12. Mai —
18. Juni 2017

Museum der Weltlosen

Kapitel 1: Flucht sammeln

© fluchtwege.at

Ethnologische Museen sind Häuser der Kulturen. Ihre Sammlungen wurden vielfach unter kolonialen Bedingungen und zu nationalistischen Zwecken erworben – nicht selten auch geraubt. Umrahmt wurden ihre „Sammlungsvorgänge“ von wissenschaftlichen Diskursen, die später zur Entstehung folgenreicher Biologismen und Rassismen beitrugen. Heute geben ihre – vielfach zur Kunst geadelten – Exponate vor, „Kulturen der Welt“ gleichwertig zu versammeln. Manche Schauen errichten gar „exotische“ Welten, die es so nie gegeben hat.

Wie müsste ein Weltmuseum des 21. Jahrhunderts aussehen? Wenn das Verhältnis von Ethnos (Volk), Demos (Staatsvolk) und Nomos (Ordnung des Raums) ins Wanken gerät, wer kann was in wessen Namen sammeln? Wer sind die Subjekte von Kultur und Geschichte? Was gibt Zeugnis vom „Eigenen“ und vom „Anderen“, wenn Abweichung und Machtlosigkeit zur Norm eines neuen Feudalismus werden? Und wie lassen sich kulturelle Artefakte sammeln, die nur noch als digitale Codes auf Server-Farmen globaler Konzerne existieren?

Die enormen Verwerfungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts lassen „Überflüssige“ in allen Weltregionen entstehen, die der Soziologe Zygmunt Baumann als die „Weltlosen“ von heute begreift. Ihnen werden grundlegende Menschen-Rechte sowie jegliche Aussicht auf ein gutes Leben und gesellschaftliche Teilhabe versagt. Kann eine „fantastische Ethnologie“ ihnen ein zukünftiges Gedächtnis errichten?

Dieser Frage geht ein museales Kunstprojekt von Alexander Martos, Niko Wahl, den Fellows des Collegium Irregulare und dem Volkskundemuseum Wien nach. An vier Abenden entwirft das Museum der Weltlosen im Performeum eine Sammlung ohne Ort (Kapitel 1: Flucht sammeln), eine Geschichte ohne Subjekte, ein Volk ohne Folgen. Der Fülle der Welthaftigkeit setzt es das Poröse der Kulturen der Weltlosen entgegen.

Collegium Irregulare
Ein Fellowship-Programm für Asylwerber*innen

Viele Künstler*innen, Kulturschaffende, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, aber auch Ingenieur*innen oder Unternehmer*innen fliehen vor Krieg, Verfolgung, Folter oder anderer unmenschlicher Behandlung. Tausende von ihnen sind im Jahr 2015 in Österreich gestrandet. Zwar stehen sie unter dem besonderen Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention, doch enden ihre Bürger*innen-Rechte bereits an den Toren des Arbeitsmarktes. Die Teilhabe an Residency Programmen, wissenschaftlichen Fellowships oder Förderungen für Start-ups, die EU-Bürger*innen offen stehen, bleibt für sie ein unerreichbares Privileg.

Die Gesetzeslage zwingt heute Tausende hoch qualifizierte Asylwerber*innen dazu, in der Warteschleife eines besseren Lebens zu darben, während zugleich viel Geld investiert wird, um führende Köpfe in Kultur, Wissenschaft und Technik ins Land zu locken. Das Collegium Irregulare – ein Projekt von Science Communications Research in Zusammenarbeit mit der Akademie des Verlernens – will deshalb in den kommenden Jahren Asylwerber*innen einladen, im Rahmen mehrmonatiger Fellowships die Fäden ihres Lebens und Arbeitens, ihres Denkens und Entwerfens, ihrer Talente und Passionen wieder aufzunehmen. Gemeinsam wird dabei auch an den Konturen einer künftigen Institution – teils künstlerische Akademie, teils Wissenschaftskolleg und Projektinkubator für Flüchtlinge und Asylwerber*innen – gefeilt.

Das Collegium Irregulare ist ein Kunstprojekt, das ein politisches Erbe aufnimmt: Die bedrohte Kunstform, Institutionen zu gründen.

Collegium Irregulare ist ein Projekt von Alexander Martos (Science Communications Research) in Zusammenarbeit mit der Akademie des Verlernens der Wiener Festwochen. Das Collegium Irregulare soll als unabhängige Einrichtung aus dem Raum der Kunstproduktion entstehen und mithilfe privater und zivilgesellschaftlicher Mittel finanziert werden. Die ersten Fellowships des Collegium Irregulare wurden im Rahmen des Museum der Weltlosen in Zusammenarbeit mit dem Volkskundemuseum Wien und den Wiener Festwochen realisiert.