Ein Schauspiel / Köln, Hamburg / ÖSTERREICH-PREMIERE
Von Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek schrieb hellsichtig ihre hochaktuelle Farce des Wirtschaftsdebakels, noch bevor die Lehman-Pleite in den Nachrichten angekommen war. Wie immer führt sie sprachmaßlos und lustvoll die Krise als deren ideologische Sprechweisen vor. Nicolas Stemann macht aus der Textüberforderung mit sieben Schauspielern, drei Musikern, Live- Kamera und sich selber eine höchst virtuos unterhaltsame und unangestrengte Performance. Mehr
Anlass für Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie waren zwei Wiener Finanzskandale: Die Gewerkschaftsbank BAWAG hatte sich mit Arbeiterpensionen verspekuliert und die Meinl-Bank hatte unter Beteiligung eines Ex-Finanzministers das Geld ihrer Anleger in Offshore-Zertifikaten versickern lassen. So schrieb Jelinek hellsichtig ihre hochaktuelle Farce des Wirtschaftsdebakels, noch bevor die Lehman-Pleite in den Nachrichten angekommen war. Wie immer führt sie sprachmaßlos und lustvoll die Krise als deren ideologische Sprechweisen vor. Wie in der antiken Tragödie gibt es einen lamentierenden Chor der ruinierten Kleinanleger und Chöre der Chefetagen, unterschiedliche Positionen der gleichen Markt-Ideologie. Der von Jelinek bearbeitete Wirtschaftsjargon dringt in seinem Aberwitz auf uns ein, als würde das Kapital selber sprechen. „Geld muss frei sein. Es ist jetzt auf einer schönen Insel.“ Im letzten Teil meldet sich das Leben zu Wort als Opfer und als Mörder. Das Kapital kann sich jetzt in Ruhe verwirklichen, weil die Kleinen nicht mehr dabei sind und weil die Opfer abgeschafft werden.
Nicolas Stemann macht aus der Textüberforderung mit sieben Schauspielern, drei Musikern, Live-Kamera und sich selber eine höchst virtuos unterhaltsame und unangestrengte Performance, die das Kölner Publikum bei der Uraufführung nach drei Stunden zu Standing Ovations aufspringen ließ. Für die erste Aufführung dieses Stückes in Österreich werden die in Köln und Hamburg reduzierten Wien-Bezüge wieder herausgearbeitet.
Literaturhinweis:
Janke, Pia (Hg.): JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2010. Wien: Praesens Verlag 2010.
Neben Beiträgen zu den beiden Texten – „Rechnitz (Der Würgeengel)“ und „Die Kontrakte des Kaufmanns“ – und einem Interview mit Christoph Schlingensief enthält das Jahrbuch u.a. das Protokoll eines vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum initiierten und moderierten Chats mit dem Regisseur Nicolas Stemann zur Uraufführungsinszenierung der „Kontrakte des Kaufmanns“. Nicolas Stemann ist außerdem auch Teil der ebenfalls abgedruckten Podiumsdiskussion „Die (Ohn-)Macht der Kunst“.
Genauere Informationen finden Sie unter www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/publikationen/jelinekjahrbuch/
INSZENIERUNG / Nicolas Stemann
BÜHNE / Katrin Nottrodt
KOSTÜME / Marysol del Castillo
VIDEO / Claudia Lehmann
MUSIK / Sebastian Vogel, Thomas Kürstner
LICHT / Paulus Vogt
DRAMATURGIE / Benjamin von Blomberg
Mit Therese Dürrenberger, Ralf Harster, Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Sebastian Rudolph, Maria Schrader, Patrycia Ziolkowska
Spielort
Halle E im MuseumsQuartierSpieltage
17.06.10 19:30Preise
EUR 9,- / 15,- / 21,- / 27,- / 36,- / 48,-Sprache
DeutschDauer
ca. 4 Std., keine PausePUBLIKUMSGESPRÄCH
18. Juni, im Anschluss an die Vorstellung, Halle E im MuseumsQuartier