Über The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes

Verwundbarkeit und Subjektivität

Letzte Woche stand in meiner Zeitung ein Artikel über Irlands letzte verbliebene „Magdalenen Wäscherei“, die als Gedenkstätte für die Opfer von Inhaftierung und Missbrauch in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen restauriert wird. Die Magdalenen-Wäschereien beherbergten alleinerziehende Mütter sowie andere gefährdete und ausgegrenzte Menschen und waren für ihre fürchterlichen Lebensbedingungen bekannt; ein Beispiel für das, was Roderic O'Gorman, Irlands Minister für Disability, als „schwierige Abrechnung mit [unserer] Geschichte des institutionellen Missbrauchs“ bezeichnete (O’Loughlin, 2022).

Die Wäschereien werden in Back to Back Theatre's The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes neben dem Spielzeughersteller Hasbro und einem Lebensmittelhersteller in Iowa als Beispiele für kommerzielle, staatliche und religiöse Einrichtungen genannt, die auf eine lange Geschichte des Missbrauchs und der Ausbeutung schutzbedürftiger Menschen zurückblicken. Wie es die Schauspielerin namens Sarah (Sarah Mainwaring) während der Aufführung formuliert: „Wir werden wie Bürger:innen zweiter Klasse behandelt. Wir werden übermedikamentiert, haben schlechte Jobaussichten und werden mit Methoden für Tiere trainiert.“ Sie bezieht sich dabei auf die schlechte Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung durch Institutionen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, und darauf, wie sie nach wie vor entmenschlicht werden und in prekären Verhältnissen gefangen sind. Darüber hinaus wird im Laufe des Stücks deutlich, dass die Schauspieler:innen nicht nur über ihre eigenen Missbrauchserfahrungen sprechen, sondern auch uns Zuschauer:innen warnen wollen. Shadow ist eine Variante der Lehrstücke und die Schauspieler:innen hoffen, uns zu lehren, dass derartige Grausamkeiten jeder:jedem, überall und jederzeit passieren können. Die technologischen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die wir geschaffen haben, haben sich gegen uns gewandt, und wir werden daran erinnert, dass wir alle von einem starken Gefühl der Unsicherheit und Verwundbarkeit überschattet sein könnten.

Das Stück macht den endemischen Mangel an Fürsorge für die Menschen sichtbar und untersucht, wie wir daran scheitern, eine Zukunft für die Menschheit und für das Anthropozän zu finden. Von höllischen Wäschereien bis hin zu dystopischen Putenverarbeitungsfabriken zeigt das Stück, wie menschliche Arbeit atomisiert und ihr die Empathie verwehrt bleibt. Um ein weiteres Beispiel zu nennen, das derzeit wegen seiner Bemühungen, sich der gewerkschaftlichen Organisierung zu widersetzen, in den Schlagzeilen ist: In den Vereinigten Staaten nennt Amazon seine Auslieferungslager ominöserweise „Erfüllungs-Zentren" (fulfillment centers), obwohl es sich in Wirklichkeit um Orte handelt, an denen schlecht bezahlte und schutzbedürftige Arbeitnehmer:innen ausgebeutet werden, deren Arbeit durch Algorithmen und permanente Überwachung gesteuert wird.

Shadow untersucht, wie unsere Subjektivität und unser Selbstverständnis durch Technologien und algorithmische Programme geformt werden, die uns verwundbar machen und maschinellen Systemen der Gouvernementalität aussetzen. Ein Teil hiervon ist der Arbeitsplatz, wo der Angriff auf die Subjektivität und die Menschenwürde sichtbar gemacht und verkörpert wird; die „Beute, die der Jäger wird“, ist ein bezeichnendes Bild für das, was der Philosoph Franco „Bifo“ Berardi die kapitalistische Unterwerfung des Menschen in einen Zustand des Halbkapitalismus nennt. Wie er erklärt, kann man auf diesem Weg verstehen, wie sich der Kapitalismus von der Produktion von Waren und Dienstleistungen zum Erschaffen einer Infosphäre entwickelt hat, die „direkt auf das Nervensystem der Gesellschaft wirkt“ (Berardi, 2014: 92). Dies führt zu einem Zusammenbruch der Sprache (die technokratisch und paranoid wird) und zu einem Dahinschwinden unserer Subjektivität. Der Halbkapitalismus versucht, unsere Lebensweisen in der Welt zu regulieren. Wie Berardi sagt: „Beschleunigt durch die Macht der Technologien, übersteigt die Umwelt das menschliche Maß. Die menschliche Vernunft ist erschöpft." (Berardi, 2014: 32)

