Day 21

Ein Text von Philipp Gehmacher zu The Slowest Urgency

Übersicht digitale Gesten

Under the weather

Alles hätte jetzt schon stattgefunden. Die Aussicht, ein neues Stück zu machen ist aufregend, aber erzeugt auch Sorge in mir, wie es werden wird. Ich versuche mir den Tag der ersten Aufführung nicht zu sehr als Moment der Erleichterung vorzustellen, sondern eher als jenen Zeitpunkt, zudem wir mit dem, was wir in der Hand haben, an die Öffentlichkeit gehen. Und doch ist dieser Tag immer beides: latente Sorge, innere Unruhe und doch fixer Ankerpunkt. Und irgendwann ist dann das Stück über die Bühne gegangen, in welcher Form, mit welchem Resultat auch immer. Ein Tag, an dem das, was wohl in und außerhalb unserer Macht liegt, was wir in unseren Händen halten können und was ihnen entgleitet, miteinander verschmilzt.

Mit The Slowest Urgency wählte ich einen gewichtigen Titel, Versprechen wie Herausforderung zugleich, ein Titel als Anspruch, der Wunsch ihm gerecht zu werden. Ich fühlte mich bereit. Ich wollte über die Empfindungen von Dringlichkeit„sprechen“, die langsam in unserem Innern anwachsen, ewig wiederkehrende Gefühle, das Bedürfnis nach Veränderung, Ahnungen, im Kopf, im Bauch, auf der Zunge. Dringlichkeit wie ein Zwillingskörper, der nicht von deiner Seite weicht und dir nichts durchgehen lässt. Ich wollte darüber sprechen, berührt, betroffen, vielleicht sogar getroffen zu sein.

Ja, ich verwende den Begriff „sprechen“, denn letztendlich geht es immer um Äußerungen: physisch, verbal, Sprachen des Körpers. Ich wollte davon sprechen, eine Empfindung in den Knochen zu tragen und oft nicht zu wissen, ob ein Gefühl in mir drinnen ist oder um mich herum, eine Umgebung, die sich langsam in einem Körper breit macht. Ich wollte über dieses Wetter genauso sprechen wie über die Landschaft, innen und außen, genau hier und dort drüben. Ich wollte, dass wir das Wetter selbst bestimmen, wie Ocean Vuong meint, und unsere Körper scheinbar darunter betten. Für die Körper Platz schaffen.

Ich wollte meinen Körper und seine Sprache einer vielleicht vergangenen Zeit, eines vielleicht untergehenden Ortes, mit dem Publikum teilen. Meine sogenannte Bewegungssprache, ein Archiv ausholender Arme, greifender Hände, während sich die Brust mit Sauerstoff füllt, nur um sich leer und erschöpft wiederzufinden. Ich war neugierig, ob diese Körpersprache meinen Gedanken zum Jahre 2020 noch gerecht werden würde, etwas ausdrücken könne. Ich wollte, dass mir die anderenKörper auf der Bühne sagen, was ich versäumt und daher übersehen hatte. Zusammenwachsen, sich niederlassen und wieder niederlassen, ein paar Schritte weiter gehen auf einer Karte, die schwer zu überblicken ist, ein unüberschaubarer Plan.

Ich wollte über die großen Dinge sprechen, die Welten, die wir als Individuen und als Gemeinschaften bewohnen, über das Empfinden von Zeit, über jene in uns genauso wie über die Zeiten, in denen wir leben, ein vermessenes Unterfangen, aber notwendig. Das Bedürfnis, alles zu verstehen, verlässt meinen Körper einfach nie. Ich wollte auch über die naheliegenden Dinge sprechen, was mir Nahe geht, das Persönliche einem größeren Blickwinkel unterziehen, während wir uns gemeinsam eine eigene Landschaft bauen.

Ich hatte mir die Bühne als eine Landschaft vorgestellt, einen längst verschwundenen vertikalen Bühnenhintergrund mit dem Boden verschmelzend, darin Menschen in ihren aufrechten Körpern, und doch auseinander fallend, vor euren Augen sich über den Raum ausbreitend. Das sind Ideen, die sich ganz konträr zur Vertikalität der Guckkastenbühne anfühlen, die ich für das Stück ausgewählt hatte. Die Raumbühne und der Guckkasten, übereinander gelegt. Körper zerfallen in Teile zu Landschaften, während unsere geäußerten Worte adressieren, wir ihnen immer eine Richtung geben. Eigentlich hatten wir geplant, eine kleine Bühne in das Publikum hineinzubauen. Damit wir genauso mitten unter euch wie vor euch sein können.

Ich wollte über die langsamste Dringlichkeit sprechen, die von uns immer verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und wie mühsam und schwierig das sein kann. Wo die Zeichen setzen, die Grenze ziehen und damit neue Orte für einen selbst und die anderen schaffen. Aber nun werde ich in die Zukunft schauen und begrüßen, was da kommen mag. In dieser Zukunft werde ich noch immer aufgeregt und leicht beunruhigt sein, wird die langsamste Dringlichkeit nie von meiner Seite weichen. Und 2021? Nirgends zu sehen. Jetzt zumindest noch nicht.

Philipp Gehmacher, Juni 2020

Zugehörige Inhalte
logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Partnern