Nicht aus einer Hand

Interview mit Christopher Rüping


So viel Überwältigendes, ja so viel Gewalt findet sich in Richard Wagners Der Ring des Nibelungen - in der Erzählung, in der Musik und auch in der Figur von Wagner selbst. Was hat dich gereizt, den „Ring" in die Gegenwart zu holen und neu zu inszenieren?
Die Idee ist im Gespräch mit dem Autor Necati Öziri entstanden. Teil von Necatis künstlerischer Praxis ist es, Stoffe des deutschsprachigen Kanons von ihrem Thron zu stoßen, ihnen tief ins Getriebe zu blicken und sie anschließend zu korrigieren. Ich halte das für ein sinnvolles Vorgehen, insbesondere dann, wenn der zu korrigierende Stoff so tief ins Fundament unseres kulturellen Selbstbewusstseins eingegossen ist wie Wagners „Ring“ – ohne den „Ring“, so hat man manchmal den Eindruck, käme das wacklige Konstrukt der deutschsprachigen Kultur ganz schön ins Wanken. Dabei ist der „Ring“ ein zutiefst rassistisches, antisemitisches, sexistisches Werk. Weil Wagner selbst strammer Rassist, Antisemit, Sexist war. Das wissen alle, klar. Trotzdem fällt es vielen schwer, von seinem Werk zu lassen. Gerade gestern erst wurde mir eine Umfrage in die twitter-Timeline gespült, in der es darum ging, vom Werk welches problematischen Künstlers das Publikum sich am schwersten trennen könne: Platz 1 belegte (wer hätte es gedacht?) Richard Wagner. Anscheinend sind wir (noch) nicht so weit, auf Wagner verzichten zu können. Dann sollten wir ihn zumindest korrigieren.

Richard Wagner ist bekannt für seine Idee des Gesamtkunstwerks, in dem die verschiedenen Künste in ein Werk zusammenfließen und darin eine eigene Realität schaffen. Was ist dein Verhältnis zu dieser Vorstellung eines Gesamtkunstwerks für diesen „Ring“?
Wagner schreibt, komponiert, dirigiert, inszeniert, stattet selber aus. Ich meine: Der hat sogar das Theater selbst bauen lassen, in dem seine Stücke aufgeführt werden sollten. Das Ziel ist klar: es soll ein Gesamtkunstwerk entstehen aus der Hand eines genialischen Künstlers, dessen Handlung mal eben den ganzen Weltenlauf von Ursprung mit Untergang umfasst. Das an sich ist nun keine adäquate Art, der Welt zu begegnen, in der es von unterschiedlichen Perspektiven, Expertisen, Erfahrungen ja nur so wimmelt. Deshalb war eine der zentralen Korrekturansätze unseres „Rings“: die Macht nicht an einer Stelle zu sammeln und zu horten, wie Wagner es tat, sondern aufzuteilen, aufzusplitten, möglichst gleichmäßig zu verteilen.

Zur Musik: Wagners Komposition spielt in eurer Inszenierung eher eine untergeordnete Rolle, das Verhältnis zu ihr ist frei und assoziativ. Es findet sich auch kein Orchestergraben mit analogen Musiker:innen im Theater. Wie kam es zur Entscheidung, Wagner dergestalt musikalisch zu begegnen?
Wagners Musik drückt einen tief in den Theatersessel. Sie lässt zu jedem Zeitpunkt nur ein bestimmtes Gefühl zu: Wenn Siegfried stirbt, dann lassen Wagners Pauken uns keine andere Wahl, als eine Art stummer Ehrfurcht angesichts des tragischen Todes dieses Helden zu empfinden. Wir wollten eine Musik, die dem aktiv widerspricht - die einen nicht in den Sessel drückt, sondern zum Aufspringen animiert. Na gut, aufspringen wird wohl eher niemand, aber minimal mit dem Fuß oder dem Kopf wippen vielleicht. Die Komponisten Black Cracker und Jonas Holle haben deswegen ein Orchester aus 8 Musiker:innen versammelt, die jeweils 10 Minuten musikalisches Material als Antwort auf Wagners „Ring“ zur Verfügung gestellt haben. Manche von ihnen samplen Wagner, andere zertrümmern ihn förmlich, wieder andere ignorieren ihn, das war den Musiker:innen selbst überlassen. Aus diesen 8 mal 10 Minuten Musik, die übrigens auch als LP erhältlich sind, haben Black Cracker und Jonas Holle mit dem expliziten Einverständnis der Musiker:innen dann während der Proben einen komplett neuen Soundtrack gemischt. Bei dem, was am Ende zu hören ist, kann niemand mehr genau sagen, welches Sample, welche Melodie, welcher Beat aus wessen Feder stammt. Es ist das explizite Gegenbeispiel zum Wagnerschen Gesamtkunstwerk.

Du arbeitest in Der Ring des Nibelungen mit einer Reihe von Menschen zusammen, mit denen du schon mehrere Arbeiten gemeinsam gemacht hast. Auf und hinter der Bühne. Was ist dir an diesen Zusammenarbeiten so wichtig, dass sie dich kontinuierlich in die unterschiedlichsten künstlerischen Zusammenhänge hinein begleiten?
Die Menschen, mit denen ich das Glück habe nun schon eine Weile lang zusammenarbeiten zu dürfen, sind ein ständiger Quell der Inspiration, der Herausforderung, der Innovation. Ich hoffe, dass wir noch viele gemeinsame Arbeiten vor uns haben. Gleichzeitig ist es wichtig für uns, immer wieder anderen Künstler:innen und neuen Sicht-, Denk- und Arbeitsweisen zu begegnen. Ansonsten bestünde vermutlich die Gefahr, dass wir uns irgendwann dann doch auf eine bestimmte Art Theater zu machen eingrooven. Der „Ring“ ist eigentlich ein ganz gutes Beispiel dafür: hier teilen sich Menschen die Bühne, die einander und mich teilweise seit über 10 Jahren kennen, und Menschen, die wir erst kurz vor Probenbeginn kennengelernt haben.

Eine Zeile aus dem Stück von Necati Öziri spricht von einer Suche nach einem „Wir“, das nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner meint. Kannst du dich damit verbinden und wenn ja: warum ist das Theater der richtige Ort um eine solche Gemeinschaft zu finden?
Vor allem braucht es ein "Wir", dass sich nicht nur in Differenz zu "den anderen" versteht. Ein "Wir", das in sich Differenzen und Diskrepanzen aushält und ständig neu verhandelt. Das ist die Utopie. Die Voraussetzung dafür ist es, anderen Stimmen als der eigenen Gehör zu schenken. Und dafür ist das Theater ja eigentlich ein ganz guter Ort.

Du warst zweimal in Wien, um den Nestroy-Preis für deine Inszenierungen „Dionysos Stadt“ und „Einfach das Ende der Welt“ entgegenzunehmen. Nun zeigst du zum ersten Mal eine Inszenierung hier vor Ort. Was erhoffst du dir von Wien?
Na, ich erhoffe mir das, was man sich überall von Wien erzählt: ein leidenschaftliches Publikum, das das Theater liebt. Oder?


Das Gespräch mit Christopher Rüping führte Tarun Kade.

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