Kleine Windstöße oder große Stürme

Im Gespräch mit Christiane Jatahy

Depois do silêncio basiert auf dem aktuellen Roman Torto Arado von Itamar Vieira Júnior sowie auf dem einflussreichen Dokumentarfilm Cabra Marcado Para Morrer von Eduardo Coutinho. Kannst du uns erzählen, warum du dieses Ausgangsmaterial für deine neueste Theaterarbeit gewählt hast?
Dieses Werk stellt eine Art Heimkehr nach Brasilien dar, sowohl auf persönlicher Ebene – nach sieben Jahren mache ich wieder ein Stück in Brasilien, ausschließlich mit brasilianischen Künstler:innen – als auch, was Recherche und Thema betrifft. Es ist gleichzeitig ein Perspektivenwechsel; es wird eine der zentralen Fragen sozialer Ungerechtigkeit in Brasilien angesprochen, aus dem Blickwinkel der Menschen, die von einem kolonialistischen System, das bis heute Bestand hat, massakriert wurden und werden. Es geht darum, die Problematik von Land und Territorium zu thematisieren, durch ein Sprechen der Menschen, die diese Geschichte mit ihrem Körper, ihrem Blut und ihrer Stimme jeden Tag geschrieben haben und schreiben. Schwarze und indigene Menschen.

Daher fiel die Wahl auf das Buch Torto Arado von Itamar Vieira Júnior, ein außergewöhnlicher Roman, der auf der Grundlage umfangreicher und tiefgreifender Recherchen in einer dieser brasilianischen „comunidades“ entstanden ist, in denen die Sklaverei in unterschiedlichen Erscheinungsformen fortgeführt wird. Die Mischung aus Dokumentation und Fiktion und der Tod eines der Charaktere des Buches, der für das Recht auf Land und bessere Arbeitsbedingungen kämpft, schaffen eine Überschneidung mit Eduardo Coutinhos Dokumentarfilm Cabra Marcado Para Morrer. Der Film erzählt die Geschichte von João Pedro Teixeira, einem wichtigen Anführer der Bewegung für das Recht auf Land in Brasilien. Coutinho konstruiert diesen Dokumentarfilm, indem er die Realität mit der Wiederverfilmung der Realität überlagert – einige der „Charaktere“ sind genau die Menschen, die die Geschichte erlebt haben.

Bei meiner Recherche bewege ich mich auch entlang dieser Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Die Entstehung dieses Theaterstücks/ Films vollzieht sich in der Verknüpfung dieser beiden Materialien und Mittel, aber auch durch die Präsenz und Sprache der Schauspielerinnen, deren persönliche Geschichten mit dem Buch und dem Film verknüpft sind.

Die Performer:innen in Ihrem Stück unterscheiden sich darin von Schauspieler:innen, die vorgeben, jemand zu sein, der sie nicht sind. Auf welche Weise ist deine Anwesenheit mit der Erzählung des Stücks verwoben?
In meiner Arbeit mit den Schauspieler:innen trachte ich immer danach, dass die Person – mit ihrer Geschichte und Subjektivität – in der „Konstruktion“ der Figur präsent ist. Manchmal ist dieser Abstand größer, ein anderes Mal, wie im Fall von Depois do Silêncio, ist der fiktive Körper an den Körper der Darstellerin gekittet. In dem, was sie sagen, und in dem, was sie sind. Die Anprangerung von tatsächlich erlebten Ereignissen und von Ereignissen in der von ihnen dargestellten Fiktion, ist untrennbar verbunden. Das gilt auch für das ganze Universum der Magie und der Teilhabe, das in ihnen steckt und auf der Bühne präsent ist.

Eine spezifische Verwendung des Mediums Film ist für deine Art, Theater zu machen, von Bedeutung. Für dieses Stück hast du einige Zeit in der Region Chapada Diamantina in Bahia verbracht, um das Material für das Stück aufzunehmen. Was genau ermöglicht dir das Filmen und Projizieren?
Die Dreharbeiten in der Chapada Diamantina, in der die Geschichte des Buches spielt, waren die Grundlage für die Schaffung der Beziehung zwischen Theater und Kino, aber auch zwischen Fiktion und Dokumentation. Die Menschen aus der „comunidad“ erzählen und sind an den Szenen beteiligt. Es ist ihre Geschichte, aber es ist auch die Fiktionalisierung dieser Geschichten.

Der Film dient als Fenster zum Anderen, damit wir Menschen sehen und hören können, die die Geschichte, die wir erzählen, tagtäglich erleben. Die Körper in diesem Film werden oft in den gleichen Proportionen wie die Körper der Schauspielerinnen und des Musikers auf der Bühne dargestellt, als ob, wenn die Leinwand reißen würde, diese Körper dann wie durch Zauberei hier und jetzt auf der Bühne stehen könnten.

Die Beziehung zwischen Theater und Kino auf der Bühne ist immer auch ein Spiel mit dem Register der Vergangenheit, die – im Fall dieses Stücks – Material für die Konferenz ist, die die Schauspielerinnen darstellen, aber es ist auch immer die Möglichkeit, dass wir, indem wir die Vergangenheit in der Gegenwart des Theaters wieder aufgreifen, wer weiß, eine andere Zukunft projizieren können.

Die Idee der Transformation ist für dich sehr wichtig. Was meinst du damit?
Ich glaube, dass die theatrale Handlung ein Akt der Transformation sein kann. Für die Theaterschaffenden und für die Zuschauer:innen. Sie ist immer politisch, und politische Praxis ist eine Praxis der Transformation. Individuell und kollektiv. Das können kleine Windstöße oder große Stürme sein. Aber für mich geht es immer um den Versuch, das zu verstehen, was uns umgibt, und gemeinsam zu überlegen, wie wir etwas verändern können.

Die Geschichte, die Depois do Silêncio erzählt, ist voller ungerechter Grausamkeit und Leid, dennoch ist der allgemeine Ton des Stücks eher fröhlich. Was gibt dir die Fähigkeit, an die Hoffnung zu glauben?
Bei einer der Improvisationen bei den Proben sagte Juliana, eine der Schauspielerinnen: „Es geht weniger um Horror als um Kontinuität …“ Und die andere Schauspielerin, Gaia, erklärte: „Es geht auch um den Horror.“ Sie haben beide Recht. Es geht um das Grauen, aber auch um die Fähigkeit, zu verändern und zu überleben, um Stärke, Geschwisterlichkeit, Stolz, Lebensfreude und Weitermachen, um Musik, um Schönheit, um Tanz, um die Verzauberten, um Familie und Liebe. Das sind die Dinge, die uns in dieser Welt, die immer wieder versucht, uns die Hoffnung zu nehmen, Leben geben.




Das Gespräch mit Christiane Jatahy führte Tarun Kade.

© Leo Aversa Christiane Jatahy
Christiane
Jatahy
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