Ein Treffen zur Rettung der Demokratie

Das Treffen, das in Shadow aufgeführt wird, ist ein weiterer Ausdruck dieser Erschöpfung. Es ist aber auch eine Erinnerung zur rechten Zeit an die Notwendigkeit, einen Sinn für kollektive Vorstellungskraft zu aktivieren und eine Ethik der Fürsorge für das Wohlergehen unserer Gemeinschaften wiederzuentdecken. Das Stück spielt bei einer Gemeindeversammlung in einem Gemeindezentrum. Mit seinen Plastikstühlen, handgeschriebenen Namensschildern und einem Rednerpult – wie an einem Ort, an dem sich die lokale Gemeinschaft versammelt, um dringende Probleme zu besprechen, könnte es überall stattfinden. Dieses Treffen hier findet in Geelong statt, einer Gemeinde 75 Kilometer von Melbourne entfernt, in der das Back to Back Theatre zu Hause ist. Es beginnt mit der Feststellung, dass das Treffen auf dem Land der Aborigines stattfindet, ein in Australien inzwischen übliches Ritual der Bürger:innen, das sowohl an die gewalttätige Besiedlungsgeschichte Australiens erinnert als auch die Kontinuität der indigenen Vormundschaft symbolisch anerkennt. Während wir beobachten, wie das Treffen abläuft, sehen wir möglicherweise einen tapferen Versuch, die Demokratie als Ideal von Partizipation und Inklusion zu retten; einen Ort, an dem existenzielle Probleme diskutiert werden. Die Darstellung der Zerbrechlichkeit der Menschen in dem Stück, die über Neurodiversität und das Bewusstsein von Unterschieden in der Wahrnehmung und Mobilität diskutieren, entspricht der Zerbrechlichkeit des politischen Forums, das sie auf die Bühne bringen – die Gemeindeversammlung als Schmelztiegel der Demokratie. Als intime Zusammenkunft menschlicher Seelen, die eine öffentliche Debatte führen, steht sie im Kleinen für unsere Demokratie, die so missbraucht und zugerichtet wird, dass wir uns ständig fragen, ob sie überleben kann. Wie der Schauspieler Scott (Scott Price) in einem Gespräch über die Bedeutung des Respekts für den Ausdruck menschlicher Intimität bemerkt: „Wir sind verloren auf hoher See, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten denkt, er kann anderen an die Geschlechtsorgane fassen.“

The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes erinnert uns daran, dass auch die demokratischen Institutionen, deren Vorläufer die Bürger:innenversammlung ist, auf hoher See verloren zu gehen scheinen. Wie die Theaterwissenschaftlerin Helena Grehan argumentiert, zeigt uns Shadow die Notwendigkeit eines neuen Sinns für Gegenseitigkeit, der in unseren politischen Institutionen gefördert und in unseren Gemeinschaften im Allgemeinen praktiziert werden muss. Sie plädiert für ein ethisches Engagement, das sie als langsames Zuhören bezeichnet. „Es handelt sich um eine Art des Zuhörens, die gegenüber den vorherrschenden Modi resistent ist, da es nicht um eine oberflächliche Absorption geht, sondern um den Wunsch, sowohl auf das, was gesagt wird, als auch auf die Art und Weise, wie das Gesagte vorgetragen wird, vollständig eingestimmt zu sein, bevor man sich überhaupt anschickt zu antworten.“ (Grehan, 2019: 53). Sie bekräftigt die Notwendigkeit der Stille, des Sich-Zeit-Nehmens, des Einfühlungsvermögens und der aufmerksamen, sensorischen Wahrnehmung des anderen. Grehans Lesart von Shadow untersucht, wie die vielschichtige Diskussion des Treffens über Fragen der Vielfalt, der Fähigkeiten und der Subjektivität „eine Forderung nach langsamem Zuhören erhebt, die ... dringend notwendig ist“ (Grehan, 2019: 56). Sie stellt fest, dass die Dramaturgie der Aufführung einen Weg aufzeigt, der von den stockenden Gesprächen der Schauspieler:innen geprägt ist, die „das Bedürfnis nach einer Verlangsamung der Kommunikation und der Reaktion mitschwingen lassen oder verstärken" (ibid.). Daraus folgt, dass das Aufdecken der Verletzlichkeit und die angespannte Art und Weise, in der die Akteur:innen versuchen, Wege zu finden, um auf die Komplexität ihrer Situation zu reagieren, eine wirksame Form des Widerstands gegen autoritäre Demagogie darstellt. Indem sie eine Politik des langsamen Zuhörens modelliert, erinnert uns die Aufführung an die Notwendigkeit, die Formen der Demokratie zu pflegen, auch wenn die Art und Weise, wie man das tun soll, nicht klar ist. In der Tat sind es die Unordnung und die existenzielle Tiefe der Diskussion in Shadow, die dem Absolutismus der anti-demokratischen Politik widerstehen. Das deutet auch auf etwas Größeres als ein Treffen von politischen Subjekten hin. Die Reziprozität könnte die Demokratie retten, aber um dies zu tun, thematisiert sie den Bedarf anderer Formen der Reziprozität, wie z. B. das Hören auf die Umwelt und den Kollaps des Menschen im Halbkapitalismus. So ist die Welcome to Country-Zeremonie, mit der das Treffen beginnt, nicht nur eine Geste der Versöhnung, sondern auch eine Möglichkeit, die prekäre Geschichte der Völker und des Landes anzuhören.

