Pickle Bar

Das international gefeierte Künstler:innenkollektiv Slavs and Tatars begibt sich mit seinen Recherche-Projekten in das Gebiet östlich der ehemaligen Berliner Mauer und westlich der Chinesischen und pflegt dabei ein neckisches Verhältnis zu den eurasischen Sprachen, zu Ideologien und Glaubenssystemen. Als slawische Version der Aperitivo-Bar stellt Pickle Bar die jüngste Initiative des Kollektivs dar, seine eurasische Plattform einer breiteren Öffentlichkeit jenseits der Grenzen der etablierten Kunstinstitution zugänglich zu machen, indem es andere Künstler:innen und Denker:innen einlädt, diese Thematiken in einem säuerlichen, wenn nicht sogar salzigen Setting zu erforschen.

Bei der Fermentation verwandelt sich Zucker in Alkohol, und frisches Gemüse wird zu Eingemachtem. Ein Phänomen, das für Zerstörung (Verwesung), Aktivierung (Probiotika) und wundersame Verwandlung (von Gurke zu Gurkerl) in einem steht. Ob nun als Mikroben oder Mitochondrien, die unbemerkt die Haut besiedeln, oder als nicht-native Wirkstoffe, die in uns leben: Bakterien machen ein Kilogramm des durchschnittlichen menschlichen Körpers aus. In seinem Arbeitszyklus mit dem Titel Pickle Politics untersucht das Kollektiv Praktiken und Symbolik der Fermentation und baut mithilfe von Denkbildern des Verfaulten, des Verdorbenen und des Gesäuerten eine politische Argumentationslinie auf. Denn Slavs and Tatars erkennen in der Fermentation nichts weniger als eine Kampfansage an die Aufklärung und deren Erbe des binären Denkens. Schließlich dient die Fermentation der Konservierung durch kontrollierte Verwesung und steht somit für das Erreichen eines Ziels über dessen kontraintuitive Antithese.

Fünf Wochen lang widmet sich die Pop-up-Version der Pickle Bar im Rahmen der Wiener Festwochen diesem Konzept von Fermentation sowie dem anregenden Gefühl von Eingemachtem im Mund und huldigt dabei dem Grundsatz der Gastfreundschaft. Inmitten einer Auswahl verschiedener Kunstwerke von Slavs und Tatars werden in der Pickle Bar erlesene eingelegte Leckerbissen und fermentierte Säfte serviert und im Programm Performances von lokalen und internationalen Künstler:innen präsentiert, die Fragen zu Politik, Materialität und Flüchtigkeit von Sprache nachgehen und Handlungen des Schmeckens, Schluckens und Vokalisierens ergründen.

In den wöchentlich wechselnden Performances der Pickle Bar erforschen die Gastkünstler:innen das einzigartige Ambiente und die enge Beziehung zwischen Sprechen und Essen: In ihrer klangvollen Spoken-Word-Performance beleuchtet Nora Turato die politischen Dimensionen des Akzents in Hollywood; Selin Davasse verleiht der Rolle des Tamada, des traditionellen georgischen Tischmeisters, der für seine hohe Alkoholtoleranz bekannt ist, einen feministischen Twist; Veronika Merkleins und Ela A. Sattlers Performance befasst sich mit dem Biss von der verbotenen Frucht und der Mythologie des Garten Eden; das Wiener Kollektiv Mai Ling bietet mit einem kulinarischen Erlebnis eine Plattform zum Austausch von Erfahrungen im Zusammenhang mit Rassismus, Sexismus, Homophobie und Vorurteilen gegenüber Andersartigkeit, speziell gegenüber asitaischen Frauen*körpern; Onur Karaoğlu bedient sich ausgehend von einem Lied des türkischen Dichters Mahzuni Şerif der epischen Tradition der Aschik-Lieder, um die jüngsten Auswirkungen der Klimakatastrophe zu beklagen; und die adO/Aptive reading group tritt für vier Sitzungen zusammen, um tief in kritische und spekulative Texte über Identität, Technologie und Zugehörigkeit einzutauchen.

Ein dreifaches Hoch auf die Fermentation!

Slavs and Tatars Werkliste

Open Mic, 2018

Plexiglas, Digitaldruck, LED-Lampen, Edelstahl, Aluminium, 95 × 29 × 20 cm.

Das Gurkerl, häufig als Symbol für Satire, Humor und Comedy eingesetzt, wird hier zum Verb, zum Imperativ, in Form eines Rufzeichens, das am Eingang zur Pickle Bar prangt.

Figa, 2016

Siebdruck auf poliertem Stahl, 198 × 76 cm.

Die Feigenhand, im slawischen Kulturraum und jenem der Turkvölker eine vulgäre Geste, als Neuinterpretation des alten ägyptischen Sprichworts: „Das Leben gleicht einer Gurke: Mal hat man es in der Hand, mal im Hintern.“

Pickle Tits, 2018

Offsetdruck auf Papier, 70 × 50 cm, unlimitierte Auflage.

Neben gustatorischen Freuden und ihrer verdauungsfördernden Wirkung bietet Fermentation auch ein emotionales, wenn auch zweideutiges Mittel zur Veranschaulichung des Verfalls unseres gegenwärtigen Gesellschaftsvertrags. Das Phänomen der Fermentation als Inbegriff von Zerstörung (Verwesung), Aktivierung (Probiotika) und wundersamer Verwandlung (von Gurke zu Gurkerl). Auf den Postern erfährt das Gurkerl, das nur allzu oft als humoristische Darstellung des männlichen Genitals herhalten muss, eine Umdeutung in Gestalt weiblicher Brustwarzen. Über das Bild von der die Gesellschaft umsorgenden Mutter thematisiert Pickle Tits die oft als ernährend betrachtete Beziehung zwischen den Herrschenden und der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu dieser nährenden Rolle, die patriarchalen oder matriarchalen Systemen oftmals zugeschrieben wird, rinnt in diesem Fall vergorene Milch aus Kefirbrüsten.

Mme Meerrettich, 2019

Wollgarn, 2019, 312 × 203 cm.

Der Kren, jene transnationale Wurzel aus Osteuropa und Westasien, als Sinnbild für das Hin und Her, die Anziehung und die Abstoßung, die für ein Überdenken und Überwinden der auf Reduktion und Konfrontation ausgerichteten Denkweise unserer Zeit notwendig sind. Ein Schmähbild auf alles Binäre, zeichnet sich Pan Chrzan – ein zweiköpfiger anthropomorpher Kren und Maskottchen des Pickle Politics Arbeitszyklus des Kollektivs – doch durch einen Schwanz aus, der sich mit dem Kopf unterhält: eine Verballhornung des Dualismus im Sinne des Aufklärungsgedankens.

To Turn, 2019

UV-Druck, PVC, Stahl, 340 × 580 cm.

PVC-Vorhänge, wie sie oft in Lebensmittelgeschäften, Fleischereien und dergleichen zu finden sind, fungieren als Raumteiler zum Zweck der Hygiene und der Temperaturregelung. Der Vorhang zeigt die duale Natur der Fermentation als Form der Verwesung und Konservierung einerseits und zur Leistungssteigerung bzw. als Kater-Kur andererseits.

Sämtliche Slavs and Tatars Werke wurden von den Künstler:innen und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, zur Verfügung gestellt.

Übersetzung Simona Weber


Zum Seitenanfang
logo
logo
Drücken Sie die Eingabetaste, um zu suchen, oder ESC, um zu schließen
Die Wiener Festwochen danken ihren Hauptsponsoren