Day 5

Verwundbarkeit ist eine Fähigkeit

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Macht Euch verwundbar
von Boris Nikitin

Als Begründung für den Lockdown stand in den letzten Wochen oftmals an vorderster Stelle der Schutz der „verwundbarsten Mitglieder“ unserer Gesellschaft. Gemeint waren damit in diesem Falle ältere und kranke Menschen, die dem Virus am meisten und, so die Argumentation, schutzlos ausgeliefert sind. Mir ist aufgefallen, dass gerade die Stimmen dieser Menschen in den öffentlichen Auseinandersetzungen mit der Pandemie kaum eine Plattform erhalten. Sie kommen lediglich im privaten Rahmen vor. So meinte meine Mutter beispielsweise unlängst, dass sie sich von der Politik plötzlich als „alt gemacht“ empfinde und entdeckte den Begriff der„Altersdiskriminierung“. Die 90-jährige Großmutter eines Freundes wiederum sorgt sich seit Wochen darum, dass sie im Falle einer Erkrankung nicht mehr als relevant eingestuft würde. Mein schwer chronisch erkrankter Vermieter verschanzt sich seit Wochen notgedrungenermaßen in seiner Wohnung, der Kontakt mit dem Virus wäre für ihn vermutlich tödlich. Doch auch seine Stimme kommt im öffentlichen Diskurs zu Covid-19 nicht vor. Über die „verwundbarsten Mitglieder“ wird viel gesprochen, selbst zu Wort kommen sie kaum. Verwundbarkeit wird so durch die mediale Öffentlichkeit zu einem fast schon kindlichen Zustand reiner Schutzbedürftigkeit reduziert, zu der das Attribut der Mündigkeit, also der Fähigkeit, sich äußern und eigene Entscheidungen treffen zu können, nicht passen will. Warum ist das so?

In unserer wettbewerbsgeprägten Gesellschaft haben wir gelernt, unsere Verwundbarkeit eher als Mangel und Nachteil zu begreifen, die es anderen gegenüber zu verbergen gilt. Das Gefühl der eigenen Verwundbarkeit koppelt sich dabei an das, was wir fürchten und wovor wir uns zu schützen versuchen. Die Verwundbarkeit wird so selbst zu einem Gegenstand der Angst: die Angst vor den anderen, die Angst vor der Realität, die Angst vor „dem, was kommt.“ Das Resultat ist eine gefühlte Ohnmacht. Wo die Menschen sich ängstigen, ziehen sie ihre Körper zurück und hinterlassen ein Schweigen. Verwundbarkeit als Form des Souveränitätsverlusts.

Dies ist fraglos eine Möglichkeit, auf dieses Thema zu blicken. Doch ist in der gegenwärtigen Situation wichtig, nicht zu vergessen, dass Verwundbarkeit nicht nur ein Mangel, sondern ganz im Gegenteil auch als eine wichtige, wenn nicht sogar diezentrale Fähigkeit verstanden werden kann, die den Menschen als politisches Wesen und damit als Menschen ausmacht. Merkmal dieser vulner-ability ist die Fähigkeit, sich öffentlichzu äußern, sich vor anderen körperlich oder verbal zu exponieren, sich sichtbar und angreifbar zu machen, sich zu outen, soziale und letztlich politische Teilhabe auszuüben und dabei die eigene alltägliche Angst, und sei es auch nur ein bisschen, zu überwinden. Dieses Teilen von individueller und gemeinsamer Verwundbarkeit ist die Grundlage der Solidarität, die in den letzten Wochen von so vielen gefordert wurde. Nur wenn die einen von sich erzählen, können andere sagen: so geht es mir auch.

Es ist auf doppelte Weise problematisch, dass jene Menschen, die nun als besonders verwundbar bezeichnet werden und dies fraglos auch sind, gleichermaßen aus dem öffentlichen Diskurs mehr oder weniger ausgeschlossen werden und damit ihrer Möglichkeit beraubt sind, Verwundbarkeit auszuüben und sich als aktiven Teil einer Gemeinschaft zu erfahren. Wer Verwundbarkeit nur als Mangel und Gefahr erfährt, dem droht die Unsichtbarkeit.

Es wird in den nächsten Wochen, in welchen der „Shutdown“ nun mehr und mehr gelockert werden soll, ganz wesentlich sein, dass die Menschen, die von der Pandemie körperlich nach wie vor am meisten betroffen sind und sein werden, zu einer Stimme finden und ihnen hierfür auch die dafür gebotene Öffentlichkeit zuteil wird.

Mai, 2020



Dieser Originalbeitrag von Boris Nikitin ist im Rahmen der Kooperation mit dem STANDARD für die Festwochen Beilage entstanden.

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