RIMAH JABR -
INFINI #5

Nablus, 22. Juli 2015



Lieber Jozef,

Ich danke dir für deinen Brief. Seit ich ihn erhielt, dachte ich mehr über das Video und das Modell des Tunnels nach, obwohl ich die Zeichnung immer noch liebe. Hier sind meine Antworten auf deine Fragen.

Du fragst mich, warum ich einen Tunnel als Ort wählte, um über Menschen zu sprechen, die feststecken. Für mich geht es nicht nur um die Tatsache, dass man an einem Ort feststeckt, sondern auch darum, dass man in der Zeit steckenbleibt. Außerhalb Palästinas scheint die Zeit normal zu vergehen. Aber hier würde sich nicht viel ändern, wenn man die Abschnitte meines Lebens in die verschiedenen Zeiten einteilen würde, in denen ich lebte. Ich kann mich als Kind sehen, das die zweite Intifada erlebte, und ich sehe auch mich als erwachsene Frau, welche die erste Intifada erlebte.

Alles, was ich für das Theater schrieb, handelt von dem Gefühl oder dem geistigen Zustand von Menschen, die in einer Situation feststecken.

Jetzt kommt mir eine Fliege in den Sinn, die in einem Fenster gefangen ist. Sie versucht zu fliehen. Wegen ihres kleinen Gehirns und ihres kurzen Gedächtnisses hat sie nicht die Möglichkeit, sich zu merken, wo sie bereits versucht hat, einen Ausweg zu finden, so dass sie vielleicht innerhalb von fünf Minuten viele Male dieselbe Stelle probiert. Auch wir vergessen, und auch wir versuchen es immer wieder, in der Hoffnung, dass wir einen Ausweg aus unserer Situation finden. Ich sehe viele tote Fliegen zwischen zwei Fenstern. Sie bewegen sich so lange weiter, bis sie tot sind.

Warum ist der Tunnel als Landschaft so wichtig? Unter der Erde zu sein, verursacht ein anderes Gefühl, das gleiche Gefühl, das man hat, wenn man zu spät dran ist und sich auf einer anderen Ebene und in einem anderen Rhythmus als der Rest der Welt befindet.

Wenn man sich verspätet und läuft, um rechtzeitig zu seinem Termin zu kommen, rennt man eigentlich, um die verpasste Zeit aufzuholen, was nie passieren wird. Genau diesen Eindruck habe ich auch in Bezug auf Palästina: Wir werden nie in der Lage sein, die Zeit aufzuholen, die wir versäumt haben, ich hatte immer das Gefühl, dass wir zu spät dran waren und unseren eigenen Rhythmus haben, was durch die Tatsache verursacht wird, dass wir feststecken. Sogar unsere Etappen sind anders. Auch die Verkehrsmittel, die wir benutzen, funktionieren auf diese Weise: Man fährt an, man hält am Kontrollpunkt, man wartet, man fährt, man hält am Kontrollpunkt an, man wartet.

Und dann entwickelten die Menschen eine andere Art, sich zwischen den Städten fortzubewegen: 2002 erfanden wir ein System, das wir „Iltifafy“ nannten, was so viel bedeutet wie „sich in Mäandern fortbewegen“, das heißt, zwischen Städten und Dörfern durch die Berge zu fahren, Tiere zwischen zwei Orten zu benutzen, um die Reise fortzusetzen und dabei die Kontrollpunkte zu umgehen. Das ist ein System, das von Ameisen benutzt wird. Man verbringt also den ganzen Tag mit Warten, man steckt fest und hat viel Zeit verloren, die man wieder aufholen muss. Wie soll es möglich sein, die Zeit wieder aufzuholen, die man an den Kontrollpunkten oder in der „Iltifafy“ verliert? Das schafft man nie.

Warum also Tunnel? Die niedrige Decke im Tunnel gibt einem ein Gefühl der Schwere. Ich habe im Moment keine Erklärung dafür, aber ich habe dann das Gefühl, die ganze Welt sitze mir im Nacken. Und wieder handelt es sich um eine andere Welt, einen anderen Rhythmus als bei den Menschen außerhalb des Tunnels.

