika), aber sie teilt auch die universellen Erfahrungen von Entfremdung, unerwiderter Liebe und der Sehnsucht danach, etwas zu sein, was man nicht ist.

In Swan Song hören wir nicht nur Englisch, sondern du wechselst an bestimmten Stellen und für bestimmte Ausdrücke zu Setswana. Warum war es dir wichtig, im Stücktext beide Sprachen zu mischen, und wie setzt du sie ein? Es war mir wichtig, Setswana in den Text von Swan Song einzubauen, denn Sprache ist Macht und nach wie vor versuchen wir oft, Menschen über die Sprache anzupassen. Ich denke, es ist sehr wichtig für mich, nicht nur meine eigene Stimme in der Sprache meiner Heimat zu finden, sondern auch dafür zu sorgen, den Menschen daheim, die es alle verdienen, im Rampenlicht zu stehen, eine Stimme zu geben.

Die Figur in Swan Song scheint eine ziemliche Shakespeare-Kennerin zu sein und beginnt sogar eine Beziehung zu ihrem ersten Schwarm, indem sie aus einem der Sonette zitiert. Du wurdest an der Royal Shakespeare Company in Stratford-upon-Avon ausgebildet. Welchen Bezug Hast du zu seinen Werken und haben diese dich auch beim Schreiben von Swan Song beeinflusst? Vor sieben Jahren hat mir meine Großmutter ein Exemplar William Shakespeares gesammelte Werke geschenkt – es war ihr eigenes aus ihrer Schulzeit. Auf der ersten Seite war ihr Name gekritzelt und auch der Preis des Buches: 1,00 ZAR (= 0,059 EUR). Drei Jahre, nachdem sie mir das Buch gegeben hatte, starb sie. Nach ihrer Beerdigung entdeckte ich in ihrem Archiv ein Juwel: Dintshontsho Tsa Bo-Julius Kesara (Julius Cäsar) von William Shakespeare, übersetzt ins Setswana von Sol Plaatje, einem gewichtigen afrikanischen Intellektuellen. Diese Entdeckung hat meine Wahrnehmung von Shakespeares Worten und dem Potenzial des Textes grundlegend verändert; aus zwei einfachen Gründen: Ich konnte die Geschichte in meiner Muttersprache lesen; und Sol Plaatje, ein PoC, hatte sich bemüht, das, was ich zuvor für eine „weiße Geschichte“ gehalten hatte, ins Setswana zu übersetzen. Dadurch verschaffte er uns einen direkten Zugang zu ihr. Bis dahin hatte ich den Dichter für einen Mann gehalten, der archaische Geschichten über entfernte Zeiten, Orte und Kontexte geschrieben hatte, die meiner eigenen Geschichte in keiner Weise ähnelten.

Das Wertvollste, was ich mir aus meiner Zeit bei der Royal Shakespeare Company mitgenommen habe, war die Erkenntnis, dass ich keinen Grund hatte, Shakespeare zu fürchten. Wenn schon, hatte ich jeden erdenklichen Grund mich den Herausforderungen, die sein Werk mir als Schauspielerin bot, begeistert zu stellen. Ich habe gelernt, dass Shakespeares Werke letztlich Geschichten über die Bedingungen des Menschseins sind. Es sind Geschichten über Liebe, Leidenschaft, Mord, Verrat. Es sind Geschichten, die ich in verschiedenen Varianten in allen möglichen Zusammenhängen gehört habe. Romeo und Julia in Verona könnten genauso gut Jabu und Khanyisile im Huhudi Township in Vryburg, Südafrika, sein, deren Eltern in die Revierkriege zwischen Taxiverbänden und Minibus-Taxifahrern verwickelt sind. Mir wurde klar, dass diese Geschichten mir genauso gehören wie jedem anderen Menschen, weil auch ich diese Geschichten erlebt habe. Auch ich habe gesehen, wie sich Teile von ihnen in meinem eigenen Leben widerspiegeln. Shakespeares Werk hat mich dazu herausgefordert, meinen eigenen Stift in die Hand zu nehmen und über mein Volk zu schreiben.


Das Gespräch führten Carolina Nöbauer und Buhle Ngaba.

Übersetzung Teresa Linzner

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