Day 29

Textauszüge von Toshiki Okada. Bild von Teppei Kaneuji

Übersicht digitale Gesten

Toshiki Okadas Stück Eraser Mountain hat prophetisch den Nerv der Zeit getroffen. Der Regisseur und Autor ist einer der wichtigsten Protagonisten des zeitgenössischen japanischen Theaters und bekannt für sein Sensorium hinsichtlich gesellschaftlicher Umbrüche. Für Festwochen 2020 reframed stellt er uns zwei Textauszüge aus seinem Stück zur Verfügung: über das Wesen der Zeit und die Abwesenheit des Publikums. Teppei Kaneuji, bildender Künstler und Bühnenbildner der Produktion, ermöglicht eine Vorab-Veröffentlichung eines Bildes, das er für eine neue Buchpublikation namens Eraser Stone geschaffen hat. Darin gestaltet er die Zeitebenen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie die Beziehung zwischen Mensch und Objekt.

© Teppei Kanuji

Eraser Mountain
Textauszug aus dem Stück von Toshiki Okada

1. Textauszug

LOSSS Vielleicht ist das ja ein etwas schwieriges Thema aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie es verstehen könnten. Und zwar geht es dabei um Zeit. Da war einmal die Zeit. Aber Sie haben keine Ahnung, was Zeit eigentlich ist, oder? Verstehen Sie? Verstehen Sie doch nicht, oder? Natürlich nicht. Wenn dem so ist, dann kümmern wir uns erst einmal nicht darum, was Zeit genau ist, sondern ich möchte Sie bitten, dass Sie erstmal im Hinterkopf behalten, dass es so etwas wie Zeit gibt. Naja, aber sie verfügt über das Charakteristikum des Verlaufs um wenigstens etwas zu sagen. Aber Sie haben keine Ahnung, was Verlauf nun eigentlich ist, oder? Natürlich nicht. Verstehen Sie doch nicht, oder? Wenn dem so ist, dann möchte ich Sie bitten, dass Sie erstmal im Hinterkopf behalten, dass es so etwas wie Zeit gibt und dass sie über das Charakteristikum des Verlaufs verfügt. Also, die Menschen hatten also Zeit. Damit meine ich jetzt die Menschen. Die Menschen hatten also Zeit und die Zeit war für die Menschen ein Problem. Mit anderen Worten basierten fast alle Probleme für die Menschen also im Grunde eigentlich auf Zeit, so ein riesengroßes Problem war die Zeit für die Menschen. Verstehen Sie? Verstehen Sie doch nicht, oder? Natürlich nicht. Wenn dem so ist, dann möchte ich Sie bitten, dass Sie erstmal im Hinterkopf behalten, dass die Zeit für die Menschen ein Riesenproblem war. Und der Grund dafür, dass die Zeit für die Menschen nun so ein Riesenproblem war, ist, dass sie der Zeit angehörten. Es war ihnen nicht möglich, der Zeit nicht anzugehören. Wenn ihnen etwas möglich war, dann höchstens, die Textur der Zeit, der sie angehörten, in etwas anderes zu verändern, aber trotzdem gehörten sie der Zeit weiterhin an. Die Menschen konnten lediglich auf Zeit existieren. Und das ist der Grund, warum letzten Endes alle Probleme der Menschen mit Zeit zu tun hatten. Das ist vielleicht der Punkt, der am schwersten zu verstehen ist, aber wenn Sie das verstehen, dann haben Sie die Menschen praktisch verstanden, was meinen Sie? Verstehen Sie? Verstehen Sie doch nicht, oder? Natürlich nicht. Aber das gilt für beides, die Menschen hatten als Menschen Schwierigkeiten zu verstehen, dass die Zeit außerhalb der Menschen nicht existierte. Sie haben es gerade so eben zustande gebracht, sich eine irre lange Zeit vorzustellen aber das war auch das Maximum und trotzdem war die Zeit für sie noch ein Problem. Aber das ist für die Menschen eine unveränderliche Begrenzung, da kann man nichts machen. Und darum möchte ich Sie bitten, dass Sie sich erstmal klarmachen, dass die Menschen sich nicht vorstellen konnten, dass es überhaupt einen Zustand jenseits der Zugehörigkeit zu Zeit geben konnte.

2. Textauszug

Die Gräser und Bäume, die im sanften Wind rauschten, hatten kein Publikum.

Die Wolken, die so langsam ihre Form änderten, dass man es gar nicht bemerkte, wenn man sie nicht unentwegt anstarrte, hatten kein Publikum, das sie mit eigenen Augen gesehen hätte.

Der Himmel und die Wolken, wie sie sich in den wassergefüllten Reisfeldern zur Zeit der Reispflanzung spiegelten, hatten kein Publikum.

Der weit entfernte Donner hatte keine Zuhörer.

Ein paar Lieder aus der Musik-App des Smartphones, die aus irgendeinem Versehen abgespielt wurden und aus den Kopfhörern drangen, hatten keine Zuhörer.

Am frühen Morgen rissen die Krähen mit ihren Schnäbeln die an der Ablagestelle deponierten Säcke mit Küchenabfällen auf und pickten nach Herzenslust und als sie kräftig mit ihren Flügeln schlugen und emporflogen, da klang es, wie wenn man einen dicken Regenschirm schwungvoll aufspannt.

Dann setzten sie sich auf ein Stromkabel.

Es gab kein Publikum.

Das Badetuch, das an einer Kiefer hing, hatte kein Publikum.

Die Änderungen in der Topographie hatten kein Publikum.

Die Tapete in dem kleinen Raum hatte kein Publikum.

Das Licht, das aus der Ferne über das Meer blitzte, erleuchtete manchmal zufällig die Gestalt eines Geistes, der auf der dunklen Meeresoberfläche schwebte.

Aber es gab kein Publikum.

Die Höhle hatte kein Publikum.

Genau in dem Moment, wenn man einen Satz ausgeschrieben hatte, der einem gefiel, blieb der Computer stehen und der Bildschirm wurde plötzlich pechschwarz.

Übersetzung aus dem Japanischen von Andreas Regelsberger

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