PALIMPSEST MEIDLING
Von Bettina Balàka

Palimpsest Meidling

1. Wasserzeichen

Die Stadt ist ein Palimpsest. Schriften lagern übereinander, Gebäude, Geschichten, die Gebeine der Toten. Aus Friedhöfen werden Parks, aus alten Fuhrwerkshäusern Gemeindebauten, aus Gstättn Verkehrsknotenpunkte. Manche Dinge werden ausgelöscht, andere treten plötzlich wieder hervor. Das Neue entsteht neben und über dem Alten, das gleichzeitig ausgegraben wird: ganz wörtlich bei Bautätigkeiten, im übertragenen Sinn beim Nachlesen von Erinnerungen, dem Anschauen alter Bilder und Fotografien.

Teil der Stadt Wien wurde Meidling erst im Jahr 1892. Davor war es Vorstadt, und zwar jene besonders außerhalb gelegene Vorstadt, die nicht nur jenseits der Basteien, des heutigen Rings, lag, sondern überdies noch außerhalb des Linienwalls, des heutigen Gürtels. Als Meidling in die Stadt eingemeindet und ein eigener Bezirk wurde, fasste es Siedlungen zusammen, in deren Namen das Dörfliche bis heute noch klingt: Gaudenzdorf, Hetzendorf, Altmannsdorf, Obermeidling und Untermeidling.

Die tiefsten Schichten des Bezirkspalimpsestes werden in seinem Wappen konserviert, das natürlich ein zusammengesetztes ist. Das Wasser spielt hier eine außerordentliche Rolle, Wasser, das heute gebändigt und gezähmt und im Bewusstsein nicht mehr so sehr präsent ist. Im Siegel von Untermeidling sieht man eine Quellnymphe, die nackt in aufzüngelnden Wellen steht, die lange Lockenpracht vom Wind aufgewirbelt, und zwei Krüge hält. Die Krüge symbolisieren die beiden Heilbäder, in denen das warme, schwefelhaltige Wasser der Quellen – denn Meidling liegt auf der Thermenlinie – schon seit langer Zeit zur inneren wie äußeren Anwendung gebracht wurde. Rheuma, Gicht und Ischias sollte das Wasser heilen, es wurde auch in Flaschen abgefüllt und in der Apotheke zur Goldenen Krone am Graben verkauft.

Die Wasserader des Pfannschen Kurbades wurde 1819 entdeckt. Max Winter berichtet in seinen 1908 veröffentlichten „Meidlinger Bildern“, dass der Schwefelqualm aus dem niedrigen Schlot des Bades eine zusätzliche Belastung in den ohnehin elenden Proletarierwohnungen der Umgebung darstellte. 1976 wurde es geschlossen und sein Wasser gluckert nun wieder unterirdisch – im Hermann-Leopoldi-Park gegenüber dem Meidlinger Markt.

Das zweite Bad, das Theresienbad, besteht bis heute. Es ist möglicherweise sogar das älteste Wiens, denn schon die Römer, von denen es hier Siedlungsreste gibt, könnten die Quelle genutzt haben. Maria Theresia kaufte das Areal und gründete im dort befindlichen Schlösschen eine „Wollenzeug-Fabrik“, in der Frauen mit unstetem Lebenswandel zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Im Bereich des Brunnens richtete sie für sich und ihre Familie eine kleine private Kuranstalt ein – von Schönbrunn hatte sie es ja nicht weit. Beim Abbruch des Schlosses 1902 fand man in seinen Kellern verliesartige Gewölbe, Kerker, wie es schien. Man könnte sich schaurige Geschichten zum Umgang der beliebten Landesmutter mit ihren Wollenzeugsklavinnen ausdenken.

Wie bei vielen Gebäuden des Bezirkes ist die heutige Version des Theresienbades nach zahllosen Umbauten, Abrissen, Neubauten und der völligen Zerstörung durch einen Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg die x-te. Seit 1902 wird das Wasser nicht mehr aus den Schwefelquellen, sondern aus der Ersten Wiener Hochquellenleitung eingespeist.

