P.R.

Ich war eng mit dem Künstler und unabhängigen Labelbetreiber Peter Rehberg befreundet, seit ich ihn im Jahr 2000 für das What is Music?-Festival nach Australien geholt hatte. Zusammen mit anderen Mego Label-Künstler:innen wurde Peter eingeflogen, um eine damals radikal neue Musiksprache zu präsentieren, für die der Begriff „extreme Computermusik“ geprägt wurde.

Im heutigen Zeitalter von sich bedrohlich auftürmenden Deepfakes, schwerem VR/AI-Missbrauch durch die üblichen Verdächtigen und der unausweichlichen Beschleunigung all dieses vorhersehbaren Wahnsinns durch den bevorstehenden Aufstieg des Quantencumputers kann einem verziehen werden, dass man schnell mal vergisst, welchen Einfluss PCs ursprünglich hatten, nachdem sie in das Gefüge unseres Daseins eingepflanzt wurden. Der Laptop leitete in allen Aspekten des Lebens eine Revolution ein. Die Musik war davon nicht ausgenommen. Peter Rehberg und seine Mitstreiter:innen waren das Epizentrum beim Einsatz des Laptops für das Produzieren und Live-Performen von Musik.

Als Rehberg im Jänner 2000 zum ersten Mal auf dem Festival in Melbourne die Bühne betrat, wurde das neue Millennium mit außergewöhnlichem Noise getauft. Der kam aus einer Maschine, die, groß wie ein A4-Blatt und ungefähr 3cm dick, sich in zwei Teile teilte, mit einem Bildschirm in Richtung darunter liegender Tastatur. Mit diesem damals neuen Apple 3G-Laptop begann er, unter dem Künstlernamen PITA, Musik auf eine bisher nie dagewesene Weise zu zerschreddern. Er spielte seinen inzwischen legendären Song Track 3 und die Kinnladen der Anwesenden klappten herunter. Fetzen kreischender Elektronik schossen durch den Raum. Das war emotionale, intensive Musik direkt in die Magengrube, der niemand zuvor begegnet war. „Sowas kann dieses Ding?“, war die zentrale Frage der verblüfften Menge. Einer aus dem Publikum, der mit Rock’n’Roll aufgewachsen war, versuchte sogar, mir ins Gesicht zu schlagen, weil er so wütend war, dass ich als Veranstalter eine solche „Musik“, die derart aufgeführt wurde, eingeladen hatte.

Es brauchte Zeit, bis die Welt den Aufprall dieser neuen Musikform verdaut hatte, doch bald entstanden rund um sie eine Fülle von Underground-Musikformen; vom hyperabstrakten Weird Pop von Arca hin zum neuesten Albumrelease aus der Zusammenarbeit des kenianischen Klangkünstlers Joseph Kamaru (der Ausnahmekünstler, den Peter ins Rampenlicht brachte, in dem er heute steht) mit Niamké Désiré, dem französischen Komponisten und Produzenten elektronischer Musik. Ihr Track Resurgence ist ein Update des extrem emotionalen Noise, den Peter mit seinen ersten Laptop-Experimenten entwickelt hatte. Wäre ich ein Typ, der in der echten Welt Graffitis auf Wände sprüht, würde ich also schreiben: Tim Hecker kam NACH PITA! PITA und der Originalsound von Mego war das Epizentrum einer Musik, deren Entwicklung man fälschlicherweise anderen zuschreiben könnte. Zu den Vorgängern, die dahin führten, lassen sich Parmegiani, Xenakis, UK industrial music, Whitehouse, Underground resistance et al. zählen. Es war allerdings das Aufkommen von Laptops und (kostenloser) Musiksoftware, das den Weg für neue Klangwelten ebnete, die heute allgegenwärtig sind, konstant erneuert werden und sich in neue Formen weiterentwickeln. Als Labelchef waren die Antennen des Kurators Peter immer auf die vielfältigen neuen Entwicklungen um ihn herum gepolt, und er pickte sich die Rosinen aus der ersten Reihe der Avantgarde heraus, um sie auf seinem eigenen Label zu veröffentlichen. Mit mehr als 500 Neuerscheinungen ist Editions Mego eine Art Totem für zeitgenössische experimentelle Musik der letzten zwei Jahrzehnte.