Shadow hat kein falsches Bewusstsein, keine Auflösung. Der Schauspieler Simon (Simon Laherty) bringt die Stimmung in der Gemeindeversammlung auf den Punkt, wenn er über die Anwesenden sagt: „Sie verstehen es nicht“, woraufhin Scott witzelt: „Ihre Auffassungsgabe schwächelt.“ Wie der Theaterkritiker Cameron Woodhead schrieb, ist das Treffen „eine philosophische Erkundung einiger hartnäckiger Versäumnisse der menschlichen Vorstellungskraft“ (Woodhead 2019). Mit anderen Worten, die Sitzung kommt zu dem Schluss, dass wir uns nichts anderes vorstellen können als die Situation, in der wir uns befinden, auch wenn alle wissen, dass sie nicht gut ist.

Gleichzeitig zeigt uns das Treffen, wie widerstandsfähig Menschen sind, die im Prekarität leben. Auch der Akt der Begegnung selbst verdient es, dass man darüber nachdenkt. Er bedeutet jetzt sicherlich etwas anderes. Mit der Erfahrung von Covid im Hinterkopf ist dieses Treffen in einem Theater eine Zusammenkunft von Menschen, die sich mit den Ängsten vor dem Zusammensein auseinandersetzen und neue Vertrautheiten schaffen, welche dazu beitragen könnten, einen Teil der politischen Paranoia des Halbkapitalismus, die durch die Pandemie noch verstärkt wurde, aus der Welt zu schaffen. Es ist lebendig und körperlich. Auf diese Weise können wir hoffen, dass Shadow eine Manifestation der Artaud'schen Idee des Theaters als Krisenritual ist, eine Form des kollektiven Widerstands gegen Demagogie, indem es uns auffordert, unser Bewusstsein und unsere Sensibilität zu verändern; eine Art, etwas anderes zu werden – a way of becoming something else.

Peter Eckersall lehrt Performance Studies am Graduate Centre der City University of New York. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören Okada Toshiki and Japanese Theatre, (Mitherausgeber:innen Barbara Geilhorn, Andreas Regelsberger & Cody Poulton, 2021), Curating Dramaturgies (herausgegeben mit Bertie Ferdman, 2021), Performativity and Event in 1960s Japan (2013) und We’re People Who Do Shows, Back to Back Theatre: Performance, Politics, Visibility (herausgegeben mit Helena Grehan, 2013). Er ist Mitbegründer und Dramaturg von Not Yet It's Difficult mit Sitz in Melbourne.

Übersetzung
Almut Maria Mölk

Referenzen

Berardi, F. (2014). And: Phenomenology of the End. Helsinki: Aalto Art Books.

Grehan, H. (2019). Slow Listening: the ethics and politics of paying attention, or shut up and listen, Performance Research, 24:8, 53-58.

O’Loughlin, E. (2022). „Ireland’s Last “Magdalene Laundry” Will Become a Memorial“, New York Times, March 31, 2022. Abgerufen am 3. April 2022. https://www.nytimes.com/2022/03/31/world/europe/ireland-magdalene-laundry-women-abuse.html.

Woodhead, C. (2019). Review: The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes, The Age, October 11, 2019. Abgerufen am 3. April 2022. https://www.theage.com.au/culture/theatre/the-shadow-whose-prey-the-hunter-becomes-20191011-p52zry.html.

© Jeff Busby Back to Back Theatre
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