Unterhalb der Nymphe im Meidlinger Wappen verläuft ein blaues Band, das den Wienfluss repräsentiert. Unter diesem ist der sogenannte „Nymphenstein“ abgebildet, ein achtzig Zentimeter hoher Altarstein, der laut Inschrift von Titus Vettius Rufus, Centurio der XIII. Legion, den Nymphen, den Schutzgeistern der Quellen, gewidmet wurde. Man hatte ihn 1853 bei Bauarbeiten im Bett des Wienflusses gefunden.

Wo er nicht überwölbt ist, erkennt man den Fluss heute im Stadtbild als tiefe Schneise, die neben Schienen oder Straßen verläuft. Will man ihn tatsächlich zu Gesicht bekommen, muss man sich über ein Geländer beugen und in den Steinsarkophag hinunterschauen, in dessen Mitte er braun und tot dahinfließt. Oder man muss mit der U6 über die berühmte Otto-Wagner-Brücke fahren, die im Zuge des U-Bahnausbaus in den 1980er-Jahren um ein Haar abgebrochen worden wäre. Mit ihren grünen Lorbeerkränzen aus Zinkguss auf den hohen Pylonen und ihrer erheblichen Steigung zeigt sie den kühnen Verlauf der einstigen Stadtbahn. Mit Rauch und Dampf brauste diese dahin, von ihrer hohen Trasse aus völlig neue Ausblicke über die Stadt gewährend, ein futuristisches Wunderwerk zu Zeiten Kaiser Franz Josephs.

Auf alten Stichen sieht man noch, welch herrliches baum- und felsgesäumtes Gewässer die Wien einst war. Sie versorgte die Menschen mit Fischen und Krebsen, auch zum Wäschewaschen wurde sie genutzt. Doch schon lange vor der Erfindung des Begriffes „Umweltverschmutzung“ setzte diese dem Idyll ein Ende. Wie so oft auf dieser Erde verloren als Erste die Fischer die Arbeit. Mit der Ansiedlung von Färbern und Gerbern wurde der Fluss bereits Anfang des 19. Jahrhunderts zur giftigen Kloake. 1882 beschrieb eine Expertenkommission das Wasser als eine „von animalischen und vegetabilischen Abfällen starrende Jauche“.

Doch während das Ökosystem des Flusses zerstört war, er mit seinem Gestank die Anrainer quälte und in den 1830er-Jahren die Cholera verbreitete, ging die größte Gefahr von seiner Neigung aus, häufig und heftig über die Ufer zu treten. Auf ihrem Weg vom Wienerwald in das heutige Stadtgebiet wird die Wien nämlich von über hundert Bächen gespeist, deren Zufluss sie bei Schneeschmelze oder Regenwetter rasch zum Anschwellen bringen. Alle paar Jahre gab es verheerende Hochwasser, Häuser und Brücken wurden zerstört, Vieh und Kinder ertranken. Selbst im Schloss Schönbrunn stand das Wasser, es wurde überflutet wie ein venezianischer Palast, in dessen Tore man mit dem Boot hineinfährt.

Hier kommt nun ein Heiliger ins Spiel, der in Meidling an die einstige Wassergefahr erinnert: der heilige Johannes Nepomuk. Im Bezirkswappen, wo er Gaudenzdorf repräsentiert, ist er mit seinem weißen Chorhemd und dem mit fünf Sternen bestückten Heiligenschein auf einer Brücke stehend zu sehen. Als Prager Generalvikar geriet er in Konflikte zwischen Weltlich- und Geistlichkeit und soll im Jahr 1393 von König Wenzel IV. höchstpersönlich mit Fackeln gefoltert worden sein. Gefesselt und mit einem Holzstück geknebelt warf man ihn schließlich von der Karlsbrücke in die Moldau, in der er ertrank. Sein dahintreibender Leichnam soll von fünf wundersamen Lichtern umschwebt worden sein, weshalb er als einziger Heiliger neben der Muttergottes mit Sternenkranz dargestellt wird. In der Folge wurde der Märtyrer zum Patron der Flößer, Schiffer und Brücken und zum Schutzheiligen gegen Wassergefahren. Im heute überaus trockenen Meidling versieht er seinen obsolet gewordenen Dienst in der ihm geweihten Pfarrkirche.