Menschlich war Peter der Beste. Authentisch, intensiv, leidenschaftlich, loyal und sehr witzig. Als kreatives Wesen war er völlig kompromisslos in seiner wunderbar radikalen und eigensinnigen Vision. Als Labelbetreiber hat er wahrscheinlich mehr Karrieren in Fahrt gebracht als irgendein anderer, der mir sonst einfällt, ganz zu schweigen von den anderen Labels, die nach dem ersten Beben unter dem Einfluss von Mego entstanden sind. In Sekundenschnelle konnte er die Katalognummer eines frühen Mute-Releases nennen. Er war besessen von solchen Ordnungssystemen und Mustern. In Melbourne angekommen, fragte er mich nach einer Landkarte. Ich gab ihm eine vom Bundesstaat Victoria und später kaufte er sich noch andere von Orten, die er gar nicht besuchen wollte. Er wollte sie nur lesen.

Peter liebte Musik. Ständig sprach er von Konzerten, die er als Teenager gesehen hatte: „Ich habe The Fall x- (ich erinnere mich nicht an die genaue Anzahl) Mal gesehen, bevor ich 20 war!“ Die Swans, Cabaret Voltaire … die Liste ist endlos. Und das von jemandem, der seinen Vater bat, ihn zu seinem 15. Geburtstag zu einem Auftritt von Stockhausen zu fahren, nachdem er etwas von ihm im Radio gehört hatte. Peter war ein funny fucker. Ich meine, ein wirklich lustiger Mensch mit einer großen Bandbreite an allerschwärzestem Humor. Peter hatte so einen bissigen Witz, dass er jene, die seinen sehr britischen Humor nicht verstanden, oft einschüchterte. Er war auch ein unglaublich großzügiger Mensch. Gibt es ein vergleichbares Label, das so viele neue Künstler:innen unterstützt? So klein Underground-Labels auch sind, seines war ein riesiges Underground-Label. Er war total enthusiastisch, was seine Neuerscheinungen und Vorhaben anging. Peter war immer enthusiastisch. Sein Enthusiasmus war so endlos wie ansteckend.

Außer an den einschlagenden Auftritt in Melbourne erinnere ich mich häufig an zwei andere Highlights von den unzähligen Malen, an denen ich Peter live auftreten sah. Das Debüt von Rehberg und Marcus Schmickler als Duo in Großbritannien stellte alles auf den Kopf: Sie bauten neben dem Mischpult im hinteren Teil des Raumes auf und spielten dort. Sie drehten alle Saallichter voll auf. Dann spielten sie das Audio rückwärts ab. Ich glaube, ich war noch nie vorher einem so verdrehten Audio begegnet. Ein wahnsinnig ekstatisches Monster, beladen mit dem Risset-Effekt, das sich selbst durch den Raum trieb und für alle Ohren ein Schock war. Peter war irgendwann so begeistert, dass er auf seinen Sessel stieg und mit einer Faust in die Luft boxte. Peter war kein Theoretiker. An dem Sonntag, an dem Bowie starb, war Peter in der Stadt. Wie alle von uns war er ein großer Bowie-Fan, also entschied man, nach dem Mego-Auftritt ein DJ-Set in Gedenken an Bowie im Londoner Cafe Oto zu spielen. Peter und Thurston Moore legten ohne Pause Bowie-Tracks auf, stundenlang. Peters Wissen über Bowie war immens und die Auswahl der Tracks perfekt, dadurch wurde aus einem potenziell düsteren Anlass ein Ereignis, bei dem alle aus Euphorie komplett durchdrehten.

Peter Rehbergs Tod erschütterte die internationale Experimentalmusik-Szene gewaltig. Es war ein schwerer Schlag für so viele Menschen unterschiedlicher Generationen, Länder und Underground-Szenen. Es gab einen Schockmoment, gefolgt von einem unendlichen Strom an online geteilten Erinnerungen, Hommagen und Würdigungen. Führende Medien wie The Guardian und die New York Times veröffentlichten Nachrufe. „Ich hatte keine Ahnung, dass er so berühmt war“, sagte mir seine Tochter Natasha letztes Jahr bei einer Feier für ihren Vater in Wien nach dessen Ableben. Das war er nicht wirklich, aber der Einfluss, den er auf so viele Leben, darunter meines, hatte, war der Grund, dass sein Ableben bei vielen nachwirkte und das noch immer tut. Es geht nicht um Ruhm, sondern um Leidenschaft, Ehrlichkeit, Offenheit und Überzeugung. Peter besitzt von all dem reichlich.

Peter liebte kompromisslose Kunst innerhalb der Klangkunst und genauso sehr liebte er Plattenlabels. Am Ende war er als Künstler und Labelchef zur Legende geworden. Er verband seine Interessen zu einem Lebenswerk und, Mann, das gelang ihm echt gut. Es gibt nicht mehr viele Pioniere, aber Peter war einer von ihnen, als Künstler, als Labelbetreiber und als Kurator. Es gab niemanden wie Peter Rehberg.

Peter Rehberg (29. Juni 1968 – 22. Juli 2021) Top!



von Mark Harwood, Berlin, im Mai 2022

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