Bei der Vorstellung, die mir vorschwebt, geht es nicht darum, dass man an einem Ort oder in einer Erinnerung oder in einer Zeit feststeckt, sondern darum, dass man im Leben feststeckt, in einem Leben, das in dem Augenblick, in dem man geboren wurde, für einen festgelegt war. Es geht also um die Hoffnung, den Ausgang aus diesem Tunnel zu finden. Man sieht das Ende des Tunnels nicht, man weiß nicht, wie weit man von diesem Ende oder dem Ausgang entfernt ist, also geht man weiter, auch wenn man sich nicht sicher ist.

In Bibbienas Zeichnung sieht man kein Ende - sie ist offen für Fragen, sie ist verwirrender als die Bilder von Tunneln, die ich dir schickte. Man denkt, man sei draußen und frei, aber das ist wahrscheinlich nicht der Fall - was dem allgemeinen Lebensgefühl in meinem Land entspricht, wo sehr viel Verwirrung herrscht, wo niemand einen klaren Plan hat und wo die Leute lachen, wenn man über Pläne spricht. Um das zu erklären, müsste ich weit ausholen, aber es ist tatsächlich nicht einfach, einen Plan zu haben. Selbst dann, wenn die Dinge besser werden, ist man daran gewöhnt, zu improvisieren. Das System, das wir haben, ist ein „Improvisierungssystem“, das die Menschen so beeinträchtigt, dass sie nicht an Planung glauben, da alle ihre Pläne aus dem einen oder anderen Grund ins Wasser fallen, sodass sie zynisch über dich lachen, wenn du über Pläne sprichst.

Auch auf persönlicher Ebene kann es vorkommen, dass man plant, eine:n Freund:in zu besuchen und plötzlich eine Ausgangssperre verhängt wird, so dass man den Termin verschieben muss. Es ist, als ob deine Zeit für eine Weile eingefroren wäre, und wieder verliert man den Überblick über seine Pläne oder über die Zeit, obwohl sie außerhalb deiner Welt ganz normal vergeht.

Bibbienas Zeichnung erinnert mich an eine Zeit in der Vergangenheit, als die Menschen nicht wussten, dass die Erde rund ist und versuchten, das Ende der Erde zu erreichen. Vielleicht ist das die Geschichte des Menschen ...

Manchmal denke ich, dass dieses Gefühl, stecken geblieben zu sein, viel weiter verbreitet ist, als ich annehmen möchte. Vielleicht ist es nicht meinem Lebensgefühl als Palästinenserin geschuldet, die intensive Erfahrungen machte - intensiv auch in Form intensiver Informationen, intensiver Gefühle und intensiver Schocks. Vielleicht haben viele Menschen das gleiche Gefühl. Vielleicht ist es eine prägende Erfahrung eines jeden Lebewesens, von der Zeit an, als wir uns im Mutterbauch, also neun Monate lang mehr oder weniger in einem Sack, befanden. Manchmal denke ich, dass dieses Gefühl bis in diese Zeit zurückreicht.

Mir gefällt die Illusion in Bibbienas Zeichnung. Wenn ich sie anschaue, denke ich an die Illusion unserer Existenz als Menschen. Die Zeichnung erinnert mich an folgende Frage: Ist alles, was wir erleben, sind alle Probleme, Gefühle und Ideen, die wir haben, real? Mir persönlich ist es lieber, mir vorzustellen, dass nichts von dem, was wir erleben, real ist. Das gibt einem Hoffnung und Leichtigkeit. Ich finde, das ist ein kluger Weg, um sein Gehirn vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Wenn man sich die Illusion ansieht, dann verschwindet plötzlich das Gefühl, festzustecken und verwirrt zu sein. Ich habe den Eindruck, dass jede kleine Linie in der Zeichnung Teil derselben Linie ist, dass sie sich, wenn ich an einem Ende anziehe, auftrennen würde wie ein gestrickter Pullover, der sich in einen einzigen Faden auflöst und dass ich nach einer Weile durch einen leeren Raum ginge.

Vielleicht bin ich von deinen Fragen abgewichen, Jozef. Ich fürchte, dass wir diese Sache weiter vertiefen, als es für dieses Projekt notwendig wäre. Wenn du weitere Fragen hast, könntest du mir schreiben.

Alles Gute,

Rimah



Übersetzung
Isolde Schmitt

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