Die Bemühungen des Heiligen wurden von gleich zwei Wassergeistern unterlaufen. In der Wien lebte ein Wassermännlein, sein Wohnort wurde grob zwischen Schönbrunner Brücke und Lobkowitzbrücke lokalisiert, wo es Wehre gab, auf denen es abends bei feuchtem Wetter zu sehen war. Es war sehr adrett gekleidet, in einen grauen Rock mit blauen Knöpfen und gelben Beinkleidern. Das Wasser tropfte beständig von ihm herab. Seine nassen Haare waren bodenlang und grün. Wie die Nixen trachtete es, Seelen ins Verderben zu ziehen, und wie diese kämmte es sich sein Haar mit einem goldenen Kamm. Sah ein im Fluss Badender, wie sich das Männlein frisierte, war er schon so gut wie verloren. Nur ein schneller Sprung aus dem Wasser und über die Wagenspuren entlang der Wien konnte ihn retten – denn diese waren für Dämonen unüberwindbar.

Auch der zweite Meidlinger Wassergeist kämmte sein Haar, das Berichten zufolge allerdings gelb war. Er wohnte unweit des Meidlinger Bahnhofes in Wilhelmsdorf in einem verlassenen Ziegelschlag. Damit sein Zuhause, ein besonders tiefer und trüber Teich auf dem von Tümpeln übersäten Gelände, nicht entdeckt wurde, musste so mancher, der sich ihm näherte, ertrinken. Dies betraf offenbar etliche Buben, die dort baden wollten. An zwei Hausfassaden gibt es heute noch Reliefs, die an diese Sage erinnern. Die Sage wiederum erinnert an eine soziale Realität.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Bereich der Wilhelmstraße – Rauchgasse – Vivenotgasse eine große Ziegelei. Der Lehmgrund eignete sich gut zur Ziegelherstellung, die billigen Arbeitskräfte wurden aus Böhmen und Mähren importiert und gingen als „Ziegelbehm“ in die Geschichte ein – die meisten davon gab es am Wienerberg. In den vielen Teichen wurde der Lehm von Männern mit nackten Füßen zur geeigneten butterartigen Konsistenz getreten – bis zu achtzehn Stunden am Tag, sechseinhalb Tage die Woche. Rheumatismus und andere Krankheiten waren die Folge des ständigen Stehens im eisigen Wasser. Frauen, die sogenannten Maltaweiber (Mörtelmischerinnen), und Kinder ab sieben Jahren verarbeiteten den Brei weiter. Ein bis heute in Wien verwendetes Wort geht auf die Ziegelherstellung zurück: Sandler. Die Sandler waren die, die die Ziegelformen mit Sand ausstreuten, damit der Lehm nicht an ihnen haften blieb. Diese Leute waren die Elendsten unter den Elenden, für keine andere Arbeit zu gebrauchen.

Geht man durch Meidling, gibt es viele topografische Namen, die das Stadtbild unter dem gegenwärtigen Stadtbild zeichnen. Wie lange liegt die Existenz einer Roten Mühle in der Nähe der Rotenmühlgasse eigentlich zurück? Schon sehr lange, und tatsächlich gab es sogar zwei Rote Mühlen an von der Wien abzweigenden Mühlbächen, eine Obere am Fuß der späteren Grünbergstraße, schon in Hietzing, und eine Untere, die zwischen Rotenmühlgasse und Bischoffgasse lag. 1770 ließ Maria Theresia diese Meidlinger Mühle abreißen und an ihrer Stelle eine Gardekaserne bauen. Ob ihr Name daher rührte, dass sie rot gestrichen war, oder ob es sich um eine Ableitung vom Wort „roden“ handelte (da sie in den einst mächtigen Wäldern von Meidling auf gerodetem Boden stand), ist strittig. Im Wappen von Obermeidling ist sie in Gestalt eines goldenen Mühlrades auf rotem Grund verewigt.

Und was genau wurde Am Schöpfwerk geschöpft? Heute steht dort die gleichnamige Wohnhausanlage, die in mehreren Etappen zwischen 1967 und 1980 errichtet wurde. Berühmt wurde sie als Schauplatz des Filmklassikers „Muttertag“ von Harald Sicheritz aus dem Jahr 1993. Auch zum Ursprung dieses Namens gibt es zwei Theorien. Die eine besagt, er gehe auf ein Hebewerk der Ersten Wiener Hochquellenleitung zurück. Allerdings handelte es sich bei dieser um eine Gravitationsleitung, die aufgrund des natürlichen Gefälles zwischen Rax- und Schneeberggebiet und Wien keiner Pumpvorrichtung bedurfte. Der zweiten – besser belegten – Theorie zufolge gehörte das Schöpfwerk zu einer Eisfabrik. Zur Kühlung von Lebensmitteln wurde im Winter Eis in flachen Seen produziert, in Blöcke geschnitten, in Kellern gelagert und im Sommer verkauft. Der Straßenname „An den Eisteichen“ spricht ebenfalls für diese Theorie.

