Im Gespräch mit
Nataša Rajković

Der Titel Astronaut Wittgenstein ist eine Hommage an den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Sein Denken hat dich stark beeinflusst. Wie hast du Wittgenstein kennengelernt und was ist dir an seinem Denken besonders wichtig?
Dank meines Philosophiestudiums habe ich, als ich jung war, viele philosophische Bücher gelesen und mich auf diese Weise mit vielen Denker:innen und ihren Anschauungen und Argumentationen vertraut gemacht. Ich hatte Glück, dass meine Professor:innen es wichtiger fanden, dass sich Studierende mit der Philosophie lebendig befassten, als dass sie die Bücher auswendig lernten. So habe ich in den Philosoph:innen Freund:innen gesucht, und in ihrem Denken Antworten auf meine persönlichen, kleinen Fragen. Vielleicht ist Wittgenstein in dieser Hinsicht mein bester Freund. Seine Bücher habe ich gelesen so wie andere Menschen Poesie lesen, bei ihm fand ich zugleich Trost und Herausforderung. Sollte ich einen Satz von ihm hervorheben, dann wäre es jener, dass „wir von dem, wovon wir nicht reden können, schweigen müssen“, weil ich glaube, dass uns dieser Gedanke als eine Zivilisation, in der es wie in einem Bienenstock von Begriffen, Termini, Interpretationen und Geschwätz wimmelt, am meisten betrifft.

Wittgensteins Sprachphilosophie verwebst du nun mit dem großen, unendlichen Raum des Weltalls, sowie dem privaten, intimen Raum einer Demenzerkrankung, welche Erinnerung und Orientierung nimmt. Wie treffen diese Dinge aufeinander?
Alles hängt miteinander zusammen. Hier geht es eigentlich um die kleine Lebensgeschichte einer einzelnen Person, die gleichzeitig so gewaltig und groß ist, dass durch sie auch die universalen Zusammenhänge der Erde und des Universums dargestellt werden können. Es ist eine Geschichte über das Leben per se, über die Spezies Mensch. Und für Menschen sind auch Fragen über Natur, Philosophie, Wissenschaft und alles weitere, womit sie in Berührung kommen, wichtig. Auch Krankheit gehört dazu, sie gehört zum Leben und kann in seiner Komplexität oft nicht erfasst werden. Trotz unserer elaborierten medizinischen Forschung sind Krankheiten immer auch Rätsel für uns.

Astronaut Wittgenstein ist ein Auftragswerk für die Kaisermühlenbucht. Dieser Ort und seine Umgebung ist eine künstlich geschaffene Naturlandschaft. Du hast Davor Sanvincenti für die visuellen Interventionen in dein künstlerisches Team geholt. Wie arbeitet ihr mit diesem konkreten Ort und was bedeutet Eingreifen in die Landschaft für euch?
Dem offenen, öffentlichen Raum begegne ich vor allem mit Respekt. Zunächst beschäftige ich mich mit dem, was ich in diesem Raum antreffe, egal ob hässlich oder schön, und erst dann suche ich Ansatzpunkte für minimale Verschiebungen, subtile Änderungen. Glitches, könnte man sagen. Mit Hilfe kleiner perspektivischer Variationen und Interventionen versuchen wir eine andere Art von Schauen und Erinnern des theatralischen Erlebnisses zu organisieren. Sowohl Davor als auch mich interessiert dasselbe: mit Blick und Erlebnis zu spielen. Ohne grob zu intervenieren, versuchen wir uns in den Raum einzuweben. In den normalen Fluss der vielen unterschiedlichen Bewegungen, die der ganz normale Alltag an der Neuen Donau mit seinen vielen Passant:innen sowieso umfasst.

Welche unterschiedlichen Erfahrungen hast du gemacht, nachdem du nun mehrere Wochen in der Kaisermühlenbucht gearbeitet hast?
Mein Verhältnis zu diesem Raum ist sehr ungewöhnlich. Ich habe mich in die Kaisermühlenbucht auf den ersten Blick verliebt, sofort. Dann aber, als ich den Raum allmählich besser kennenlernte, fing ich an, an meiner Wahl zu zweifeln, habe mich sogar über mich selbst und meine Impulsivität geärgert, er erschien mir mehr und mehr zu aufdringlich und zu groß zu sein. Mir wurde klar, das ist kein mir vertrauter Raum. Ich bin gewohnt, in kleineren, intimeren Räumen zu arbeiten. So war ich mit der Kaisermühlenbucht für ein paar Monate auf Kriegsfuß. Am Ende haben der Raum und ich doch einen Weg gefunden, miteinander auszukommen. Anstatt zu versuchen, ihn kleiner zu machen, entschied ich mich, ihn zu vergrößern. Ich fügte ihm einfach das Universum hinzu, und damit konnte paradoxerweise all das Kleine, Menschliche, Persönliche sichtbarer werden. Fragt man die Astronaut:innen, was ihnen im Weltraum am schönsten erscheint, geben sie alle die gleiche Antwort: die Erde.

© Demirel Pasalic Nataša Rajković
Nataša
Rajković
Nataša Rajković
ASTRONAUT WITTGENSTEIN
Theater
Termine 12. / 13. / 14. / 16. / 17. / 18. Juni
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