Daniel Rebgetz im Gespräch mit Lucie Ortmann

Du bist seit November letzten Jahres in Wien und recherchierst, schreibst und komponierst für ein neues Stück, ‘We had a lot of bells’, das Ende Mai bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird. Das Stück wird von Glocken und deren Geschichte handeln. Könntest du mir von einer besonderen Erinnerung erzählen, die du mit Glocken verbindest?
Ich bin in verschiedenen Teilen des Northern Territory und an der Ostküste, in der Nähe von Brisbane in Queensland, Australien aufgewachsen. In diesen Gegenden gab es nur sehr wenige alte Kirchen, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich als Kind wirklich große Glocken gesehen hätte. Ich habe natürlich kleinere Glocken gehört und gesehen - die kleinen Glocken, die in Kirchen geläutet werden, die Schulglocke, die Türklingel, kleine Jingle Bells, mit denen Kinder spielen. Größere (Kirchen-)Glocken habe ich wohl im Fernsehen oder in Büchern gesehen, meistens in Märchen oder Disney-Zeichentrickfilmen. Ich erinnere mich, dass ich etwas später Breaking the Waves von Lars von Trier gesehen habe und fasziniert war, als die Glocken im Himmel läuteten. Als ich zum ersten Mal Italien, Österreich und Deutschland besuchte, war ich geradezu schockiert, als ich Glocken im „echten Leben“ hörte. Es war sehr neuartig für mich und es fühlte sich beinahe wie ein Scherz an.

Wie bist du zu deiner Faszination für Glocken gekommen?
Während meines Studiums in Berlin begann ich, mein eigenes Hören als eine spezifische Praxis zu hinterfragen, die von den Klängen der jeweiligen Umgebungen und Kulturen geprägt ist, denen ich als Hörer ausgesetzt war. Ich habe über die Arten von Klängen nachgedacht, die mich als Kind an einigen recht abgelegenen Orten am Meer oder im Outback im Gegensatz zu den dichter besiedelten Städten umgeben haben. Und darüber, wie diese Klänge und Räume mich als Hörer (aber auch als Sänger, als Klangkörper) immer noch beeinflussen. Aber die Glocken und die Art und Weise, wie ihr Klang von der spezifischen Architektur der Berliner Straßen und Wohnhäuser reflektiert wurde, ist naiv und fast traumhaft für mich geblieben, wurde gleichzeitig aber auch immer profaner und alltäglicher.

Damals entdeckte ich das Buch Die Sprache der Glocken von Alain Corbin und war fasziniert von der darin beschriebenen emotionalen Verbundenheit von Menschen und Dörfern und Städten. Je länger ich in Deutschland blieb, desto weniger naiv und unschuldig wurden die Glocken mit ihren Beschwörungen des Christentums und der europäischen Geschichte für mich. Sie erinnern mich auch daran, dass viele Menschen in Europa den Kontinent als eine Art Festung erhalten wollen. Während der Lockdowns veränderte sich der Klang erneut und bekam eine neue Bedeutung. Er war unheimlicher inmitten der Stille, und ich lauschte, weil ich wusste, dass andere, die auch zu Hause waren, ihn hörten. Das gemeinsame Hören der Glocken ergab einen Moment der Verbindung in unserer Isolation (anders als all das, was wir gemeinsam über Zoom oder das Internet erlebten).

Wir haben uns darüber unterhalten, dass der Klang in der westlichen Kulturgeschichte im Vergleich zum Sehen eine untergeordnete Rolle spielt - liegt das daran, dass der Klang früher sehr schwer zu bewahren war oder immer noch ist? Das Buch des französischen Historikers Alain Corbin ist einzigartig und war wegweisend, als es in den 1990er Jahren veröffentlicht wurde. Heute erforschen die Sound Studies die Klangkulturen – bist du auch von diesem akademischen Bereich inspiriert?
Ich habe in der Schule von der Französischen Revolution gelernt, aber wir haben uns nicht eingehend damit befasst, wie Kirchenglocken in dieser Zeit als christliche Objekte entfernt und zerstört wurden. Die Sprache der Glocken hat mir geholfen zu erkennen, dass ich mir bis dahin die Beziehung zwischen politischen Ereignissen und der Art und Weise, wie wir Orte sinnlich erfahren, oder anders gesagt, wie diese klingen und von Körpern wahrgenommen werden, nie wirklich vorgestellt habe. Ich habe begonnen, an die Französische Revolution zu denken, und dieser Prozess der Säkularisierung wurde als Teil einer Geschichte der Verkörperung zu einem sinnlichen Prozess. Und ja, diese Geschichte hat auch einen spekulativen Aspekt, indem sie über Technologien von Tonaufnahmen hinausgeht. Sie ist eben nicht aufgezeichnet und verifizierbar: Sie ist verloren, und in gewisser Weise ist sie frei.