2. Schriftschichten

1908 schrieb Max Winter: „In Meidling ist alles nebeneinander: das alte Dorf und die moderne Stadt; Industrie und Landwirtschaft; die alte Proletarierstadt und mittendrin die Fuhrwerkshäuser …“ Bis heute ist das Typische für den Bezirk der rasche Wechsel der Eindrücke: Baujuwele und Bausünden, dörfliche Plätze und große Industrieanlagen, Gemeindebauten und Villen, Friedhöfe und Bahnhöfe, facettenreiche Geschichte und multikulturelle Gegenwart, Verkehrshölle und Gartenidyll, Kaserne und Markt, Steinsphinx und Kebapstand.

Steigt man etwa bei der U6-Station Tscherttegasse aus, sieht man gleichzeitig einen alten Friedhof und eine moderne Wohnhausanlage. Zunächst betritt man einen Park, der 2011 nach Miep Gies benannt wurde. Erst ein Jahr zuvor war die Namensgeberin im niederländischen Hoorn verstorben. Als Hermine Santrouschitz war sie 1909 in der Schönbrunnerstraße in armen Verhältnissen geboren worden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie, erst elfjährig, im Rahmen einer Aktion für hungernde Wiener Kinder nach Holland verschickt und blieb auf Dauer bei ihrer Gastfamilie. Als junge Frau nahm sie einen Sekretärinnenposten bei dem Kaufmann Otto Frank in Amsterdam an und wurde zu einer Freundin der Familie. Als die Nationalsozialisten in den Niederlanden wüteten und sich die Familien Frank und van Pels sowie der Zahnarzt Fritz Pfeffer in einem Hinterhaus versteckten, war Miep Gies eine von vier Helfern, die sie versorgten. Nach der Verhaftung der Untergetauchten rettete sie das berühmte Tagebuch der Anne Frank, das sie später deren Vater, dem einzigen Überlebenden, übergab. Miep Gies wurde als „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem in Jerusalem geehrt.

An den würdig benannten Park grenzt der Altmannsdorfer Friedhof. Die Stimmung innerhalb seiner Mauern ist südländisch, man fühlt sich an die Adria versetzt. Das liegt womöglich an den knorrigen Kiefern, die an Pinien erinnern. Man kann sich vorstellen, dass hier an heißen Sommertagen Grillen zirpen.

„Für ein Kind gab ich das Leben“ steht auf dem Grabstein einer 1939 verstorbenen Frau, dahinter sind die Balkone der Wohnanlage mit ihren Blumentöpfen und Satellitenschüsseln zu sehen. Im zentralen Mausoleum liegt unter anderen Josefine von Hoffinger begraben – sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts durch ihre Übersetzung von Dante Alighieris „Divina Commedia“ bekannt – und versank dann wieder in Vergessenheit. Der 1748 gegründete Friedhof wird heute noch belegt, alles ist penibel gepflegt, und auch auf den historischen Gräbern sieht man frische Blumenbepflanzung und Kerzen.

Rundherum wird in hohen blauen, roten, weißen, beigen und gelbgrünen Gebäuden gelebt oder zumindest gewohnt. Zwischen Geriatriezentrum und Friedhofseingang steht in großen Lettern an der Wand: „Altwerden ist die einzige Möglichkeit, länger zu leben.“ Hier wird das Zitat Nestroy zugeschrieben, im Internet Hugo von Hofmannsthal. Auf jeden Fall wirkt es im Kontext ein wenig makaber.

