Anna Rispoli
im
Gespräch mit
Dilan Sengül

Dilan Sengül
Anna, was war die Idee hinter Close Encounters?

Anna Rispoli
Das Projekt Close Encounters erforscht die Gedanken und Gefühle junger Menschen. Die Methodik beruht auf einer Reihe intimer Dialoge, die von einer Gruppe Jugendlicher geführt wird. In Wien stellen wir uns vor allem die Frage, ob die Begriffe Erfolg oder Misserfolg noch gültige Parameter für die Interpretation der Zukunft sind. Während eines Workshops spielen die Teilnehmer:innen mehrere Konversationsspiele. Von Angesicht zu Angesicht sprechen sie über ihre geheimsten Gedanken und Gefühle. Dieses Material wird zur Grundlage für ein Skript, das anschließend aufgenommen wird. In einer 1:1-Begegnung mit einer:einem der Jugendlichen haben die Zuschauer:innen die Möglichkeit, das Gespräch nachzuspielen und die Worte zweier junger Menschen zu verkörpern, die befreit miteinander sprechen. Die Idee hinter diesem ganzen Prozess ist, die Grenzen der Verständigung zwischen verschiedenen Altersgruppen auszutesten und einen Raum zu schaffen, der gleichzeitig ein safe space ist, in dem gewisse Risiken eingegangen werden können, und ein Raum der Verletzlichkeit, in dem es in Ordnung ist, eine gewisse Zerbrechlichkeit zu zeigen. Ich nenne das „erweiterte Intimität“. Es ist gewissermaßen eine Dimension, in der wir mit Menschen, die wir nicht kennen, vertraut sein können. Ich bin wirklich glücklich, dass ich dieses Projekt mit dir zusammen gemacht habe, Dilan. Wir haben uns ja auch nicht gekannt, und ich sehe, wie sensibel du für Themen bist, die auch mir sehr wichtig sind, wie Transparenz und die Möglichkeit, Machtverhältnisse umzukehren.

Dilan Sengül
Bei der Konzeption dieses Projekts haben wir berücksichtigt, dass es einen großen Unterschied macht, ob „man jemandem einfach ein Mikrofon gibt“ oder ob man als Partner:innen einen gemeinsamen Arbeitsraum schafft. Viele Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen. Und die vor Projektbeginn von uns festgelegten Entscheidungen und Bedingungen – wie die Vergütung der Performer:innen – wurden von Anfang an transparent kommuniziert. Ein Raum, in dem wir spielerisch miteinander umgehen konnten und trotzdem das Gefühl hatten, alles, was darin passiert, würde anonym bleiben.

Anna Rispoli
Ja, partizipatorische Kunst kann heikel sein. Auf der einen Seite ist es extrem wichtig, mit Laien zu arbeiten. Es ist total notwendig und bewegend, aber andererseits birgt es die große Gefahr der Ausbeutung, einer versteckten Ausbeutung von Zeit, Wissen und Gefühlen. Plötzlich finden sich diese Menschen in einem Projekt wieder, das über sie spricht und nicht mit ihnen. Für mich bedeutet Partizipation, etwas mit jemandem zu kreieren. Ich meine, jede:r ist für das eigene Leben Expert:in, und das sollte anerkannt werden.

Dilan Sengül
Bei diesem Projekt hast du dich dafür entschieden, mit einer Gruppe Lehrlingen und einer Gruppe Gymnasiast:innen zu arbeiten. Warum wolltest du mit jungen Menschen arbeiten?

Anna Rispoli
Ich denke, dass Teenager oder junge Menschen im Allgemeinen nicht genug Einfluss darauf haben, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Und das ist ein totales Paradoxon. Alle Pläne für die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft, unserer Städte und unseres Planeten werden von jenen beschlossen, die in diesen Gesellschaften und Städten und auf diesem Planeten dann nicht mehr leben werden. Junge Menschen müssen Wege finden, um mit Entscheidungen zu leben, die sie nicht selbst getroffen haben. Das war einer der Gründe, warum wir junge Menschen treffen wollten, die genau in jenem Alter sind, in dem sie Teil des produktiven Systems unserer Gesellschaft werden. Ich denke, es ist wichtig, über ihre verschiedenen Hintergründe und Lebenswelten zu reflektieren.

Dilan Sengül
Genau. Wenn wir über junge Menschen sprechen, tun wir so, als sei das eine homogene Gruppe. Aber so ist das ja nicht. Wir wussten, dass es unterschiedliche Ausgangsbedingungen gibt. Es war uns klar, dass sie irgendwie alle andere Lebensrealitäten haben. Oft wird Bildung als einzige Lösung betrachtet, um Ungerechtigkeit und Benachteiligung zu verringern. Aber von welcher Art von Bildung sprechen wir? Welches Wissen wird wem weitergegeben, und was sagt das über uns als Gesellschaft aus? Es ist wichtig, sich der verschiedenen Bedingungen und Abhängigkeiten bewusst zu sein. Die Bildung, die wir erhalten, hängt stark von unserem familiären Hintergrund ab. Nicht jede:r bekommt die gleiche Unterstützung – besonders während der Pandemie. Wie ist es, wenn man kein eigenes Zimmer hat, keinen eigenen Schreibtisch, keinen ruhigen Ort, an dem man sich hinsetzen und arbeiten kann? Unter welchen Bedingungen leben die Familien denn wirklich? Und selbst wenn Bildung zu einem höheren Status in der Gesellschaft führt, ist es eine schmerzhafte Wahrheit, dass man mit solch einem Hintergrund auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt immer noch Diskriminierung erfährt. Diese Nachteile werden durch eine bessere Ausbildung nicht verschwinden.

