Day 2

Manifesto on Artists’ Rights von Tania Bruguera

Übersicht Festwochen 2020 reframed

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Tania Bruguera GALILEO

Kunst ist kein Luxus. Kunst ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis, auf das jede*r ein Recht hat. Kunst ist ein Weg, sein Denken auszubilden, sich selbst besser kennenzulernen und gleichzeitig auch die Anderen. Sie ist eine sich ständig wandelnde Methodik für die Suche nach einem Hier und Jetzt.

Kunst ist eine Aufforderung zu hinterfragen; sie ist in einer Gesellschaft der Ort für Zweifel, für das Bedürfnis zu verstehen und das Bedürfnis, die Realität zu ändern.

Kunst ist nicht nur eine Äußerung über die Gegenwart, sie ist auch ein Aufruf zu einer anderen Zukunft, einer besseren. Daher gibt es nicht nur ein Recht, Kunst zu genießen, sondern auch eines, sie machen zu können. Kunst ist ein Gemeingut, das zum Zeitpunkt, wenn man es findet, nicht vollständig verstanden werden muss.

Kunst ist ein Raum der Verletzbarkeit, in dem das Gesellschaftliche dekonstruiert wird, um das Menschliche zu errichten.

Künstler*innen haben nicht nur das Recht zu widersprechen, sondern die Pflicht dazu.

Künstler*innen haben nicht nur unter affektiven, moralischen, philosophischen und kulturellen Aspekten das Recht zu widersprechen, sondern auch unter wirtschaftlichen und politischen.

Künstler*innen haben das Recht, mit der Führungsmacht, mit dem Status quo nicht einverstanden zu sein.

Künstler*innen haben das Recht, respektiert und geschützt zu werden, wenn sie widersprechen.

Die Regierungen von Ländern, in denen Künstler*innen arbeiten, haben die Pflicht, deren Recht auf Widerspruch zu schützen, weil darin deren gesellschaftliche Funktion liegt: kontroversielle Dinge zu hinterfragen und anzusprechen. […]

Künstler*innen schlagen eine Meta-Realität vor, eine potenzielle Zukunft, die in der Gegenwart erlebt werden kann. Sie schlagen vor, etwas zu erleben, das noch nicht da ist, eine Situation von „was wäre, wenn“. Daher können sie nicht von Orten in der Vergangenheit beurteilt werden, mit Gesetzen, die das Etablierte bewahren wollen.

Regierungen müssen aufhören, sich vor Ideen zu fürchten. […]

In sehr sensiblen Zeiten (Kriege, Veränderungen der Legislative, politische Übergangszeiten) ist es die Pflicht der Regierung, systemkritische, hinterfragende Stimmen zu schützen und sicherzustellen, denn es sind Zeiten, in denen man Rationalität und kritisches Denken nicht abschaffen darf, manchmal können aufkeimende Ideen nur durch die Kunst an die Öffentlichkeit gelangen. Ohne Gegenstimme gibt es keine Möglichkeit vorwärts zu kommen. […] KünstlerischerAusdruck ist ein Raum, um Bedeutungen herauszufordern, um sich dem Denkbaren zu widersetzen. Das ist es, was nach einer gewissen Zeit als Kultur anerkannt wird.

Eine Gesellschaft, in der man sich künstlerisch frei ausdrücken kann, ist eine gesündere Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, in der sich Bürger*innen erlauben, von einer besseren Welt, in der sie einen Platz haben, zu träumen. Es ist eine Gesellschaft, die sich besser ausdrückt, weil sie sich in ihrer ganzen Komplexität ausdrückt.



Dieser Textauszug wurde im Rahmen der Kooperation mit DER STANDARD für die Festwochen Beilage ausgewählt.



Textnachweis: Rede gelesen beim Expert*innentreffen zu künstlerischer Freiheit und kulturellen Rechten Halle#21, Palais des Nations, Sitz der Vereinten Nationen Genf, 6. Dezember 2012
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