Lia Rodrigues im Gespräch

Encantado wurde mitten in der Pandemie entwickelt. Wie spiegelt sich die Gesundheitskrise in dieser neuen Produktion wider?
Encantado entstand zwischen Mai und November 2021. Aber schon lange vorher, im Jahr 2019, begann ich mit den Überlegungen und Recherchen. Als die 11 Tänzer:innen und ich uns im April/Mai 2021 trafen, um die Arbeit aufzunehmen, hatte ich Spuren und Wege gefunden, die ich weiterverfolgen wollte. Ich hatte bereits einige Bilder und Texte gesammelt, mit denen wir zu arbeiten beginnen wollten. Der kreative Prozess gestaltete sich grundlegend anders, da wir neben den wöchentlichen Tests auch Abstands- und Maskenvorschriften einhalten mussten. Und wir waren alle sehr besorgt über die große Gesundheitskrise, die Brasilien wegen Covid-19 durchmachte.

Als Encantado entstand, diente unser Centro de Artes da Maré im Norden von Rio de Janeiros auch als Lebensmittellager, in dem zusätzlich Wasserflaschen, Hygiene- und Reinigungsmittel sowie persönliche Schutzausrüstung an die 17.000 Familien in der Region verteilt wurden, die in extremer Armut lebten. Diese Initiative war Teil der Kampagne „Maré sagt NEIN zum Coronavirus“. Zur gleichen Zeit tauschten Arbeiter unser Dach aus und installierten Solarpaneele. Diese Maßnahme war Teil unseres Projekts, das darin bestand, das Centro de Artes zu einem nachhaltigen Gebäude zu machen. Und nur ein dünner Stoffvorhang trennte uns von all diesen Tätigkeiten. Die spezifischen Maßnahmen während der Pandemie waren Teil unseres Alltags. Ich denke, dass all diese Prozesse ihre Spuren in Encantado hinterlassen haben. Ich sehe bei dieser Produktion drei Teile, die in gewisser Weise die verschiedenen Phasen der Pandemie widerspiegeln: Im ersten Teil sind die Künstler:innen getrennt und ohne Kontakt zueinander. Im zweiten Teil beginnen sie, Duos, Trios und Quartette zu bilden, und am Ende des kreativen Prozesses, nachdem alle geimpft wurden, entstand dann schließlich ein gemeinsamer Tanz, den alle gemeinsam tanzen und bei dem sie einander sehr nahe sind.

Auf welchen Bildern und welchen Visionen beruht Encantado?
Encantado ist aus dem Wunsch entstanden, für unseren kreativen Prozess Magie und Verzauberung als Leitlinien zu nutzen. Wie können wir unsere Ängste verzaubern und uns in Gemeinschaft zusammenschließen, uns nah aneinanderstellen? Wie können wir unsere Ideen und unsere Körper verzaubern, indem wir sie in Bilder, Tänze und Landschaften verwandeln? Verwandlungen beginnen in den Träumen. Wie verwandelt ihr also eure Träume in etwas Wirkliches? Wir wollten eine Verzauberung wie durch Magie herbeiführen. In der afroindigenen Kultur Brasiliens bezeichnet „encantado“ auch ein Wesen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, ein Wesen, das in der Natur zu finden ist. Genau daran glaube ich – an eine Vision der Welt, an eine Kosmogonie, die uns hilft, über Fragen nachzudenken wie: Was ist Ökologie? Was sind die Übergänge zwischen den Welten? Wie kann man andere und ihre Unterschiedlichkeit akzeptieren? Wie können wir uns von anderen verzaubern lassen, die vielleicht unser genaues Gegenteil sind? Wie können wir weniger autoritär sein, wie können wir anderen wirklich zuhören? Encantado ist wie eine alternative mögliche Sicht auf die Welt, eine, die nicht westlich und nicht eurozentrisch ist. Ich versuche, ihr zu entgehen. Diese Möglichkeit verzaubert mich, und verzaubert bin ich, weil sie mich verwandelt.

