12. Mai —
18. Juni 2017

Democracy in America

Socìetas, Romeo Castellucci

© Societas
© Guido Mencari

"Diese Performance ist nicht politisch", schreibt Romeo Castellucci, Schöpfer bildgewaltiger, gesellschaftspolitisch aufgeladener Performances über seine neue Arbeit Democracy in America, sie sei "eher eine Reflexion über das Ende von Politik". Dabei setzt er an einem historischen Wendepunkt der Geschichte der westlichen Welt an: Der Gründung der USA, dem Utopie-Projekt des kolonialen Europa und der zweibändigen, 1835 erschienenen Abhandlung De la démocratie en Amérique von Alexis de Tocqueville. De Tocqueville, selbst überzeugter Kolonialist, beschrieb in seinem Text nicht nur das neubegründete politische System aus dem Geist des Puritanismus und der Idee der evangelikalen Gleichheit der Individuen, er untermauerte auch die politische Vision seiner Zeit und feierte die Grunderneuerung repräsentativer Demokratie. Die weiße Realutopie war jedoch von diffusen, religiös motivierten Gefühlen getragen. Ihre eigenen Krisen – von Tyrannei der Mehrheit, Populismus und dem Widerspruch zwischen kollektivem Interesse und individueller Freiheit bis hin zum Schicksal der Ausgebeuteten – wurden schon zu Beginn antizipiert. Vor allem aber stellte die amerikanische Demokratie einen Bruch mit Athen, der griechischen Idee von Demokratie und ihrer kathartischen gesellschaftspolitischen Schwester, der Tragödie, dar. Castellucci folgt De Tocquvilles Beispiel und begibt sich mit Democracy in America selbst in die Zeit vor der Politik, vor der Geburt der Tragödie und spürt einem vergessenen Fest nach, einem Ritus, der noch keinen Namen hat. Ein Ritus, in dem Theater seine ursprüngliche Funktion als notwendiges und zugleich düsteres Spiegelbild des Schauplatzes von politischen Auseinandersetzungen erneuern kann.