Von 1903 bis 1997 befand sich hier die Kabel- und Drahtwerke Aktiengesellschaft. Entsprechend heißt die heutige Anlage Kabelwerk, ein neuer Stadtteil, in dem rund 3.500 Menschen wohnen. Die Sonne blitzt von den vielen Fenstern, in den großen Höfen hallen die Stimmen wider wie von Felswänden. Den Hauptanziehungspunkt für Besucher aus anderen Bezirken bildet wohl das WERK X, eines der innovativsten Wiener Theater. Obwohl das Kabelwerk verhältnismäßig neu ist – Wohnungen werden seit 2005 übergeben –, ist es offenkundig, dass man eines nicht bedacht hat: den Klimawandel. Abgesehen von ein paar kümmerlichen Jungbäumchen gibt es kaum Grün. Riesige Flächen von Asphalt und Stein werden in den zunehmend heißeren Sommern die zum Leben gedachten Höfe zu unbenutzbaren Backöfen machen.

Ein ganz anderes Bild eröffnet sich, sobald man die Oswaldgasse überquert hat. In der Schneiderhangasse zwitschern die Vögel, es duftet aus blühenden Büschen. Niedrige Häuschen stehen in überwucherten Gärten, aus denen schon mal eine Katze kommen kann, um sich auf dem rissigen, mit Grasbüscheln bewachsenen Gehsteig zu sonnen.

Dann plötzlich die Breitenfurter Straße. Vierspuriger Verkehr, Autos, Busse. Dahinter die Südbahngleise, und hinter diesen die mächtige Industrieanlage des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim. Kräne stacheln in den Himmel, ein Bagger gräbt auf einem offenbar erst kürzlich von Gebäuden befreiten Gelände. Hier ist es unwirtlich. Hier wird nicht spazieren gegangen, sondern gefahren, gebaut, produziert.

Nur ein altes Haus zeugt von einer Zeit, in der man hier stilvoll wohnte. „Breitenfurter Hof“ steht im halbrunden Fassadenaufsatz auf dem Dach, der links und rechts von zwei steinernen Vasen geschmückt ist. Einsam steht es in der Verwüstung über dem Gleiseinschnitt. Hoffentlich, weil es denkmalgeschützt ist.

3. Höhenschichtlinien

Südlich der Wien, mehr oder weniger parallel zu ihr, verläuft ein Bergrücken. Fragt man Meidlinger, wie der Berg heißt, gibt es folgende Antworten: Schönbrunner Berg, Grünberg bzw. Grüner Berg, Meidlinger Höhe oder Hohenberg. Bei dem Wort Grünberg soll es sich um einen verblüffenden Fall von Volksethymologie handeln. Die gleichnamige Straße ist nämlich keineswegs, wie es so naheliegend scheint, aufgrund der Tatsache benannt, dass sie einen grünen Berg hinaufführt, sondern nach dem Gerichtsadvokaten Josef Freiherr von Hagenmüller zu Grünberg. Um 1790 hatte er auf der Anhöhe einige Häuser, die nach ihm benannte Grünbergsiedlung, gebaut.

Auf der Hohenbergstraße gibt es einen Hohenfelsplatz – man kann sich dazu ein malerisches Bild vorstellen. Auf einem hohen Felsen stehend blickt man hinunter auf die Wien und ihre mäandrierenden Nebenarme, vielleicht hört man sogar das Geklapper der beiden Roten Mühlen herauf, in der Ferne erheben sich die grünen Wellen des Kahlengebirges, weiter östlich sieht man die von ihren Basteien umkränzte Stadt Wien, aus deren Mitte der Stephansdom ragt.

Eine Meidlingerin zeigt mir einige Stätten ihrer Kindheit auf dem gar nicht so hohen, aber in einzelnen Gartensiedlungen immer noch erstaunlich grünen Berg. Die schnurgerade den Hang hinabführende Schwenkgasse wurde jeden Winter nach dem ersten ergiebigen Schneefall gesperrt und als Rodelstraße genützt. Theoretisch ist das auch heute noch so, zwei Schranken warten auf ihren Einsatz, nur mit dem Schnee ist es nicht mehr weit her. Der Klimawandel hat erst unmerklich, in den letzten Jahren dann immer deutlicher, dieses Wintervergnügen aussterben lassen.

Es gab wohl in den 1960er- und 1970er-Jahren noch herrliche verfallende Gemäuer, die auf Kinder und Jugendliche den ewigen Reiz der Lost Places ausübten. Eines davon war das Hauptgebäude des einstigen Vergnügungsetablissements Tivoli, genannt „Die alte Meierei“. Heute gibt es noch die Tivolibrücke, die Tivoligasse und die Wohnsiedlung am Tivoli, das Tivoli aber nicht mehr. Auf seinem Gelände befinden sich seit den 1990er-Jahren ein Seniorenwohnheim und seit 2001 der große Waldspielplatz „Marillenalm“, benannt nach ebenfalls verschwundenen Marillenbäumen.