Sie sprechen von den Kräften der Natur und des Lebendigen als Quelle des Widerstands und der Metamorphose. Wie übertragen Sie diese Begriffe auf den Tanz und die choreografische Komposition?
Ich habe keine Ahnung. Ich lasse meine Tänzer:innen an meinen Intuitionen teilhaben, aber ich folge nie einer klaren Linie. Alles ist da, alles schwebt um uns herum, in uns, und gemeinsam suchen wir nach Wegen, Dinge zu sehen, die nichts miteinander zu tun haben, um eine Stickerei daraus anzufertigen, die dann irgendwann zum Stück wird. Sie alle sind Brüder und Schwestern, die aus dieser Gemeinschaft hervorgegangen sind, und dieser Schaffensprozess läuft gemeinschaftlich ab. Ich treffe die Entscheidungen, aber diese Entscheidungen entstehen auf der Grundlage dessen, was die Tänzer:innen tun.

Welche Texte beeinflussten Ihren kreativen Prozess?
Torto Arado von Itamar Vieira da Silva, einem brasilianischen Schriftsteller, übte zu Beginn der Pandemie einen starken Einfluss auf mich aus. Es ist eine Geschichte, die in diesem schrecklichen Brasilien mit seinen Ungleichheiten und seinem strukturellen Rassismus spielt. Ein Teil der Geschichte wird durch die Stimme eines dieser encantado-Wesen erzählt. Und dann gab es noch eine Menge anderer Texte zu Themen, die mich sehr beschäftigen, ökologische, feministische, wie Staying with the Trouble von Donna Haraway. Ich versuche, Texte von Frauen zu lesen; ich möchte den Gedanken von Frauen nahe sein, um aus dieser allzu patriarchalischen Welt herauszukommen. Wir müssen unser Denken verändern, unsere Leseliste erweitern! Ich lese auch viele Autor:innen afrikanischer Abstammung. Malcolm Ferdinands Decolonial Ecology war auch sehr wichtig. Ich wuchs mit diesen Überlegungen auf, denn mein Vater war Journalist und gründete in den 1970er Jahren die erste ökologische Zeitung Brasiliens. Ich weiß, dass Menschen wie die indigenen Völker sich seit Tausenden von Jahren mit dieser Frage beschäftigen und dass es an der Zeit ist, auf sie zu hören. Für mich beginnt Ökologie mit Solidarität, mit der Fähigkeit, Unterschiedlichkeiten zu sehen und zu akzeptieren, mit der Möglichkeit, die eigene Sicht auf die Welt zu erweitern und aufmerksam zuzuhören.

Was kann der Tanz angesichts der aktuellen Politik in Brasilien tun?
Wir leben in einer der schrecklichsten Zeiten unserer jüngeren Geschichte. Die Covid-19-Pandemie ließ die prekären Umstände zutage treten, unter denen die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung lebt. Wir sind mehr denn je mit den tiefen sozialen Ungleichheiten und Menschenrechtsverletzungen konfrontiert, welche die Vergangenheit und die Gegenwart unseres Landes prägten. Brasilien ist ein extrem rassistisches Land, in dem Schwarze, Transsexuelle und indigene Völker ermordet werden und die Zahl der Frauenmorde extrem hoch ist. Die brutale Regierung unseres faschistischen Präsidenten schreckt nicht vor Hassreden und -aktionen, Falschmeldungen, Gewalt und Zerstörung zurück. Wir wissen, dass Demokratie ohne die Bekämpfung von Rassismus nicht möglich ist. Ich denke, Kultur und Kunst können das Bewusstsein der Menschen für diesen Kampf schärfen, sie eröffnen diesen die Möglichkeit, die Welt auf eine andere Art zu sehen. Kunst wirft Fragen auf, sie kann neue Beziehungen und neue Bedeutungen für das Leben schaffen, sie kann uns helfen, Diversität zu akzeptieren. Sie kann uns dabei helfen, zu akzeptieren, was wir nicht verstehen, zu akzeptieren, dass die Welt anders ist und dass wir in dieser Welt mit diesen Unterschieden und vor allem mit viel Respekt leben können und müssen.


Übersetzung Isolde Schmitt

© Sammi Landweer Lia Rodrigues
Lia
Rodrigues
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