Anna Rispoli
Ein System, das zum Beispiel sehr lebhafte Kinder oder Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten ausschließt, ist extrem ungerecht; es verstärkt sogar noch die Ungleichheiten in der Gesellschaft. Ich glaube, wir müssen Bildung neu definieren. Wir bräuchten eine komplementäre Bildung, die neben der Erweiterung unseres rationalen Verständnisses von der Welt auch unsere Fähigkeit stärkt, emotional gesunde Wesen zu werden, die in der Lage sind, emotionale Herausforderungen zu verarbeiten und gemeinsam zu meistern. Gerade jetzt, nach zwei Jahren eines kollektiven Traumas und kollektiver Isolation, sollte eine emotionale Bildung zum Lehrplan gehören. Und die jungen Menschen, die wir getroffen haben, haben diese Sehnsucht angesprochen. Sie wünschen sich, dass Projekte wie Close Encounters in der Schule regelmäßig stattfinden.

Dilan Sengül
Ja, genau! „Warum können wir das nicht jede Woche machen?“, wurde gefragt. Ich finde das interessant, denn es zeigt, wie sehr sie die Zeit und den richtigen Rahmen vermissen, um einfach miteinander zu reden und sich dabei frei zu fühlen. Wichtig war, dass wir nicht ihnen zugehört haben, sondern dass sie diese Gespräche untereinander führen konnten. Unter welchen Umständen fühlen sich Menschen sicher genug, um sich auszusprechen?

Anna Rispoli
Ich denke, Menschen fühlen sich sicher genug, um frei zu sprechen, wenn sie wissen, dass sie nicht manipuliert oder verletzt werden. Es geht darum, sich gerade bei der Suche nach herausfordernden Gesprächsbereichen unterstützt und begleitet zu fühlen; es geht darum, nicht verurteilt zu werden. Paradoxerweise ist dies manchmal zwischen Menschen, die sich nicht kennen, einfacher. In künstlerischen Kontexten können wir einen Ausnahmeraum schaffen, in dem wir einen Pakt des gegenseitigen Vertrauens „unterzeichnen“. Einen Pakt, der fiktiv ist, uns aber wirklich verpflichtet.

Dilan Sengül
Im Laufe des Workshops haben wir rund 50 Dialoge gesammelt; eine unglaubliche Menge an wertvollen Informationen. Ich könnte mir vorstellen, einen Fonds zu finden, der an der Übernahme dieses erstaunlichen Wissensarchivs interessiert wäre. Es ist wie ein Forschungsprojekt!

Anna Rispoli
Ja! Es ist eine wilde Forschung über Freude, Kummer, Traurigkeit, Untergangsgefühle und Aufregung, Hoffnung, Zweifel, soziale Ungerechtigkeit, Wut, Verletzlichkeit, Krisen ... schon immer sehr spezifische Themen für Jugendliche, aber gerade heute auch verstärkt generationenübergreifende Themen, da wir in der Gesellschaft allgemein einen Zustand von Stress und Verwirrung erleben. Ich glaube, dass diese Performance trotz ihres intimen Rahmens an eine sehr breite Themenpalette anknüpft. Das Projekt ist eine Einladung, mit offenen Ohren zu kommen und sich daran zu erfreuen, von der Stimme, den Worten einer:eines anderen in Besitz genommen zu werden. Und herauszufinden, was das mit uns macht. Manchmal muss man jemand anderer werden, um zu verstehen, wer man selbst ist. Das ist die nahe Begegnung.

Dilan Sengül
Was wünschen wir uns also für das Projekt?

Anna Rispoli
Für mich ist es ein mikropolitisches Projekt, denn trotz seines kleinen Maßstabs ist das Ziel Veränderung, Veränderung durch die Innigkeit von Beziehungen. In diesem Zusammenhang verstehe ich Politik als eine Art Bestrahlung. Um Gesten zu erzeugen, die transformieren und heilen. Ich würde mir wünschen, dass Eltern und Lehrer:innen vorbeikommen und diese 30 Minuten mit den jungen Bürger:innen genießen, und dass dies zu neuen Formen der Begegnung inspiriert und den Wunsch nach kritischen und tiefgründigen Gesprächen weckt. Und ich würde mir wünschen, dass Politiker:innen kommen und den Dialog als eine Übung erleben, wie man mit jungen Menschen redet, anstatt über sie. Was würdest du dir wünschen?

Dilan Sengül
Ich würde mir wünschen, dass solche Projekte öfter stattfinden. Dass wir die Ressourcen haben, um ein derartiges Projekt langfristig auf die Beine zu stellen, denn ich glaube wirklich an die Kunst als ein Mittel, um Freiheit zu erkämpfen. Ich hoffe sehr, dass dieses Projekt zeigt, dass die, die von verschiedenen Formen der Diskriminierung betroffen sind, von vielen Bereichen unseres öffentlichen Lebens ausgeschlossen werden. Wir brauchen uns nicht zu wundern, warum junge Menschen, die in mehrfacher Hinsicht diskriminiert werden, nicht am Theater, nicht an Kunst und Kultur teilnehmen. Warum können wir nicht Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds auf der Bühne oder im Zuschauerraum sehen?

Anna Rispoli
Genau, warum?


Dilan Sengül ist Raumplanerin und Kulturarbeiterin. Seit 2022 ist sie die Produktionsleiterin von D/Arts - Projektbüro für Diversität und urbanen Dialog. 2015-2020 war sie Projektmitarbeiterin in der Brunnenpassage. Sie wirkte in diversen Projekten der freien Szene u.a als Schauspielerin, Organisatorin und Produzentin mit.

Übersetzung
Monika Kalitzke

© Bea Borgers Anna Rispoli
Anna
Rispoli
Anna Rispoli
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