Day 23

Auseinandernehmen und zusammensetzen,
Erdbeben und Worktable: ein Text von Kate McIntosh

Übersicht digitale Gesten

An das Publikum und das Team der Wiener Festwochen:

Vor rund zehn Jahren besuchte ich gerade meine Familie in Aotearoa (Neuseeland), als eine Stadt im Süden von einem starken Erdbebengetroffen wurde. Leben endeten abrupt und die Stadt wurde zerstört. Oben im Norden in meiner Stadt, die selbst für ihre Erdbeben berühmt ist, sahen wir in den Nachrichten Berichte, wie riesige Gebäude über Nacht zu Schutt und Staub eingeebnet wurden. Beim Schlafen träumten wir von diesen Bildern und beim Wachen sahen wir sie uns den ganzen Tag über immer und immer wieder an – während wir uns dabei das nächste große Erdbeben vorstellten, das unsere Stadt heimsuchen würde, gleich jetzt, jetzt oder jetzt. Jeder ständig bereit, dass die Wände einstürzten, Böden nachgaben, Fenster explodierten, immer bereit, unter einen Tisch, ein Bett abzutauchen. Es war Furchterregend und gleichzeitig seltsam aufregend. Diese unglaubliche Möglichkeit, dass alles in einem Augenblick zerspringen, in Atome zerfallen und in seine kleinsten Teile zurückkehren würde, nicht aufgrund menschlicher Gewalt oder Absicht, sondern nur durch das Erzittern der Erdkruste. Sich vorzustellen, dass vom Menschengeschaffene Bauten, die so fest und unverrückbar, so zwingend zu sein scheinen, – Kolonialdenkmäler, Bürogebäude aus den 80ern, Autobahnen – in Sekundenschnelle zusammenfallen und diese Vergänglichkeit wieder und wieder durchzuspielen, begann sich seltsam befreiend, erlösend anzufühlen, als würde es den Weg für eine große Bewegung öffnen.

Nach dem Erdbeben geht eine imaginäre Figur in die Trümmerstadt und hebt einen zerbrochenen Ziegel auf. Was soll sie mit ihm tun? Andere kommen hinzu und es folgt eine Diskussion: Sollen die Ziegel verwendet werden, um die Stadt so aufzubauen wie sie war, in Verehrung ihrer Geschichte? Sollen die Trümmer ins Meer gefegt und eine neue Stadt von Grund auf frisch geplant werden? Soll jeder einfach vergessen, was passiert ist, und sich zu einer anderen Stadt jenseits der Berge aufmachen?

Bald danach, vor fast zehn Jahren, machte ich die erste Worktable-Installation. Worktable - Besucher*innen treten einzeln hintereinander ein. Sie werden aufgefordert, einen Alltagsgegenstand auszuwählen und ihn auseinanderzunehmen. Danach wählen sie ein in Stücke zerlegtes Objekt, das ein*e andere*r auseinandergenommen hat, und bauen es zusammen. Abhängig von der Person dauert das 1 bis 5 Stunden.

Als ich Worktable konzipierte, stellte ich es mir als Miniaturerdbeben vor, das in unseren eigenen Händen passiert. Ich wollte wissen, wie sich Dinge zerlegen lassen, welche Energie es dafür braucht – und wie Dinge zusammengesetzt werden können und was das überhaupt bedeutet.

Die Objekte, die bei Worktable auseinandergenommen werden, gehören zum Haushalt, sie sind uns vertraut, wir benutzen sie quasi täglich und sie haben für verschiedene Menschen eine verschiedene Bedeutung. Aber diese Objekte verkörpern auch Handlungs- und Denkweisen, die in das Alltagsleben eingeschrieben und als normal bekannt sind. Diese Objekte zu zerlegen, befreit sie von ihren festgelegten Rollen und Verwendungen, von ihrem Eingeschrieben-Sein in das Normale, und führt sie auf ihre Bestandteile, ihre Grundmaterialien zurück, bereit für Änderungen.

Für manche Leute bedeutet dieses „Auseinandernehmen“ ein mit großer Energie betriebenes Zu-Staub-Pulverisieren. Für andere bedeutet es ein behutsames, langsames Auseinanderbauen, bei dem jedes einzelne Teil unversehrt bleibt. Einmal nahm jemand einen Stapel Spielkarten und rieb alle Herzen vorsichtig mit Sandpapier ab.

Für manche Leute bedeutet „Zusammensetzen“ den Versuch einer perfekten Rekonstruktion, jedes Teil an seinem Platz. Für andere bedeutet es, ein gänzlich neues, unbekanntes Experiment zu bauen, ein Fantasiegebilde oder eine Kreuzung aus verschiedenen Objekten. Und manchmal tut‘s auch ein Haufen mit Klebeband verpackter Einzelteile.

Normalerweise erwähne ich das Erdbeben nicht. Es ist zu viel Information. Die Leute finden für sich selbst heraus, was die Installation für sie bedeutet.

Aber diesmal, diese Woche, ohne Worktable und ohne die Wiener Festwochen denke ich wieder über Veränderung nach und was passiert, wenn Dinge auseinander fallen. Ich denke darüber nach, wie viel Leid eine große Unterbrechung mit sich bringt und auch, wie absolut notwendig es ist, die Dinge anders wieder zusammenzusetzen – in einer Art, die von der Geschichte konstruierte Formen der Unterdrückung zerlegt, in einer Art, die deren Fortbestehen verweigert.

Kate McIntosh, 06.06.2020

© Clare Noonan
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© Kate McIntosh
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