1830 wurde hier das prächtige Vergnügungsetablissement Tivoli errichtet, benannt nach der gleichnamigen und als besonders schön geltenden Stadt östlich von Rom. In einem prunkvollen, mit Säulen bestückten und von Lüstern mit hunderten von Wachskerzen beleuchteten Saal wurden Speisen und Erfrischungen gereicht. Es gab Bälle, Konzerte, Hahnenkämpfe, Feuerwerke und ein „Chinesisches Laternenfest“. Die Hauptattraktion bildete jedoch eine mehr als 200 Meter lange Rutschbahn mit vier nebeneinander liegenden Gleisbahnen. In gepolsterten Wagen, in denen jeweils zwei Personen Platz fanden, sauste man in die Tiefe. Alten Darstellungen zufolge dürfte der Adrenalinkick ideal für Paare gewesen sein: Die Frau konnte sich hilfesuchend an den Mann klammern, er schützend den Arm um sie legen. Das Orchester von Johann Strauß Vater war fix engagiert, und er schuf etliche Kompositionen eigens für das Etablissement, darunter den „Tivoli-Rutsch-Walzer“.

Nach unzähligen Adaptionen, Umbauten und Besitzerwechseln wurde der Betrieb 1967 endgültig eingestellt. Der Verfall nahm seinen herrlichsten Lauf. Mit siebzehn Jahren drang meine Meidlinger Freundin in das Gebäude der „Alten Meierei“ ein, von dem berichtet wurde, dass darin „zwielichtige Gestalten“ hausten. Zwielichtige Gestalten fand sie zwar nicht, dafür aber am Fußboden einen Stapel alter Papiere, von denen sie ein besonders schönes bis heute aufbewahrt. Es handelt sich um eine „Verschleißbefugnis für Tabak-Spezialitäten“ aus dem Jahr 1904. Auf dieser wird dem Gasthausbesitzer Johann Wallner die Erlaubnis erteilt, „Egyptische Cigaretten“ der Marke „Princesas“ zu verkaufen.

Der Tiroler Johann Wallner hatte die Meierei Tivoli 1873 gepachtet und später gekauft. Er beauftragte den Gaudenzdorfer Maler Anton Hlaváček mit vierzig Ansichten Tirols, die einen monumentalen hölzernen Pavillon hinter der Meierei schmückten. Die Bilder zeigten etwa den „Schwarzensee mit Kaisergebirge“, die „Zenoburg bei Meran“ oder den „Wasserfall in der Hölle“.

1980 wurde der Holzpavillon durch Brandstiftung verwüstet und damit wurden auch die dort verbliebenen Landschaftsbilder zerstört. In den 1990er-Jahren wurden die letzten Gebäudereste abgetragen.

Ein weiterer Lost Place der 1970er-Jahre befand sich in der Schwenkgasse 62 – ein Gewirr an verfallenen Baracken, das „Die alte Wäscherei“ genannt wurde. Das Gelände war so ruinös, dass es den Kindern verboten war, dort zu spielen, was sie natürlich nicht immer davon fernhalten konnte. Seit den 1920er-Jahren hatte es hier eine Dampfwäscherei für Wiens Spitäler gegeben, die 1970 geschlossen wurde. Während der Nazi-Zeit wurde die Wäsche von russischen Zwangsarbeiterinnen gewaschen, die in dem Barackenlager untergebracht waren. Bei diesem handelte es sich um den Rest eines einst weit größeren Barackenlagers aus dem Ersten Weltkrieg, dem 1915 gegründeten Kriegsspital am Gatterhölzl. Eine hölzerne Notkirche mit Kuppel gehörte ebenfalls dazu. Sie war von russischen Kriegsgefangenen gebaut worden, weshalb sie im Volksmund „Russenkirche“ genannt wurde. Die heute dort befindliche Gatterhölzlkirche wurde in den 1950er-Jahren gebaut. In ihrem Weihwasserbecken wuschen sich die Kinder nach ihren verbotenen Exkursionen die schmutzigen Hände.