Anhand von aufgezeichneten Streitigkeiten, Texten, Gesetzen, Regeln und Überwachung untersucht Die Sprache der Glocken, wie ein Klang sozial konstruiert wird und spezifisch ist für eine Gemeinschaft und einen bestimmten Zeitraum. Im Hinblick auf die Hierarchien der Sinne in der westlichen Kultur ist es interessant zu sehen, wie dabei bestimmte Vorurteile und für selbstverständlich genommene Denkweisen und Welterfahrungen erkannt werden können. Die Bevorzugung des Visuellen entsteht beispielsweise dadurch, dass Sprache zunehmend aufgeschrieben und gelesen statt gesprochen wird, und hängt mit dem Geist-Körper-Dualismus zusammen. Wie schon oft festgestellt wurde, ist der Begriff „Aufklärung”, der so sehr mit Ideen von Wissenschaft, Objektivität und Modernität verbunden ist, eine Art visuelle Metapher. Ein Berfragen der Geschichte unserer sinnlichen Praktiken bietet ein großes Potenzial für ein Neudenken der Vorstellungen von „Zivilisation“ und „Fortschritt“, die nach wie vor zu so viel Gewalt gegen Leben und Orte führen. Es hilft auch dabei, universalistische Vorstellungen darüber zu zerstreuen, was einen „Klang“ oder „Musik“ oder „Lärm“ ausmacht.

Glocken wurden zu einem Werkzeug und einem Symbol der Macht - und später auch des Nationalstolzes. Weit über ihre Fähigkeit, Töne zu erzeugen, hinaus sind sie mit Bedeutung aufgeladen. Heute wirken sie wie Überbleibsel, die aus der Zeit gefallen sind.
Glocken sind gewissermaßen “gothic”. Normalerweise hört man sie, aber man sieht sie nicht. Oft ist es nicht möglich, sie nicht zu hören. Manchmal kann man ihnen nicht entkommen (zumindest in manchen Städten oder Dörfern). Wenn man sich genauer mit dem Läuten einer Glocke beschäftigt, merkt man, dass es zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört eine Diskrepanz gibt, wie mit den konstanten Brummfrequenzen der Obertöne gegen das Stakkato des Klöppels auf dem Metall. Glocken zeigen die Zeit an, aber sie stammen auch aus einer anderen Zeit, jenseits von Uhren und Armbanduhren. In ihrer Beziehung zu Spiritualität und Geschichte spuken sie in der Gegenwart herum. Viele religiöse oder spirituelle Praktiken beinhalten Glocken und Glockenspiele und verbinden diese mit Ideen von Schutz und Reinigung, Ritualen, Meditation und Magie. Glocken erinnern an Tradition und Konservatismus, können aber auch esoterisch sein. Und es gibt alle möglichen Verbindungen, zum Beispiel zum Nationalsozialismus und Glocken mit Hakenkreuzinschriften oder anderen Widmungen, die bis ins 21. Jahrhundert geläutet wurden.

Aber genauso wie Glocken autoritär und kontrollierend sein können, können sie auch für Gemeinschaft stehen und eine Verbundenheit implizieren. Eine Glocke zu läuten oder zu hören bedeutet in der Regel, mit vielen anderen Menschen in Verbindung zu stehen. Die gleiche Glocke zu hören, bedeutet oft, einen Raum mit anderen Menschen zu teilen. Eine spezifische Glocke ist auch spezifisch für einen bestimmten Ort. Es gibt nur wenige Instrumente, die uns zwingen, auf eine so ortsgebundene Weise kollektiv zu hören. Was bedeutet es, im digitalen Zeitalter, in dem sich viele von Informationen überflutet fühlen und versuchen, ihre individuelle Hörumgebung zu isolieren und zu verfeinern, einen analogen Klang im öffentlichen Raum gemeinsam zu hören? Und was verrät dieser Klang über diese Gruppe oder Gesellschaft? Früher hatten Glocken eine wichtige Funktion bei der Übermittlung von Informationen und der Einhaltung der Zeit. Jetzt sind sie eine Art Ornament, aber immer noch da, wie ein Relikt oder ein Geist. Und wie verwischt dieser Klang das Öffentliche und das Private, wenn wir ihn in unserer Wohnung selbst bei geschlossenen Fenstern hören können?



Das Interview mit Damian Rebgetz wurde von Lucie Ortmann geführt. Lucie Ortmann ist leitende Dramaturgin im Schauspielhaus Wien.

© Matthias Heschl Damian Rebgetz
Damian
Rebgetz
Nataša Rajković
ASTRONAUT WITTGENSTEIN
Theater
Termine 12. / 13. / 14. / 16. / 17. / 18. Juni
Zum Seitenanfang
logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Hauptsponsoren