American Heroine





Tina Satter / Half Straddles Is This A Room ist ein wörtliches Reenactment einer Tonaufnahme des FBI-Sonderermittlers Justin G. Garrick, die während der Verhaftung von Reality Winner entstand. Die junge Frau wurde schließlich wegen der Veröffentlichung von geheimdienstlichen Informationen verurteilt. Sie erinnern sich, oder? Auch wenn sich seitdem auf der Welt so einiges getan hat, sollte man nicht vergessen, dass die russischen Versuche, amerikanische Wahlcomputer zu hacken, nur deshalb ans Licht kamen, weil 2017 eine 25-jährige Geheimdienst-Spezialistin intern zirkulierende Berichte des US-Nachrichtendiensts NSA an das Aufdeckermagazin The Intercept geschickt hatte.

Das Stück bringt Winners Begegnung mit dem FBI-Team am Tag ihrer Einvernahme auf die Bühne, als die Ermittler – vermutlich mit einem Durchsuchungsbefehl ausgestattet, auch wenn dieser ein wenig auf sich warten lässt – sie vor ihrem Haus in Augusta, Georgia, abfangen. Verhört wird sie schließlich in einem Abstellraum, der ihr, wie sie zaghaft, aber wiederholt feststellt, nicht ganz geheuer ist. Etwas mehr als eine Stunde lang erleben wir in Echtzeit Realitys Wandel von selbstbewusst und zuvorkommend hin zu gebrochen – und immer noch zuvorkommend.

Keine:r der Schauspieler:innen gibt vor, irgendetwas zu wissen, das nicht im offiziellen Mitschnitt zu hören wäre. Satter, die den Text direkt den im Gerichtsverfahren vorgebrachten Unterlagen entnommen hat, geht mit dem Stoff höchst sorgsam um. Man glaubt vielleicht, man sitzt im Avantgarde-Theater „The Kitchen“ in der Show eines hippen, experimentellen Ensembles (was bei der Pre-Show aufgelegt wird, klingt stark nach Kari Faux), doch der Schein trügt: Dieses Stück ist komplett belegt, sauber, hochpräzise, ganz nach Vorschrift. An jenen Stellen, an denen im Transkript ein Wort geschwärzt wurde, halten die Schauspieler:innen inne und das Licht pulsiert dunkelrosa. Ein oder zwei Mal, wenn ganze Passagen unkenntlich gemacht wurden, wird der Raum völlig dunkel. Die Figuren stellen sich neu im Raum auf, das Gespräch geht abrupt weiter.

Parker Lutz’ Bühne ist langgezogen und schmal wie der schwarze Balken der Zensur: eine mit grauem Teppichboden überzogene Plattform zwischen zwei Publikumsblöcken. Im Theatersaal herrscht dichter Nebel. Je länger das Stück dauert, desto mehr lichtet er sich, um schließlich als öliger Qualm wie eine grau-durchsichtige Decke über dem Geschehen zu hängen. Man kann dies als Nebel der Unschuld und des Nichtwissens (von Reality sowie der Wählerschaft) auslegen, der sich auflöst, je eindeutiger die Situation wird. Oder man kann darin sehen, wie sich die Realität in einer Verhörsituation von etwas Zartem in etwas Hässliches und Abgeschmacktes verwandelt. Regisseurin Tina Satter beweist einen scharfen Blick und einen ausgeprägten Sinn für Choreografie: Dank der korridorartigen Anordnung des Spielraums verlagert sich unser Fokus mit dem Verschwinden des Nebels plötzlich von Reality, einer Frau, die beschlossen hat, aktiv zu werden, hin zur Reihe passiver Zuschauer:innen unmittelbar hinter ihr.

Wenn die Scheinwerfer zum ersten Mal angehen, sieht alles noch nach Komödie aus. Emily Davis spielt Winner [Anm.: Besetzung in Wien: Katherine Romans], sportlich und doch verletzlich mit ihrem CrossFit-Rucksack und den gelben Turnschuhen. Nervös geht sie auf und ab, während die drei Typen – alle kalkuliert kumpelhaft – sie zur Rede stellen. Diese Männer sind so ... verdammt ... männlich. Den Schauspielern gelingt es, jedem auf seine Art, die bemühte Männlichkeit der Ermittler zu parodieren, deren Auftritte die Komponistin Sanae Yamada manchmal mit einem kurzen Jingle im Stil einer Musical Comedy untermalt. Garrick zieht ständig geräuschvoll mit der Nase hoch und grunzt beim Lachen, Sonderermittler R. Wallace Taylor kann kaum die Finger von der Waffe lassen und Unbekannter Mann setzt sich mit Schutzweste, Vokuhila-Frisur und Kämpfer-Posen in Szene – alles Elemente, die zur Überführung der leichtgewichtigen Reality gar nicht nötig wären.