4. Gedächtnispalimpsest

Das Gedächtnis ist ein Palimpsest, sagt man. Schriften werden abgerieben und sind doch immer da. Um die tieferen Schichten eines Palimpsestes zu sehen, braucht man Vergrößerungsgläser und spezielle Beleuchtung. Wenn man zuvor in der Geschichte gegraben hat, kann man beim Anblick eines Ortes mehrere Zeitschichten übereinander wahrnehmen. Es kann auch vorkommen, dass sich die Gegenwart mit der Vergangenheit auf unerwartete Weise verbindet.

Im Mai 2020 liegt das Schloss Hetzendorf verlassen da. Der Lavendel blüht auf zwei kreisrunden Beeten im Ehrenhof. Die vier Barockstatuen auf dem Dach, der Gott Dionysos und drei seiner Bacchantinnen, wiegen sich vor einem blitzblauen Himmel, der von keinen Kondensstreifen zerkritzelt ist. An den Türen hängen Anschläge, die bekanntgeben, dass die Modeschule Hetzendorf aufgrund der Covid-19-Schutzmaßnahmen geschlossen ist. In einem Seitentrakt sieht man durch das Fenster kopflose Schneiderpuppen.

Man kann repräsentative Teile des Schlosses für private Anlässe mieten. Vor etlichen Jahren war ich hier auf einer Hochzeit gewesen. Social Distancing war ein Begriff, der noch nicht erfunden war. Wir begrüßten einander mit Küssen und Umarmungen, wir tanzten, einander an Händen, Hüften und Schultern haltend. Wir saßen auf der großen Terrasse vor der Gartenfassade und blickten auf den verzauberten, mit bunten Lampions geschmückten Park.

Einhundertsechzig Jahre zuvor war die Stimmung wohl eine gänzlich andere gewesen. Der mit der Niederschlagung der Revolution von 1848 beauftragte Alfred I. Fürst zu Windischgraetz hatte hier sein Hauptquartier aufgeschlagen. Am 29. Oktober wurde der Gaudenzdorfer Schneidergeselle Anton Emmer hinter den Schlossmauern standrechtlich erschossen. Irgendwo hier, vielleicht unter einem der prächtigen Bäume, vielleicht unter dem Asphalt der Höfe, liegt er begraben. Gerüchten zufolge hatte er vor seiner Hinrichtung sein Grab selbst ausheben müssen.

Noch einige Jahrzehnte früher ist man wieder beim Problem der Seuchen und des Abstandhaltens angelangt. Als Maria Theresias Schwiegertochter Maria Josepha an den Pocken erkrankte, blieb ihr Gatte, der spätere Kaiser Joseph II., dem Krankenbett ebenso fern wie später dem Begräbnis. Dies verwundert nicht, hatte er doch bereits seine erste Gemahlin an die hochinfektiöse Krankheit verloren. Doch die Kaiserin bestand darauf, die Todgeweihte noch einmal zu umarmen – und war wenige Tage später selbst erkrankt. Wie durch ein Wunder überlebte sie, fürderhin durch Narben entstellt.

Schon einige Jahre zuvor war Maria Theresia, die auch vier eigene Kinder an die Blattern verloren hatte, zur Impfpionierin geworden. Im Schloss Hetzendorf richtete sie ab 1762 eine Blatternimpfstation für adelige Kinder ein. Das vom niederländischen Arzt Jan Ingenhousz entwickelte Serum war, wie damals üblich, zuvor in Waisenhäusern getestet worden. Das Einverständnis der Probanden hatte man dabei nicht eingeholt.

Jedes Frühjahr wurden im Schloss Hetzendorf die zur „Inoculation“ eingeladenen Kinder samt ihren Familien für vier Wochen untergebracht, verpflegt und von Ärzten betreut. Um ihnen den Impfaufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, ließ die Kaiserin Spiele, Lotterien und Feste veranstalten.

Ob irgendjemand dabei an die Waisenkinder dachte, die als Versuchskaninchen gedient hatten, ist nicht überliefert.

Für ihre Unterstützung bei den Recherchen bedanke ich mich bei Kati Danielczyk, Georg Prinz, Erika Kronabitter sowie Christa Bramböck von der Bezirksvorstehung Meidling.

logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Hauptsponsoren