Eine neue Dimension öffnen

Satoko Ichihara im Gespräch mit der Dramaturgin Tine Milz


Tine Milz

Für deine neue Produktion hast du Puccinis „Madama Butterfly“ umgearbeitet: Eine junge japanische Geisha wird mit einem amerikanischen Offizier verheiratet. Er schwängert sie – und verschwindet kurz darauf. Später erfährt die Geisha, dass er wieder verheiratet ist und begeht Suizid. Für dich ist das eine «orientalistische» Fantasie des Exotischen und des Fremden. Deine Adaption kehrt die Perspektive um und stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt. Wann bist du auf diese Oper gestoßen und was war deine Motivation, diese Geschichte umzuschreiben?

Satoko Ichihara
Alles begann, als ich in Roppongi [ein Stadtteil in Tokio mit einer beliebten Nachtclubszene] trinken war und diese «Gaijin-Jägerinnen» sah – junge Mädchen auf der Jagd nach ausländischen Männern. Etwa zur gleichen Zeit begann ich, meine Theaterproduktionen außerhalb Japans zu zeigen. Ich begann, über den «Blick» nachzudenken, den ich von der westlichen Kultur und insbesondere von Weißen bekomme. Wenn ich in Japan bin, bin ich durch diesen sehr starken «Frame» der japanischen Kultur geschützt. Ich bin mir nur bewusst, dass ich Japanerin bin, wenn ich außerhalb Japans bin. Dann habe ich das Gefühl, dass ich den Erwartungen gerecht werden muss, Erwartungen erfüllen muss, welche westliche Menschen an mich legen. Ich hatte das Gefühl, dass mir machtvolle Strukturen und Stereotypen von Weißen auferlegt worden sind. Ich habe mich immer bewertet gefühlt. Dass ich nicht gut genug bin. Als ich also die «Gaijin- Jägerinnen» sah, hatte ich das Gefühl, dass sie sich nicht sehr stark von mir unterscheiden. Deshalb wollte ich in meinem neuen Stück genau das aufgreifen.

Tine Milz
Du drehst den Spieß um und erzählst die Geschichte aus der Perspektive der alleinerziehenden Mutter. Der weiße Mann ist derjenige, der gejagt wird. Gejagt wegen seines Spermas, damit sie ein «Hafu-Baby» bekommen kann. «Hafu» [von engl. «half»] bedeutet «Mischling», was als schöner gilt, da westlicher aussehend. Mit dieser Wendung spiegelst du also die Überlegenheit westlicher Schönheitsstandards wider, die auch heute noch in Japan präsent sind.

Satoko Ichihara
Schon bevor wir Weiße kennenlernten, waren sie immer schon überall präsent: in Filmen, in der Werbung, in Modezeitschriften usw. Von Kindheit an wird uns das westliche Aussehen als schön präsentiert. Die Protagonist:innen von Geschichten oder Filmen sind weiß. Sogar Sailor Moon [eine berühmte Anime-Figur] ist weiß! Blaue Augen, lange Haare, lange Beine. Nichts von dem habe ich! Aber als wir die Serie schauten, haben wir nicht einmal darüber nachgedacht, ob sie Japanerin ist. Unser Schönheitsideal ist die weiße Person.

Tine Milz
Du hörst nicht auf, wo Puccini die Geschichte beendet. Du beschreibst auch, wie schwer es ist, in Japan eine alleinerziehende Mutter zu sein. Und obendrein sprichst du über die Folgen für ihren Sohn. Ihr Sohn ist ein Hafu. Ein Hafu in Japan zu sein, ist schwierig. Um es in einem Satz zu sagen: Der Traum der Mutter ist der Albtraum des Sohnes.

Satoko Ichihara
Als ich das Originalstück sah, hatte ich sofort das Gefühl, dass der Sohn eine besondere Figur ist. Ich dachte, dass ich mit der Position des Kindes die Komplexität unserer Gesellschaft noch besser darstellen könnte. Als Kind habe ich miterlebt, wie ein Hafu von Mitschüler:innen gemobbt wurde, nur weil er auffiel. Ein weiterer Punkt ist die zunehmende Diskussion über junge «Carer» in Japan. Sie müssen von klein auf lernen, sich um ihre Familien zu kümmern. Kinder von alleinerziehenden Müttern haben es schwer, und es wird viel auf sie projiziert. Und diese Spannung nimmt während der Covid-Pandemie noch weiter zu.

Tine Milz
Der ursprüngliche Untertitel des Stücks lautet «Eine japanische Tragödie». Dein Werk hat einen scharfsinnigen Humor. Könnte ein möglicher Untertitel für dein Stück «Eine japanische Tragikomödie» lauten? Ist Humor für dich eine Waffe, um die Komplexität der Gesellschaft darzustellen?

Satoko Ichihara
Humor ist für mich sehr wichtig. Nicht nur im Theater, sondern um überhaupt in dieser Welt zu überleben. Ich habe oft das Gefühl, dass die Gesellschaft sehr starr ist, und das ist für mich manchmal sehr hart. Manchmal denke ich, dass die Dinge nicht veränderbar sind, und ich fühle mich machtlos und gefangen. Da ist dieses Gefühl der Verzweiflung, dass man nichts ändern kann. Um gegen diese Gefühle anzukämpfen, kann Humor ein Weg sein, all diese Mauern zu durchbrechen, die vor einem stehen. Humor ist eine Möglichkeit, dieses Leben zu überstehen. Für mich bedeutet Humor, dass eine machtlose Person, die keine Waffen hat, mit denen sie kämpfen kann, trotzdem sehr scharfsinnig sein kann. Man hat vielleicht nicht die Macht, viel zu verändern, aber zumindest kann man mit Humor in die Wunden der Gesellschaft schneiden. Und eine neue Dimension öffnen.

Das Gespräch führten Tine Milz und Satoko Ichihara am 15.08.2021.

Satoko Ichihara
MADAMA BUTTERFLY
Theater
Termine 15. / 16. / 17. / 18. Mai
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