Während der gesamten Einvernahme durch die Ermittler, die sich von unangenehm bis unerträglich steigert, strahlt Reality Sanftmütigkeit aus und sorgt sich in erster Linie um ihre Haustiere. „Sie mag keine Männer“, sagt sie über ihre Hündin, voll Angst, dass die erhitzten Kerle diese erschießen könnten – und gibt sich so lang wie möglich unschuldig. Die FBI-Typen und sie haben in Wahrheit einiges gemeinsam: Sie alle stehen auf Schusswaffen (Reality besitzt eine pinke AR-15), haben einen ähnlichen militärischen Hintergrund, ein etwas zwiespältiges Verhältnis zum Bundesstaat Georgia und eine vergleichbare Trainingsroutine. Reality berichtet von ihrer bisher schon beeindruckenden Karriere und wir erfahren, dass sie sich mit militärischen Geheimhaltungsstufen genauso gut auskennt wie mit Gewichtheben. Während es etwas skurril anmutet, drei bewaffnete Männer im aggressiv-geschäftigen Ton darüber diskutieren zu hören, ob Realitys Katze sich auf oder unter dem Bett befindet, wissen wir alle längst, dass ihr galantes Getue eine Falle ist. („Ruf sofort einen Anwalt!“, habe ich auf zwei Seiten notiert).

Is This A Room ist ein großartiges Werk – leidenschaftlich und dabei mit Bedacht ausgeführt; ein Stück, das keine Miene verzieht und dennoch an vielen Stellen zum Lachen bringt. Aber auch erschütternd, denn – verdammt nochmal – die unglaublichsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Zwei Mal ruft sich Reality den Tag in Erinnerung, an dem sie das betreffende NSA-Dokument ausdruckte, faltete und in der Strumpfhose versteckt aus ihrem Büro schmuggelte, um es schließlich vor ihrem Fitnesscenter in den Briefkasten einzuwerfen. Warum hat sie sich nicht mehr Mühe gegeben, ihre Spuren zu verwischen? „Es geht mir nicht mehr um mich“, erklärt sie. Als sie es später wiederholt, diesmal unter Tränen, ist es so erschütternd, dass man es kaum aushält.

[...]

Ist dies ein typisches Half Straddle-Stück? Es wirkt so, als würden Satter und Co. alles, was wir bisher von ihnen kannten, über den Haufen werfen. In den zehn Jahren seit Gründung der Gruppe hatten sie sich der feministischen Camp-Ästhetik verschrieben. Davon zeugen fantastische Possen wie Nurses in New England (2010) und In the Pony Palace/FOOTBALL (2011) oder düster-kitschige Stücke wie Family (2009) und Seagull (Thinking of You) (2013). Is This A Room hingegen interessiert sich für die männliche Präsenz, insbesondere die davon ausgehende züngelnde Bedrohung, und dieses Stück ist unmittelbar und eindringlich wie ein Hilfeschrei. Da sind sie, die coolsten, hippsten Maker auf dem Schulhof, wie sie eine neue Richtung einschlagen und ein brillantes politisches Theaterstück abliefern. Ihr Schießpulver hatten sie wohl all die Zeit über im Sack verwahrt.

Aber jetzt knallt’s.




Von Helen Shaw

Übersetzung Simona Weber

Wiederveröffentlicht von Artforum.com, https://www.artforum.com/performance/helen-shaw-on-tina-satter-half-straddle-s-is-this-a-room-78416 © Helen Shaw, “American Heroine: Tina Satter/Half Straddle’s Is This A Room: REALITY WINNER VERBATIM TRANSCRIPTION,” Artforum.com, 24. Jänner 2019.

© David Goddard Tina Satter
Tina
Satter
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